PRIMENEWS
© APA/Herbert Neubauer

EngagiertUnterstützt wird das Projekt des von Christian Konrad gegründeten Vereins „Österreich hilfsbereit” auch von der Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin Erika Pluhar.

12.02.2016

Abseits der Manipulation

In ihrer Keynote zur neuen Kampagne der Initiative „Österreich hilfsbereit” thematisiert Erika Pluhar berechtigte und geschürte Ängste, Bedürfnisse und Ansprüche des Menschen – und verlogene Wertediskussionen.

Gastbeitrag ••• Von Erika Pluhar

WIEN. Man erfährt zurzeit ­eine quälende Überfülle an Kommentaren, Diskussionsrunden, Talks und Meinungsäußerungen – so viele wissen Bescheid, ohne wirklich etwas zu wissen, die Selbstprofilierungen blühen. Und man kann darauf bauen, dass gerade durch das öffentliche Über-Thematisieren in der Bevölkerung Ängste geschürt werden. Es sind Ängste, die sich an der wirklichen Bedrohung und notwendigen Besorgnis vorbeifürchten.

Nicht nur in Europa – die Welt steht vor einer neuen und schwer zu bewältigenden Aufgabe. Das wissen die Wissenden – aber es wird meiner Meinung nach viel zu wenig mit der Bevölkerung kommuniziert. Eine Zeit der Völkerwanderungen hat unseren Erdball wieder überkommen. Kriege, Überbevölkerung, Klimawandel, Hunger. Die Menschheit steht vor einer existenziellen Frage, bei der irgendwann alles davon abhängen wird, ob und wie der Mensch in der Lage ist, diese auch menschlich zu beantworten.

Es geht um Fakten …

Aber hier und heute geht es um die Gegenwart, um das österreichische Heute, und es geht um Fakten. Das tut not und tut gut. Es geht darum, einen Weg zu finden und zu begleiten, der weder ausschließlich mit der bewegenden Tatkraft von Teilen unserer Zivilgesellschaft zu tun hat, die sich ja irgendwann auch erschöpfen muss, noch mit enger, rassistischer Abwehr – oder dummen Gedanken zu einer sogenannten Obergrenze.

Heute und hier geht es darum, Flüchtlingen, die bereits bei uns sind, bei uns leben und Asyl beantragen, mit Vernunft, Respekt und Empathie zu begegnen – für mich die drei Grundpfeiler bei jeder Form des Helfenwollens. Etwas für sie zu tun, das der Menschenwürde gemäß ist. Sie also nicht nur zu dulden und in Massenunterkünften ein menschenunwürdiges Dasein fristen zu lassen.
Wie schon vorher ausgeführt: Was der Mensch benötigt, um Mensch zu sein, ist ein Dach über dem Kopf. Das weiß man. Hier, wo wir uns heute und jetzt im Rahmen dieser Pressekonferenz befinden, in der Vincirast von Cecily Corti, geht es doch ebenfalls darum: der Obdachlosigkeit etwas entgegenzusetzen.
In unserer Gesellschaft, die sich ja mehr und mehr zur ‚Society' deformiert, die eine ärgerliche Gegenwelt aus Startum, Luxus, Protz, Haubenköchen und Schönheitsoperationen gewähren lässt, in der Schwangerschaftsbäuchlein am roten Teppich bewundert werden, es berufsmäßige Hochzeitsplaner gibt, alles auf Haus und Heim und Familiengründung baut – was bitte ist da ein Obdachloser für ein Mensch? – Keiner.
Und dann noch einer auf der Flucht, verfolgt von Krieg und Grausamkeit, aus der Heimat geflohen, um sein Leben zu retten oder um nicht zu verhungern, und dann, wenn’s gut geht, hierzulande endlos in Auffanglagern untergebracht …

… nicht um Vorurteile

Lassen wir uns nicht von Vorurteilen, von Facebook-Gräuel-und-Lügen-Storys und der Angstmacherei aus der Rechts-außen-Ecke verunsichern. Aber ohne dabei einer törichten Milde zu verfallen, der es an Verstand fehlt. Menschen sind und bleiben Menschen, immer und überall.

Aber jetzt plötzlich, seit Silvester (die Übergriffe in Köln, Anm.): die brisanteste Ursache für Angst und Empörung. Ich muss kurz darauf zu sprechen kommen, weil es für mich so symptomatisch ist. Frauen werden ‚von denen' sexuell belästigt, vergewaltigt, ‚bei denen' gibt es die Gleichberechtigung der Frau nicht – also ich, als mittlerweile alte Frau, habe damit eine langes Frauenleben lang zu tun gehabt und dagegen angekämpft. Tun wir doch bitte nicht so, als wären unsere ‚Werte' bei uns beständig so hoch geachtet! Die Frauenhäuser sind überfüllt. Schutzsuchende Frauen finden mit ihren Kindern oft nur noch schwer Aufnahme. Frauen werden auch bei uns immer wieder geprügelt, unterjocht, sexuell belästigt, vergewaltigt, schlecht bezahlt, zu Püppchen degradiert …
Verzeihen Sie mein emotionales Abgleiten in diesen mir persönlich besonders am Herzen liegenden Aspekt. Es ist ein so bezeichnender innerhalb all der vielen derzeitigen, fälschenden Manipulationshypes. Ja, wir lassen es zu, dass aus dem, was zu Recht ungehörig, ja bedrohlich und zu verurteilen ist, in Eile ein Hype wird. Eine Sensation. Und das stimuliert Bürger auf gefährlichste Weise.

Menschenwürdig leben

Auch deshalb bin ich heute hier anwesend. Geht es doch – und das ist gut so – um eine wohldurchdachte Sach-Frage. Wenn ‚Österreich hilfsbereit' also mithilfe dieser Spendenkampagne, begleitet von dem sehr wichtigen, einzigartigen Lied von Wolfgang Ambros, auf eine wahrhaft ‚hilfs-bereite' Weise Menschen, die nach einem menschenwürdigen Leben trachten, ein Dach über dem Kopf vermitteln kann – dann geschieht etwas, das auch für uns spricht, die wir uns oft vereinzelt, besorgt, hilflos, ratlos fühlen. Für die Fähigkeit des Menschen, klug und vernunftbegabt zu handeln, ohne es an ‚Mit-Gefühl' mangeln zu lassen. Denn darum geht es. Nicht von Menschenliebe zu säuseln, sondern ‚Mit-Menschlichkeit' zu praktizieren.

Dieser Gastbeitrag der Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin Erika Pluhar ist eine Überarbeitung ihrer Keynote zum Start der Spendenkampagne „Ein Dach mehr. 5 Flüchtlinge weniger” (siehe Infobox). Lesen Sie mehr dazu auf Seite 10 dieser Ausgabe.

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