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Erfolgreich bis zum vorläufigen Ende … © Silvretta Montafon
© Silvretta Montafon

Redaktion 17.04.2020

Erfolgreich bis zum vorläufigen Ende …

Die Wintersaison 2019/2020 in Österreich verzeichnete bis zum vorzeitigen Aus wieder satte Zuwächse.

••• Von Britta Biron

WIEN. Bisher war der Tourismus in Österreich eine einzige Erfolgsstory: Per Ende Februar verbuchte die Branche bei den Nächtigungen gegenüber dem Vorjahr ein kräftiges Plus von 7,1% auf 53,2 Mio., wie aus aktuellen Hochrechnungen der Statistik Austria hervorgeht. Allerdings zeigten sich bereits erste Vorboten der Krise. Im Jänner und Februar brach die Zahl der chinesischen Urlauber gegenüber der Vorjahresperiode um rund 30% auf 66.200 ein, die Übernachtungen sanken um fast 26% auf etwa 107.400.

Mit einem Anteil von 47,2% waren die Deutschen auch in der Wintersaison 2019/20 die mit Abstand größte Urlaubergruppe. Auf ohnedies schon hohen Niveau stiegen deren Übernachtungen in den heimischen Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen zwischen November und Februar nochmals um 9,8% auf 19,7 Mio..

Gute Wintersaison

Die zweitwichtigste ausländische Urlaubergruppe waren die Holländer, die 5,11 Mio. Nächtigungen in Österreich buchten, ein Plus von satten 13,8%.

Auch auf die inländischen Gäste konnte sich der österreichische Tourismus wieder verlassen – die Nächtigungen stiegen in der Wintersaison um zwei Prozent und machen damit mehr als ein Fünftel (21,6%) der Gesamtnächtigungen aus.
Rückgänge bei den Top-10-Herkunftsländern gab es lediglich bei den wesentlich kleineren Urlaubergruppen aus Großbritannien (minus 1,3% auf 1,63 Mio.), der Schweiz (minus 0,2% auf 1,61 Mio.) und Italien (minus 2,8% auf 758.600).
Nach Bundesländern betrachtet, zogen Tirol, Salzburg und Wien die meisten Touristen an. In Tirol, dem späteren Corona-Hotspot, nahmen die Übernachtungen zwischen November und Februar um 7,9% auf 20,3 Mio. zu. Somit waren das im heurigen Winter um fast 1,5 Mio. mehr als im Vorjahr.
Auch Salzburg verbuchte um fast 950.000 mehr Touristennächte – insgesamt betrug das Plus dort 8,3% auf 12,2 Mio.; an dritter Stelle rangierte Wien mit einem Zuwachs von 5,8% auf 5,2 Mio..

Kräftige Steigerung

Insgesamt legte die Zahl der Österreich-Urlauber in der vorzeitig beendeten Wintersaison den vorläufigen Berechnungen der Statistik Austria zufolge um 6,9% auf 14,55 Mio. zu.

Bei den Nächtigungen gab es in allen Unterkunftskategorien Zuwächse, den stärksten Anstieg verzeichneten die gewerblichen Ferienwohnungen und -häuser mit einem Plus von 12,8%.

Tiefer Cut durch Corona

Wie, wann und ob der Tourismus den „Lockdown” infolge der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie verkraften kann, wird wesentlich von der Dauer des von der Regierung verhängten Ausnahmezustands und der Reiseeinschränkungen im internationalen Umfeld abhängen und davon, ob die Hilfsmaßnahmen auch die gewünschten Effekte haben.

Denn obwohl sich die Branche vor Corona in einer absoluten Hochphase befunden hat, sind die Puffer und Reserven der Betriebe nur klein.
Martin Schaffer, Geschäftsführer und Partner von MRP hotels, zeichnet ein düsteres Bild: „Die Auslastung der Tourismusbetriebe wird in Wien auf 45-55 Prozent fallen, die Anzahl der Übernachtungen in Österreich möglicherweise von 150 Mio. auf unter 100 Mio. sinken.” Auf jeden Fall sei damit zu rechnen, dass man mit den Corona-Folgen noch lange zu kämpfen habe.
Aber der Branchenexperte sieht auch einen Silberstreif am Horizont: „Die Tourismusindustrie meistert Krisen erstaunlich gut. Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 dauerte der Rebound nur zwölf Monate, wobei damals der ‚Gegner' nicht so mächtig war. China beispielsweise ist derzeit einen Monat voraus, auch hier steigt die Auslastung wieder. Jetzt gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht in Panik zu verfallen.”

Trübe Aussichten für 2020

Die national dominierte Ferienhotellerie wird seiner Einschätzung nach der Krise wohl am stärksten profitieren: „In Österreich werden voraussichtlich individuell Freizeitreisende sowie Einzel-Geschäftsreisende aus den Inlandsmärkten am schnellsten zurückkehren. Das Gruppenbusiness hingegen wird nur langsam starten und sich langfristig drastisch verändern.”

Auch der Kongresstourismus werde sich nur langsam erholen. Davon ist die Hotellerie in Wien besonders betroffen. Zwar wurden etliche der geplanten Veranstaltungen nicht komplett abgesagt, sondern verschoben – der Radiologenkongress, mit 30.000 Teilnehmern eine der größten Veranstaltungen in Wien, von März auf Juli –, aber das entspannt die Lage der Hotels nur wenig. „Denn die stornierten Zimmer können oft nicht kurzfristig neu vergeben werden, und dann sind oft zum neuen Kongresszeitpunkt keine Zimmer mehr verfügbar. Darüber hinaus muss man auch davon ausgehen, dass die Teilnehmer­anzahl im Urlaubsmonat Juli geringer ausfällt als im März. Unterm Strich bleibt ein deutliches Minus”, erläutert Dominic Schmid, Hotellerie-Obmann in der Wirtschaftskammer Wien.
Schwer dürfte es nach Ansicht der auf Tourismus spezialisierten Wirtschaftsberatung Ennemoser besonders für Tirol werden. Man schätzt, dass durch die vorzeitig abgebrochene Wintersaison rund 5,1 Mio. Nächtigungen fehlen, für die Sommersaison 2020 rechnet man mit 9,6 Mio. weniger Nächtigungen – für das Gesamtjahr ergibt sich daraus ein Einnahmenminus von 2,3 Mrd. €, wobei in dieser Summe die Ausgaben der Tagesgäste noch nicht eingerechnet sind – ebenso wenig wie der Imageschaden.

Neue Rahmenbedingungen

Laut Tourismusministerin Elisabeth Köstlinger ist geplant, die Branche ab Mitte Mai wieder vorsichtig und schrittweise hochzufahren. Wie das konkret ausschauen wird, ist aktuell noch Thema von Gesprächen und hänge von den Ergebnissen der Evaluierungen ab, die bis Ende April dauern werden. „Wir sind dabei, das auszuarbeiten. Wir beraten gemeinsam mit der Branche immer unter Bedachtnahme von gesundheitlichen Notwendigkeiten ”, so die Ministerin. Eine rasche Erholung sieht sie nicht, vielmehr müsse man sich bis auf Weiteres auf massive Einschränkungen der Reisefreiheit einstellen, da niemand sagen kann, wie sich die Situation in Europa und der Welt weiterentwickeln wird.”

Um den Ausfall der ausländischen Gäste teilweise aufzufangen, appelliert die Politikerin an ihre Landleute, heuer Urlaub im eigenen Land machen.

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