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Positive Nebenwirkungen einer Ausnahmesituation © Heinz Zeggl

Barbara Stöttinger

© Heinz Zeggl

Barbara Stöttinger

Redaktion 20.08.2020

Positive Nebenwirkungen einer Ausnahmesituation

WU Executive Academy-Dekanin Barbara Stöttinger über außerordentliche Lerneffekte aus schwierigen Zeiten.

••• Von Sabine Bretschneider

Zum Start des Professional Master-Programms „Leadership & Unternehmensführung“, des neuen berufsbegleitenden, postgradualen Studiengangs an der WU Executive Academy, hat ­medianet ein Gespräch mit Dekanin Barbara Stöttinger geführt. Eine Bilanz einer der herausforderndsten Phasen in der Geschichte des Instituts – und ein Ausblick.

medianet: Fast ein halbes Jahr Pandemie-Ausnahmezustand: Wie ist es rückblickend bei Ihnen gelaufen?
Barbara Stöttinger: Im Grunde war es für uns natürlich genauso befremdlich wie für alle anderen. Wir haben von einem Tag auf den anderen alles auf online umgestellt. Das heißt, wir sind, 70 Leute, von einem Tag auf den anderen ins Homeoffice gewechselt und gleichzeitig haben wir den Lehrbetrieb, die Universitätslehrgänge, die MBAs, auf Online-Lehre umgestellt. Wenn Sie mir vorher gesagt hätten, das wird auf uns zukommen, hätte ich das niemals für machbar gehalten. Es stimmt mich jetzt natürlich positiv: Wenn wir gefordert sind als Individuen, dann wachsen wir alle über uns hinaus – und machen Dinge möglich, die wir uns vorher nicht zugetraut hätten. Außerdem: In den Lehrgängen unterrichten sehr viele Praktiker, die nicht hauptsächlich unterrichten, sondern eigene und andere berufliche Verpflichtungen haben. Auch für sie war es eine große Challenge, schnell die passenden Tools auszusuchen und zu überlegen: Wie mache ich einen Kurs nicht im Präsenzunterricht, sondern auf Zoom, auf Teams? Aber es hat super funktioniert. Alle miteinander haben sich diesem ‚Abenteuer‘ vorbehaltlos gestellt.

medianet: Und wie waren die Rückmeldungen der Teilnehmer, die auch damit konfrontiert waren, dass plötzlich alles anders war?
Stöttinger: Wir haben relativ rasch ein paar Experimente gewagt. Die erste Frage war: Machen wir jetzt alles genauso wie im Hörsaal, nur eben am Computer, oder lagern wir alles aus ins Selbststudium …? Schließlich haben wir eine gute Kombination gefunden, nämlich vieles synchron zu machen. Erst aus der Diskussion mit den Teilnehmern ergibt sich, was Vortragende Spannendes aus der Praxis erzählen. Wir haben also versucht, so viel Interaktivität wie möglich in den ‚virtuellen Hörsaal‘ zu bringen. Das Feedback war positiv, wenngleich man auch sagen muss, dass in dieser Ausnahmesituation alle gleichermaßen gefordert waren. Auch unsere Teilnehmer sind berufstätig und waren nicht nur damit beschäftigt, ihren Lehrgang zu managen, sondern auch ihr Leben, mit Homeoffice, Homeschooling … Diese Zeit war für alle Beteiligten sehr fordernd.

medianet: Viele Arbeitnehmer sind in Kurzarbeit. Spüren Sie das bei der Nachfrage nach Weiterbildungsangeboten?
Stöttinger: Das würde ich nicht so sehr an der Kurzarbeit festmachen. Es hat sich an unseren Bewerbungszahlen nicht allzu viel geändert, sie sind weitgehend stabil geblieben. Wobei wir in manchen Branchen wie etwa im Tourismus – wir haben auch einen Tourismuslehrgang – die Situation schon deutlich gespürt haben. Da hatten viele andere Sorgen, als sich um einen passenden Lehrgang zu kümmern. Es gibt aus demselben Grund aber auch Fälle, die jetzt sagen: Ich möchte mich umschulen lassen, ich hab jetzt mehr Zeit, mich weiterzubilden. Aber insgesamt hatte das keine relevanten Auswirkungen.

medianet: Sie haben jetzt Erfahrungswerte gesammelt mit dem Thema Distance Learning. Denken Sie daran, Ihre Lehrgänge in Richtung mehr Fernlehre anzupassen – oder Alternativangebote zu schaffen? Gerade für Berufstätige hat Distance Learning unbestreitbare Vorteile …
Stöttinger: Es gibt dazu kurzfristige und längerfristige Überlegungen. Kurzfristig betrachtet: Wir bieten Lehrgänge an für Menschen, die schon länger im Beruf stehen, da spielt die persönliche Interaktion mit den hervorragenden Vortragenden, die wir an den Campus bringen, eine große Rolle. Da geht es nicht nur um Wissensvermittlung. Es geht auch um den Austausch untereinander. Das lässt sich im Onlinekontext nicht so leicht replizieren. Ich denke aber, dass wir langfristig gesehen sicher auch einiges aus dieser Zeit beibehalten werden: die Zeit im Hörsaal besser nutzen und gleichzeitig überlegen, was man ins Selbststudium ‚auslagern‘ kann, wie die Vermittlung von Grundlagen, wie Vorbereitungsarbeiten. Es geht darum, den Nutzen des Onlineunterrichts mit einer systematischen Komponente aufzubereiten.

medianet: Langfristige Prognose sind derzeit schwierig, aber wie führen Sie den Lehrbetrieb im Herbst weiter? Worauf bereiten Sie sich vor?
Stöttinger: Wenn wir etwas gelernt haben, dann ist es Flexibilität. Wir arbeiten mit unterschiedlichen Szenarien und je nachdem, wie es aussieht, werden wir den einen oder den anderen Plan aus der Schublade holen. Wir setzen auf Präsenzunterricht unter Einhaltung der Abstandsregeln und der Hygienevorschriften – und auf online, dort, wo es sinnvoll ist.

medianet: Zu Ihrem neuen Angebot, dem Professional Master ‚Leadership und Unternehmensführung‘: Was waren in der Produktentwickung die Argumente für diesen neuen Lehrgang? War es eine nachfrageseitige Entscheidung bzw. welche Überlegungen standen dahinter?
Stöttinger: Sowohl als auch. Wir haben seit Jahren Executive und Professional MBA-Programme, etablierte Produkte mit internationaler Komponente; allerdings großteils auf Englisch. Für Führungskräfte und High Potentials, die in kleineren oder mittelständischen Unternehmen arbeiten und vorwiegend auf am österreichischen Markt tätig sind, ist ein Programm in englischer Sprache vielleicht nicht die erste Option. Deshalb fiel unsere Entscheidung auf Deutsch als Sprachvariante.
Im Grunde geht es darum, zu vermitteln, was wir die Business Essentials nennen: Was muss ich wissen, um mein Unternehmen führen zu können? Das reicht von strategischer Unternehmensführung, über Finanzmanagement bis zum Marketing. All das wird auf deutsch und auf einem strategischen Level abgebildet. Es gibt also auf der einen Seite die Business Essentials und auf der anderen die Themen, die ein Unternehmen zukunftssicher aufstellen: Digitale Transformation, Leadership, Agilität, globale Märkte. Was muss ich als Führungskraft wissen – und wie unterscheide ich das Wichtige vom Unwichtigen?
Um ein Beispiel zu nennen: Agile Leadership ist in aller Munde, aber ich muss die Leadership Basics kennen, um zu erkennen, was davon gut ist für das Unternehmen. Oder die
Digitale Transformation: Auch hier braucht man ein strategisches Grundverständnis, um bewerten zu können: Welche digitalen Trends werden mein Unternehmen überhaupt betreffen, welche nicht?
Zweite große Zielgruppe sind natürlich jene, die bei uns schon einen Universitätslehrgang gemacht haben. Wir haben eine aufbauende Weiterbildungsarchitektur, vom Universitätslehrgang zum Diplombetriebswirt zum Professional Master, dem ‚Schlussstein‘. Geeignet auch für jene, die mit einer Spezialisierung, z.B. Marketing & Sales aus dem Universitätslehrgang angefangen haben, und dann bei Leadership und Unternehmensführung ankommen.

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