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Von Omnivoren und Local Exotics © Julietta Kunkel

Hanni Rützler analysiert seit über 25 Jahren den Wandel der Esskultur. Ihre jährlichen Food Reports – der erste wurde 2014 veröffentlicht – erscheinen beim Frankfurter Zukunftsinstitut.

© Julietta Kunkel

Hanni Rützler analysiert seit über 25 Jahren den Wandel der Esskultur. Ihre jährlichen Food Reports – der erste wurde 2014 veröffentlicht – erscheinen beim Frankfurter Zukunftsinstitut.

Redaktion 21.05.2021

Von Omnivoren und Local Exotics

Hanni Rützlers Food Report 2022 sieht Corona als Katalysator und Beschleuniger einer Reihe von Trends.

••• Von Paul Hafner

FRANKFURT. Der letzte Food Report der Vorarlberger Ernährungsforscherin Hanni Rützler attestierte (zutreffend) einen Siegeszug der virtuellen Restaurants („Ghost Kitchens”) und alkoholfreier „Drinks” sowie eine Bedeutungszunahme der Agrobiodiversität; im jüngst erschienenen „Food Report 2022” stehen nun neben den langfristigen Auswirkungen der CoronaPandemie auf unsere Esskultur und einem neuen Verständnis von gesunder Ernährung wiederum drei große Trends im Fokus.

Null Müll

„Zero Waste” – das nachhaltige Streben nach minimaler Abfallproduktion und dem sorgsamen Umgang mit Ressourcen – ist keine Neuheit, wurde die „Zero Waste International Alliance” doch schon 2002 gegründet. Doch hat das Schlagwort in den vergangenen Jahren beständig an medialer Aufmerksamkeit gewonnen; 2015 wurde etwa der Verein „Zero Waste Austria” gegründet, und die Zahl der Sachbuchbpublikationen zum Thema nimmt laufend zu. „Die Cradle-to-Cradle-Philosophie und die sich weiterentwickelnde Vision der Sharing Economy sind die treibenden Kräfte hinter der Idee, Müll oder scheinbaren Müll nicht nur wiederzuverwerten oder zu recyceln, sondern gar nicht erst anfallen zu lassen”, erkärt Rützler. Sie ist überzeugt: Der Trend ist in der Pandemie durchgestartet, und wir werden noch mehr davon hören.

Exotik vor der Haustür

Die Lockdowns haben nicht nur die Bedeutung lokaler Lebensmittelproduktion weiter verstärkt, sondern zugleich „eine neue Sehnsucht nach kulinarischen Entdeckungen und exotischen Genüssen geweckt”, meint Rützler. Die „Local Exotics” versprechen, dieses nur vermeintlich kulinarische Paradoxon in Zukunft aufzulösen – mit dem regionalen Anbau von Wasabi, Feigen und Melonen. Hierzulande haben in Sachen exotischer Anbauversuche insbesondere die Bauern der LGV – mit Ingwer, Pak Choi, Okraschoten, Wokcue-Gurke, Schotenrettich sowie verschiedenen exotischer Melanzanisorten – eine Vorreiterrolle eingenommen.

Genussvolle Allesgenießer

Das dritte große Schlagwort „Real Omnivore” steht für einen Gegentrend: Dominieren gegenwärtig (aus unterschiedlichen Motiven) vor allem einschränkende Ernährungsweisen, steht bei den „echten Allesfressern” neben einer verantwortungsvollen Esskultur nicht der Verzicht, sondern die völlige Offenheit als Grundhaltung gegenüber Essbarem im Vordergrund – solange es denn nachhaltig ist. Entsprechend landen bei den probierfreudigen Omnivoren auch Insekten, Algen und in Zukunft vielleicht noch In-vitro-Fleisch auf dem Teller.

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