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„Kampf um den Gast wird heftig geführt werden” © WienTourismus / Peter Rigaud
© WienTourismus / Peter Rigaud

Redaktion 08.04.2022

„Kampf um den Gast wird heftig geführt werden”

WienTourismus-Chef Norbert Kettner rechnet nach der Pandemie mit starker Rückkehr des Städtetourismus.

••• Von Alexander Haide

WIEN. „Anni horribiles” – auf diese beiden Worte könnte man die Jahre 2020 bis heute reduzieren. Lockdowns, Infektionswellen … Als sich erste Hoffnungsschimmer zeigten, begann der Krieg in der Ukraine. Der Wiener Tourismusdirektor Norbert Kettner sieht die Zukunft dennoch durchaus positiv.

medianet: Herr Kettner, wie geht es dem WienTourismus?
Norbert Kettner: Es ist kein Geheimnis, dass die Auswirkungen der Coronapandemie den Städtetourismus härter getroffen haben als die Feriendestinationen. Wenn man wie im Fall von Wien global aufgestellt ist, ist man in Krisenzeiten natürlich auch verletzlicher.
Zugleich bin ich überzeugt davon – und ich weiß, dass viele Branchenvertreter meine Meinung teilen –, dass wir besser aus der Krise rausgehen werden als wir reingegangen sind. Die ­Wiener Hotellerie hat die Zeit für ein Qualitätsupgrade genutzt.
Außerdem haben wir es geschafft, Wiens Angebot, etwa im Kulturbereich, gut durch die Krise zu bringen. Selbst während der Pandemie kam es zu Neueröffnungen, wenn ich etwa an die ‚Albertina modern' oder auch die in Kürze öffnende ‚­Heidi Horten Collection' denke.

medianet: Ist es schon an der Zeit, eine Pandemie-Krisenbilanz zu ziehen?
Kettner: Dafür ist es zu früh, denn das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben.

medianet:
Das Hotelangebot in Wien hat sich um 16 Prozent verringert, 64 Betriebe haben zusperren müssen. Kommen diese Hotels wieder zurück?
Kettner: Zum Ausbruch der Pandemie 2020 schätzten wir, dass wir rund 20 Prozent der Betriebe, wohlgemerkt interimistisch, verlieren würden. Tatsächlich sind es nun 16 Prozent, das Bettenangebot hat sich insgesamt um acht Prozent verringert, das sind minus 5.100 Betten absolut. Rückgänge werden hauptsächlich in kleineren 4-Stern- und 3-Stern-Hotels bzw. Pensionen verzeichnet, wie die Diskrepanz zwischen Betten und Betrieben ergibt. Das Angebot der 5-Stern-Hotels blieb unverändert. Wir haben schon vor der Pandemie eine Tendenz zu weniger Betrieben mit mehr Betten beobachtet, was betriebswirtschaftlich sinnvoll ist. Wichtig ist mir, zu betonen: Es gibt gleichzeitig einen großen Investitionsboom – Ende 2023 werden wir wieder das Bettenniveau von 2019 vorfinden, aber mit deutlich besserem Inventar.

medianet:
Es scheint einen wahren Boom an erfolgten und bevorstehenden Hoteleröffnungen zu geben. Ist das nicht zu optimistisch?
Kettner: Diesen großen Investitionsschub brauchen wir, denn geben wir uns keinen Illusionen hin: Nach der Pandemie wird der Kampf um den Gast heftig geführt. Aus der Marktforschung wissen wir außerdem, dass Städtereisende ihr Verhalten nicht ändern werden. Ich rechne mit einer starken Rückkehr des Städtetourismus, sobald die Pandemie überwunden ist.

medianet:
Bei den Neueröffnungen sticht ins Auge, dass sich sehr viele im oberen Luxussegment befinden. Wird der Konsument angesichts der aktuellen Krisen nicht weniger tief ins Börsel greifen wollen?
Kettner: Wien hat sich auch vor der Krise niemals als Billigdestination vermarktet, das passt nicht zum Angebot und schon gar nicht zur DNA dieser Stadt. Marketingseitig haben wir auch vor der Krise schon die kaufkräftige Zielgruppe angesprochen. Aber machen wir uns nichts vor: Reisen wird in Zukunft generell teurer werden. Die Energiekos­ten steigen, nochmals verstärkt durch die Ukraine­krise, und der Fachkräftemangel wird dazu führen müssen, dass die Mitarbeiter entsprechende Angebote erhalten, auch finanzieller Natur. Während der Pandemie war das 5-Stern-Segment in Wien so stabil, dass andere Kategorien nicht unter Zugzwang kamen. Die Preise in Wien haben kaum nachgelassen. Die Average Daily Rate blieb im europäischen Vergleich stabil – die frühere Wiener Krankheit, dass die Preise unmittelbar runtergehen, sobald etwas passiert, ist ausgeblieben. Es gibt eine Besinnung auf die Qualität des Produkts und dass man nicht unter ein gewisses Niveau geht.

medianet:
Wie sehen Ihre Strategien aus, in einem seit länger als zwei Jahren de facto unplanbaren Umfeld zu arbeiten?
Kettner: Wenn eine Ausnahmesituation anhält, wird auch sie irgendwann zur Routine. Wir haben nie aufgehört, unsere Partner aus der internationalen Reiseindustrie zu versorgen oder mit unserem globalen Publikum Kontakt zu halten, wenngleich es eine Zeit lang nur auf digitalem Wege möglich war.

Unser Credo ist: Wir arbeiten weiter. Das tun wir zusammen mit der Wiener Branche, die, denke ich, durch die Pandemie noch enger zusammengerückt ist. Die an Qualität orientierten Ziele unsere Visitor Economy-Strategie 2025 haben nach wie vor Gültigkeit. Einige der Kennzahlen, die wir erreichen wollen, mussten wir allerdings adaptieren. In Sachen Wertschöpfung und Beherbergungsumsatz wollen wir uns bis 2025 wieder an das Vor­krisen­niveau heranarbeiten.

 medianet: Wird man versuchen, vermehrt Touristen aus dem Inland nach Wien zu bekommen?
Kettner: Wie so ziemlich jedes Tourist Board haben auch wir während der Pandemie verstärkt Inlandsgäste angesprochen, doch in einem kleinen Land wie Österreich mit einem ebenso kleinen Domestic-Markt geht die Rechnung langfristig so nicht auf. Wien ist nach Tirol, gemessen an Wertschöpfung und Tourismusausgaben, das zweitwichtigste Bundesland. Wir brauchen kaufkräftige internationale Gäste, wir brauchen das globale Kongressgeschäft und starke Konnektivität auf dem Luftweg und auf der Schiene, um reüssieren zu können.

medianet:
Können Sie eine Einschätzung wagen, wann sich der Tourismus wieder auf dem 2019er-Niveau befindet?
Kettner: Tourism Economics, ein Unternehmen von Oxford Economics, rechnet für den globalen Städtetourismus mit erstmaligen höheren Wachstumsraten im Jahr 2022. Erst 2024 würden die meisten Städte in puncto internationale Ankünfte wieder das Niveau von 2019 erreicht haben.

Zuerst erholt sich der Freizeittourismus, internationaler Tourismus und Geschäftstourismus würden bis 2024 brauchen. Die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs haben in diese Prognose noch keinen Eingang gefunden.

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