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Was kommt nach der Hamsterphase? © VÖM/Sissi Furgler

Helmut Petschar.

© VÖM/Sissi Furgler

Helmut Petschar.

Redaktion 08.05.2020

Was kommt nach der Hamsterphase?

VÖM-Präsident Helmut Petschar über die Herausforderungen für den Milchmarkt und die verlässliche Qualität heimischer Produkte.

••• Von Daniela Prugger

Molkereien sind auf­grund ihrer Produktions- und Vermarktungsausrichtung in unterschiedlichem Ausmaß von der Krise betroffen. Noch immer führen starke Volatilitäten bei nachgefragten Mengen zu Belastungen. Aber die Coronakrise habe auch eindrucksvoll vor Augen geführt, wie wichtig eine gesicherte Versorgung mit heimischen Lebensmitteln ist, so VÖM-Präsident Helmut Petschar. Im Interview blickt er auf die vergangenen Wochen zurück und zieht Bilanz.


medianet: Herr Petschar, wie würden Sie die aktuelle Stimmung in der Branche beschreiben?
Helmut Petschar: Die Coronakrise hat die österreichische Milchwirtschaft vor große Herausforderungen gestellt, die sie vorbildlich bewältigt hat. Über Nacht galt es, bei einzelnen Produkten mehrfache Bestellmengen auszuliefern, gleichzeitig fiel der wichtige Gastro- und Tourismussektor weg. Es galt, verschärfte Auflagen zu bewältigen, die rechtzeitige Nachlieferung von Verpackungsmaterial war teilweise fraglich, Grenzschließungen standen am Programm, und über Nacht hat sich eines gezeigt: Wenn es darauf ankommt, hilft nur eine leistungsfähige Eigenversorgung, gerade bei Lebensmitteln wie Milchprodukten. Die heimischen Milchbauern, die Mitarbeiter in den Molkereien, in den Logistikunternehmen und im Handel haben ihre Leistungsfähigkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, mehrfache Mengen als sonst üblich bewältigt und die Versorgung immer sichergestellt.

medianet:
Inwiefern hat sich der EU-Milchmarkt zuletzt destabilisiert?
Petschar: Zunächst spürten wir die Auswirkungen der Seuche in China, dem weltweit wichtigsten Milchimportland, etwa Probleme in der Logistik oder eine verringerte Nachfrage, die sich mittlerweile wieder stabilisiert hat. Die Coronakrise hat nun alle Staaten der EU und weltweit erfasst, wenn auch in einem unterschiedlichen Ausmaß bzw. zeitverzögert. Schließlich führte die Pandemie zu Einschränkungen der Wirtschaft mit negativen Auswirkungen auf die weltweite Konjunktur. Die EU versuchte trotz Grenzschließungen im Personenverkehr, den Warenverkehr immer offen zu halten, in vielen Ländern zeigten Hamsterphasen und der Ausfall der Gastronomie Auswirkungen.

medianet:
Welche Sofortmaßnahmen fordern Sie, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?
Petschar: Infolge des Ausfalls der Gastronomie und des Tourismus kam es bei vielen Milchverarbeitern zu Umsatzeinbußen, die durch Mehrabsatz in anderen Sektoren nicht immer ausgeglichen werden konnten; teilweise kam es auch bei Abnehmern im Ausland zu Ausfällen – und all dies zu der Jahreszeit, in der die größte Milchmenge anfällt. Die EU unterstützt daher die private Einlagerung von Magermilchpulver, Butter und Käse für einen gewissen Zeitraum, wenn auch nur auf einem sehr bescheidenen Niveau. Mehrere Molkereien in Österreich und in der EU mussten aber mit ihren Bauern zusätzliche Maßnahmen zur Produktionssteuerung treffen, um Überschusssituationen und Marktverwerfungen zu vermeiden, die allerdings bis jetzt noch nicht unterstützt wurden. Wichtig ist für mich auch eine verantwortungsvolle Kooperation in der Lebensmittelkette, dass z.B. der Lebensmittelhandel nicht auf aggressive Preisaktionen mit Importprodukten setzt, wodurch heimische Milchbauern und heimische Qualitätsstandards gefährdet werden.

medianet: Wie steht der österreichische Markt im internationalen Vergleich da?
Petschar: Der österreichische Milchmarkt ist stark differenziert, regional geprägt und bekannt für seine Nachhaltigkeit und die hohen Qualitätsstandards, z.B. gentechnikfreie Produktion, hohe Tierwohlstandards, Verzicht auf bedenkliche Futtermittel oder Pflanzenschutzmittel, kein Soja aus Übersee, kein Palmöl, EU-weit höchster Bioanteil und viele regionale Besonderheiten, weiters durchgängige Qualitätssicherungssysteme.

medianet: Welche Herausforderungen gibt es hierzulande hinsichtlich der Lieferketten, Logistik und Verpackungen?
Petschar: Starke Volatilitäten bei nachgefragten Mengen führen zu Belastungen; kritisch hat sich auch die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten bei Vorleistungen erwiesen. Eine gesicherte Eigenversorgung im systemrelevanten Bereich Lebensmittelproduktion ist wichtig, wir haben selbst in der EU gesehen, dass Staaten in kritischen Phasen zuerst an sich denken.

medianet: Wie gehen die Milchbauern mit der aktuellen Situation um?
Petschar: Unsere Milchbauern haben die Versorgung mit Top- Qualität immer sichergestellt, ihnen gebührt Dank und Anerkennung. Es zeigt sich, dass eine funktionierende Landwirtschaft das Um und Auf für die Lebensmittelversorgung ist.

medianet: Wie sieht es denn mit dem Absatz derzeit aus? Wie hat sich der Umsatz seit der Coronakrise verändert?
Petschar: Nach der Hamsterphase hat sich der Verbrauch wieder eingependelt, nach wie vor hat aber der Gastro- und Tourismussektor große Lücken hinterlassen. Die Versorgung ist gesichert. Dazu gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass z.B. weniger oft, aber bewusster eingekauft wird.

medianet: Welche Auswirkungen hat die Situation auf das Konsumentenverhalten?
Petschar: Herkunft und Regionalität stehen stärker im Mittelpunkt. Verlässliche, heimische Qualität wird wieder mehr geschätzt, Versorgungssicherheit und Bevorratung mit gewissen Lebensmitteln ist ein Thema, Produkte mit längerer Haltbarkeit waren vor allem zu Beginn der Krise besonders gefragt.

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