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Intelligenz nur in sehr engem Sinne © Foto Wilke
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Redaktion 25.02.2022

Intelligenz nur in sehr engem Sinne

••• Von Georg Dorffner

Ich arbeite seit Mitte der 1980er-Jahre mit neuronalen Netzen als Technik des maschinellen Lernens. Damals galten sie noch nicht als künstliche Intelligenz, aber heute ist KI fast ein Synonym für sie. So habe ich das Gefühl, dass ich mich im Herzen der KI befinde. Das Potenzial neuronaler Netze, insbesondere im Zusammenhang mit Deep Learning, ist groß, wenn es um das Erkennen und Aufspüren komplexer Muster geht, aber man muss die inhärenten Grenzen datenbasierter Ansätze berücksichtigen, d.h. die Systeme können nur so gut sein wie die Daten, die sie verwenden.

Zweifellos kann die KI als wertvolles Instrument zur Unterstützung des medizinischen Personals zu einer besseren Diagnose, Behandlung und Überwachung von Krankheiten beitragen. Sie kann auch dazu beitragen, Diagnose- oder Überwachungsexpertise in Bereichen zu verbreiten, in denen nicht genügend Experten zur Verfügung stehen.
KI-Systeme sollten jedoch nicht dazu verwendet werden, medizinisches Personal zu ersetzen, auch nicht in scheinbar simplen Fällen, da die menschliche Komponente in der medizinischen Versorgung so ­wichtig ist, dass sie beibehalten werden muss. Medizin ist viel mehr als nur Muster­erkennung.
In meinem gesamten Berufsleben arbeite ich an der KI in der Medizin, also kann sie es nicht mehr beeinflussen, als sie es bereits getan hat. Die KI wird als Werkzeug in der Medizin weiterhin eine große Rolle spielen.
Einiges von dem, was derzeit im Bereich der KI geschieht, muss als Hype betrachtet werden, da die Möglichkeiten datenbasierter Ansätze überschätzt werden. Dieser Hype wird in den nächsten Jahren abklingen, und KI-Anwendungen werden dort eingesetzt, wo sie am nützlichsten sind. Die Medizin im Jahr 2050 wird weitgehend durch halbautomatische Diagnose- und Überwachungsverfahren gekennzeichnet sein, die hoffentlich eine sichere und nützliche Datenspeicherung und -verarbeitung für jeden Patienten ermöglichen, aber sie wird immer noch auf menschliche Fähigkeiten der Kommunikation, Empathie und Kreativität angewiesen sein, um ein Gesundheitssystem auf hohem Niveau aufrechtzuerhalten.


Dr. Georg Dorffner ist außer­ordentlicher Professor am Institut für Artificial Intelligence, Zentrum für Medizinische Statistik, Informatik und Intelligente Systeme, Medizinische Universität Wien, Österreich.

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