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Die Intro-Perspektive © Panthermedia.net/Dmitriy Shironosov

Faktum: Introvertierte Leistungsträger werden von Führungskräften oft wenig wahr­genommen – zu Unrecht.

© Panthermedia.net/Dmitriy Shironosov

Faktum: Introvertierte Leistungsträger werden von Führungskräften oft wenig wahr­genommen – zu Unrecht.

Redaktion 21.01.2016

Die Intro-Perspektive

Wenn Intro- und Extrovertierte in einem Team zusammenarbeiten, kann das problematisch werden. Doch auch die sogenannten „Intros“ haben ­Optionen.

••• Von Sylvia Löhken

is vor Kurzem arbeitete Stefan B. in einem Team im Stabsbereich eines großen Konzerns. Mit einer einzigen intro­vertierten (Intro)-Kollegin war er als leiser Mensch in der Minderheit und umgeben von ausgeprägten Extro­vertierten (Extros). Seine Vorgesetzte hatte immer wieder etwas an ihm auszusetzen, und so kam B. aus Mitarbeitergesprächen meist frus­triert zurück: Seine extrovertierte Teamleiterin war nie zufrieden. Aus ihrer Sicht war er zu wenig zupackend, in Meetings zu wenig aktiv und insgesamt viel zu ruhig. Wertschätzung für seine Kompetenz und seine Leistung bekam er nicht.
B. verlor seine Motivation. Nach einer einzigen Coaching-Sitzung war ihm klar: Unter diesen Umständen würde seine Karriere kaum gut vorangehen – und mit dieser Vorgesetzten wollte er sie auch nicht fortsetzen. Seine Entscheidung: Es war Zeit für eine Veränderung. Schon bald konnte sich Stefan bei einer Bewerbung um eine höhere Position im Konzern durchsetzen.
Er war positiv überrascht, konnte aber aus dem Abstand heraus auch die Gründe für seinen Erfolg sehen: Er ist hervorragend qualifiziert und Profi im Erstellen komplizierter Konzepte. Er unterhält beste Kontakte in vielen Unternehmensbereichen und seinem (gut überlegten) Wort vertraut man. Für viele Kolleginnen und Mitarbeiter ist Stefan wie ein solider Fels in einer oft wilden Brandung; viele Entscheidungen werden durch seine Arbeit leichter und klarer.
Die Lücken, die B. riss, fielen seiner (Ex-)Chefin nach einer Zeit schmerzlich auf: Kontakte brachen weg, Konzepte wurden bemängelt, Mitarbeiter wussten nicht weiter, Entscheidungen waren unglücklich. Ihr waren all die Leistungen ihres Mitarbeiters völlig entgangen. Und dafür, so wurde Stefan im Coaching klar, trug er auch selbst Verantwortung: Er hatte immer eine Abneigung dagegen, ausdrücklich und immer wieder seine Erfolge zur Sprache bringen (wie das, so Stefan, die „Heißluftgeräte“ unter den Extros gern praktizierten).
Seine Extro-Chefin aber war auf diese Impulse von außen mehr angewiesen als er und hätte deshalb mehr Eindrücke seiner Arbeit gebraucht, auch von Stefan selbst.
Kein Eindruck – keine positive Wahrnehmung!
Intros werden in dem, was sie können, immer wieder falsch eingeschätzt, obwohl sie oft Leistungen erbringen, von denen das gemischte Team enorm profitiert. Es liegt also etwas schief, denn die Extros nehmen die Stärken ihrer Intro-Kollegen in vielen Fällen nicht wahr.
Es kommt sogar vor, dass sie die Leistungen der Leisen für sich vereinnahmen – nach dem Motto: „Wenn es niemand trommelt, ist es meins.“ Allerdings ist das nur die Hälfte des Problems: Denn die ­Intros tun ihrerseits zu wenig, um mit ihren Stärken und Leistungen gesehen zu werden. Sie gehen davon aus, dass alle anderen so ticken wie sie, also z.B. darin, genau hinzusehen und auf das Wesent­liche zu achten.

Intro-Arbeit in gemischten Teams
Als Introvertierte(r) haben Sie nicht nur eine Gemeinsamkeit mit Woody Allen, Clint Eastwood, Bill Gates, Günter Jauch und Barack Omame, sie haben damit eine Aufgabe: Wie können Sie in Ihrem gemischten Team positiv sichtbar werden? Wie können Sie mit den anderen möglichst gut zusammenarbeiten?
Antworten auf diese Fragen sollten zwei Aspekte berücksichtigen: erstens Ihre Bedürfnisse und zweitens die Bedürfnisse der Extro-Gruppenmitglieder; die Bedürfnisse ­Ihrer Mit-Intros werden Sie leichter sehen und verstehen.
Schauen wir also genauer hin: Was brauchen Sie, was brauchen andere, und wie können Sie für Sie passende Strategien für Ihren Arbeitsalltag entwickeln?
Stichwort Bedürfnisse: Introvertierte brauchen in ihrem Arbeitsalltag immer wieder längeres ungestörtes Arbeiten allein – sie leisten dann ihre beste Arbeit, wenn sie sich ohne viel Ablenkung konzentrieren
können. Sie profitieren zudem sehr davon, wenn sie, gerade in Stressphasen, zwischendurch in stimulationsarmer Atmosphäre zur Ruhe kommen können. Sie sind viel weniger als Extros darauf angewiesen, die Tätigkeit öfter zu wechseln oder sich zwischendurch auszutauschen.
In Sachen Strategien ist vordringlich: Bringen Sie Ruhe in Ihre Kommunikation. Planen Sie in Ihren Arbeitsalltag bewusst Phasen ein, in denen Sie sich mit Vorgesetzten und Teammitgliedern austauschen. Schaffen Sie sich ebenso Phasen, in denen Sie möglichst allein Zeit für Ihre Konzept- und Schreibarbeit haben.
Eine wilde Mischung aus beidem strengt Sie an, wo Ihre Extro-Kollegin vielleicht genau deshalb ihre beste Leistung bringt. Die nächste Strategie lässt Sie womöglich zusammenzucken: Gewöhnen Sie sich an, über Ihre Leistung zu reden.
Nicht jeder sieht und hört so genau hin wie Sie. Kommunizieren Sie deshalb mehr, als Sie selbst es für nötig halten. Extrovertiert bedeutet „nach außen gewandt“. So mancher Extro geht deshalb davon aus, dass nur eine kommunizierte Leistung auch eine Leistung ist: Denken Sie an Stefans Vorgesetzte oben.  

Kommunikationstipps für Intros
• Sorgen Sie für Auszeiten zum Ausruhen und Durchatmen: Das kann ein Mittagsspaziergang sein, manchmal sogar eine Mini-Auszeit im Waschraum.
• Vereinbaren Sie ein tägliches Zeitfenster, in dem Sie ungestört arbeiten. Schwänzen Sie bei
Veranstaltungen kleine Einheiten, z. B. einen Vortrag, um eine Dauer-
befeuerung mit Eindrücken zu vermeiden und um in Ruhe etwas anderes erledigen zu können.
• Unterteilen Sie Ihre Arbeit in Teilschritte und machen Sie nach einer Zeit eine Pause, um sich mit den anderen auszutauschen. Nutzen Sie dazu auch E-Mail und Telefon.
• Verschieben Sie Kontaktangebote, wenn es gerade nicht passt: „Ich bin gerade an etwas Wichtigem. Hast du nach dem Mittagessen Zeit für einen Kaffee?“ Doch Achtung: In Krisensituationen geht das nicht!
• Sprechen Sie mit Teammitgliedern über deren Arbeit. Seien Sie konkret: „Wie hat der Kunde reagiert, der letzte Woche …“ Diese Art der Aufmerksamkeit kommt bestens an.
• Finden Sie die informellen Regeln im gemischten Team heraus: Welche Anlässe sind wichtig? Welche eher nicht? Haben Sie den Mut, weniger Wichtiges nicht mitzumachen, zum Beispiel den Kneipenbesuch nach einem Konferenztag. Gleichen Sie Ihr Fernbleiben aus, indem Sie etwas anderes mitmachen, solange Sie noch genügend Energie haben: Gehen Sie z.B. am ersten Abend mit, am zweiten Abend nicht.
• Tun Sie Dinge, die Ihnen leicht-fallen, zum Beispiel ein neues Café ausprobieren oder ein Geschenk für den Geburtstag einer Kollegin besorgen.

Mit Vorgesetzten kommunizieren
Der Austausch mit Menschen, die für Ihre Karriere wichtig sind, erscheint Ihnen womöglich besonders anstrengend. Viele Intros fühlen sich sehr viel entspannter, wenn sie den Kontakt auf eine Art und Weise gestalten, der gut zu ihnen passt. Bleiben Sie zum Beispiel nach Meetings etwas länger, um mit Vorgesetzten oder weniger bekannten Kollegen ins Gespräch zu kommen. Planen Sie diese Zeit ein und nutzen Sie sie für den Austausch in kleinerem Rahmen. Da Sie sich vorbereitet besser fühlen, können Sie vor oder während der Sitzung über Themen und Aufhänger nachdenken, die Ihnen ein Ansprechen leicht machen.
Verabreden Sie sich mit Menschen, die wichtig für Sie sind. Ein Mittagessen zu zweit oder zu dritt ist für Sie weniger anstrengend, als wenn Sie sich in einer größeren Gruppe behaupten müssen.
Sie werden viel hören, bekommen mehr Aufmerksamkeit und können relativ entspannt über Ihre Arbeit sprechen. Ihr Gegenüber bekommt einen entsprechend guten Eindruck von Ihnen.
Ehrlich: Telepathie bringt nichts
Extros haben oft das Gefühl, „abzutropfen“, wenn sie zu wenige sprachliche und körpersprachliche Signale bekommen. Überlegen Sie also, worüber Sie reden wollen und was Sie interessant finden.
Seien Sie konkret und vermeiden Sie Allgemeinplätze. Halten Sie Blickkontakt und bleiben Sie Ihrem Gegenüber zugewandt.
Zeigen Sie gerade Vorgesetzten, aber auch anderen Ansprechpartnern, wenn Sie eine Tätigkeit besonders interessiert. Zeigen Sie auch, dass Ihnen Ihre Aufgabe Freude macht oder zumindest gefällt. Das funktioniert über Telepathie nur sehr selten ...
Auf diese Weise können Sie als leiser Mensch Ihre Karriere bewusst angehen und im Team sichtbar werden: auf Ihre eigene Art und so, dass es Ihnen guttut. Denn Sie sind so ok, wie Sie sind!
Die Perspektive der Extros auf die Teamarbeit ist übrigens eine ganz andere. Doch das ist einen eigenen Artikel wert ... Fortsetzung folgt!

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