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Weiter kein Ende der Preisanstiege in Sicht © APA / dpa / Annette Riedl
© APA / dpa / Annette Riedl

Redaktion 22.04.2022

Weiter kein Ende der Preisanstiege in Sicht

2021 war für die Lebensmittelindustrie ein sehr erfolgreiches Exportjahr, heuer kämpft sie mit einer „historischen Kostenwelle”.

••• Von Paul Hafner

WIEN. Die Exporte der heimischen Lebensmittelindustrie legten 2021 laut vorläufigen Zahlen mit fast 8,6 Mrd. € um 9,4% zu und machten mit über 60% den Löwenanteil an den Gesamtagrarexporten aus. Mit dem deutlichen Plus einher geht auch ein Ausbau der traditionell positiven Außenhandelsbilanz auf nunmehr +2,166 Mrd. € (+252 Mio. €). „Das ist erfreulich. Damit schaffte die österreichische Lebensmittelindustrie auch im vergangenen Jahr wiederum Wertschöpfung in Österreich und sicherte Arbeitsplätze – ein ganz wesentlicher Faktor im bereits zweiten Coronajahr”, resümiert Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie.

Freilich ist die Freude über die starke Performance im Außenhandel bei den Unternehmen alles andere als ungetrübt: War schon das Vorjahr von einer zunehmenden Rohstoffknappheit geprägt, hat sich diese längst zur Krise entwickelt – welche sich im Zuge des Ukrainekriegs noch einmal verschärft hat. Es gebe keinen Grund für Hamsterkäufe, beruhigt Koßdorff: „Wir haben definitiv kein Versorgungsproblem”, weder die Ukraine noch Russland würden eine wichtige Rolle für Lebensmittel- und Industrieimporte (gemeinsam rd. 100 Mio. €) spielen. Auch ein Einbruch bei den Exporten (334 Mio. €) sei für die Industrie verschmerzbar. Kritisch dagegen ist die mit der Verknappung einhergehende „historische Kostenwelle”, deren weitere Auswirkungen auf die Preise im Lebensmittelhandel für Koßdorff „außer Frage” stehen.

Verhaltene Zuversicht

„Aktuell beschäftigen die heimische Wirtschaft in Österreich drei zentrale Themen”, holt Philipp Bodzenta, Public Affairs Director von Coca-Cola Österreich, aus. „Erstens gilt es, als Reaktion auf die Klimaentwicklung nachhaltige Maßnahmen zu forcieren und in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen. Zweitens ist die Pandemie immer noch präsent, und es gilt, das Gastgewerbe wiederzubeleben und weiter zu stärken. Und drittens hat der Krieg in der Ukraine natürlich komplexe Auswirkungen auf das Geschäft: Beginnend von Ausfällen entlang der gesamten Lieferkette, über die aktuell steigende Inflation bis zur Unterstützung der Menschen, die nach Österreich flüchten.”

Während Bodzenta für Coca-Cola mit Blick auf das Jahr 2021 eine „generelle Erholung” sieht und „auf eine weitere positive Entwicklung in den kommenden Monaten” hofft, übt sich Branchenkollege Tobias Frank, Co-Geschäftsführer Ottakringer, in „vorsichtigem Optimismus” und ohne Erwartung einer signifikanten Erholung. „Nach Corona mit allen Schwierigkeiten inklusive Lieferkettenproblematik belasten uns aktuell die Rohstoff- und Materialknappheit, verbunden mit Preissteigerungen, und in der Produktion natürlich auch die stark gestiegenen Energiepreise.”

Geteiltes Leid

Im Hinblick auf die Herausforderungen unterscheiden sich die einzelnen Industriezweige wenig, wie ein Rundruf klar macht. Manner-CEO Andreas Kutil spricht in Bezug auf die „Rohstoff-, Verpackungs-, Energie- und Transportpreise” von einer „dramatischen Verschärfung gegenüber dem Vorjahr”, die entsprechend die „aktuell größte Herausforderung für die gesamte Lebensmittelbranche” darstelle, iglo Österreich-Chef Markus Fahrnberger-Schweizer sieht „in der Niveauverschiebung nicht nur einen kurzfristiger Effekt, sondern etwas, was uns die nächsten Monate – wohl bis Ende 2022 und darüber hinaus – stark beschäftigen wird”.

Kein Blatt vor den Mund nimmt Nöm-Vorstand Alfred Berger, der die „instabile wirtschaftliche Lage und die durch die Decke gehenden Energiepreise” eine direkte Folge des „Verbrechens in der Ukraine” nennt. „Wir reden beim Gas vom Zehnfachen oder mehr – also von Dimensionen, die in keinem Plan eingepreist sind und zu harten Maßnahmen und damit in letzter Konsequenz zu Veränderungen im Sortiment führen können. Wir sind im Processing sehr Gas-lastig, d.h. sollte es hier zu Ausfällen kommen, steht der Betrieb still, inklusive der Abholung der Rohmilch bei allen Bauern. Wir arbeiten daher intensiv an Ersatzlösungen und kurzfristigen Umstellungen auf ‚Heizöl Leicht' als Ersatz oder Kombinationsmöglichkeit.” Nachsatz: „Das Jahr 2022 wird noch spannender als die letzten beiden Jahre, das ist schon mal fix!”

Zusammenhalt beschworen

Von Katerstimmung und ins Korn geworfenen Flinten kann indes keine Rede sein. „Die jahrelange partnerschaftliche Zusammenarbeit mit allen Stakeholdern – von Kunden, über Lieferanten bis hin zu Mitarbeitern – trägt wesentlich dazu bei, trotz aller Widrigkeiten qualitativ hochwertigste Artikel zu einem angemessenen Preis zu erzeugen”, betont Norbert Marcher, Geschäftsführer der Marcher Fleischwerke.

Ins gleiche Horn stößt Spitz-Geschäftsführer Walter Scherb: „Mehr denn je braucht es nun strategische Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette und ehrliche und transparente Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten, um einerseits die Versorgung sicherzustellen und andererseits einen gemeinsamen Umgang mit den sich abbildenden Preisveränderungen zu finden.”

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