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Nahversorger – (k)ein Luxusgut
Redaktion 09.10.2020

Nahversorger – (k)ein Luxusgut

Bürgermeister und Nah&Frisch-Kaufleute ­diskutierten mit medianet-Heraus­geber Oliver Jonke im Rahmen eines Experten-Round ­Tables über Corona im Handel und die Notwendigkeit der lokalen Nahversorgung.

Wie wichtig lokale Nahversorger sind, konnte man während des Corona-Lockdows besonders gut beobachten. Wie wichtig Bürgermeister für die Infrastruktur einer Gemeinde sind, das kommt jetzt auch nicht überraschend. Überraschend aber allemal, mit welcher Hingabe und Ausdauer manche von ihnen einen Nahversorger in ihren Ort bekommen wollen oder zu halten versuchen. Denn – und auch das ist keine echte Überraschung – eine lebendige Gemeinde, egal wie groß oder wie klein, steht und fällt mit ihrer Infrastruktur. Glücklich können sich die Kommunen schätzen, die etwa einen engagierten Kaufmann im Ort haben, aktive Vereine und umtriebige Bürgermeister.

Not macht erfinderisch

So wollte sich etwa die steirische Gemeinde Kammern im Liesingtal nicht damit abfinden keinen Nachfolger für ihr Nah&Frisch Geschäft zu finden und wurde erfinderisch – kurzerhand wurde der Verein „Unser Geschäft in Kammern” mit dem Vereinszweck „Sicherung der Nahversorgung in Kammern” gegründet und bei der Bezirkshauptmannschaft Leoben eingetragen. Zurzeit hat der Verein knapp 300 Mitglieder; die derzeit sechs Angestellten im Geschäft sind alle beim Verein angestellt.

Auch die Gemeinde Hohentauern schlug den Weg über eine Vereinslösung ein und war ob der Resonanz im Ort überwältigt – die Kosten für die sogenannte Erstbestückung waren bereits innerhalb von vier Monaten erwirtschaftet. Wie in fast allen Nah&Frisch Geschäften hat man in Hohentauern ebenfalls sowohl regionale als auch lokale Produkte „aus’m Dorf”. Die, sobald Gäste aus dem Ausland da sind, auf einen Schlag leergekauft sind – ein Umstand, der übrigens nicht nur in Hohentauern beobachtet wird.

Corona-Konsumverhalten

Es war schon abzusehen, aber Corona verstärkte den Effekt: Es wird tendenziell lieber in kleineren Geschäften eingekauft. Und: Es wird weniger oft, dafür aber deutlich mehr eingekauft. Auch gehe der Trend weg vom Selbstbedienungs-Regal hin zur Theke, besonders beim Fleisch und den Wurstwaren. Was wiederum daran liegt, dass Herr und Frau Österreicher mehr auf die Qualität schauen. Und die wird an der Theke vermutet.

Corona veränderte unser aller Konsumverhalten auch dahingehend, dass wir mehr dort einkaufen wollen, wo wir uns sicher fühlen. Im Idealfall dort, wo man einander kennt, wo auch die Dorf-Kommunikation stattfindet. Und wo geliefert, besser formuliert, zugestellt wird. Dabei ist zu beachten, den Lieferservice bzw. die Hauszustellung nicht mit einem Online-Bestellservice zu verwechseln. So kann es bei einem typischen Online-Bestellservice schon vorkommen, dass z.B. am Montag für Dienstag bestellt wird – die tatsächliche Lieferung jedoch erst am Freitag oder gar erst später eintrifft. Bei der Hauszustellung, die viele Nah&Frisch Kaufleute immer schon angeboten haben, heißt es unisono: Was am Vormittag bestellt wurde, wird am Nachmittag geliefert.

Gemeindeverhalten

Corona brachte aber auch den Einfallsreichtum mancher Gemeinden (noch mehr) zum Vorschein. Es ist für alle Bürgermeister völlig klar: Eingekauft wird beim Kaufmann, bei der Kauffrau im Ort! Und als Bürgermeister hat man da ein gewisses Lenkungs-Spiel. Da werden etwa Vereine sehr wohl unterstützt, aber in Form von Gutscheinen, die nur beim lokalen Lebensmittelmarkt einlösbar sind, damit die Wertschöpfung im Ort bleibt. Und da werden für all jene, die nicht mobil sind, auch Shuttle-Dienste von der Gemeinde angeboten – eben um neben Arzt und Apotheke zum lokalen Nah­versorger zu kommen.

Lokaler Mehrwert

Im Grunde ist es doch so: Die Gemeinde, der Bürgermeister unterstützt seinen Nahversorger und der Nahversorger unterstützt seine Gemeinde. Wie?

Multifunktionalität heißt das Zauberwort. Von der Kaffee-Ecke über die „warme Theke”, des Post-und Bankservice, Festbelieferung bis hin zum Tabakangebot alles Mögliche angeboten. Im Sortiment finden sich auch oft selbstgemachte „Schätze” – diverse Wurst- und Käseplatten, hausgemachte Torten und Mehlspeisen sowie die beliebten Partybrezen. Der Nahversorger zeichnet sich durch die angebotene Vielfalt an Kulinarik und Dienstleistungen aus und wird zum sozialen Treffpunkt.
Im Hintergrund unterstützen auf der anderen Seite Nah&Frisch mit den vier Großhandelshäusern Kastner, Kiennast, Pfeiffer und Wedl. Nicht zu vergessen: die ganzen lokalen – regional wäre da schon zu weit gegriffen – Produzenten, die für die bereits erwähnten speziellen Schmankerl sorgen.

Gemeinde-Gewinner

Die Rede ist immer wieder davon und Corona hat das Thema wieder angefacht beziehungsweise um eine Facette erweitert: Wie werden wir wo arbeiten? Und wie lange?

Experten gingen schon länger davon aus, dass wir in Zukunft weniger arbeiten werden. Über die 4-Tage-Woche wird regelmäßig diskutiert, und der Corona-Lockdown zeigte zwei Dinge deutlich: Homeoffice ist nicht nur möglich, es wird mittlerweile von den meisten Arbeitnehmern sogar bevorzugt. Und: Wer konnte zog aus der Großstadt aufs Land, der Zweit- wurde oft zum Erstwohnsitz.
Gemeinden mit einer gut funktionierenden Nahversorgung waren und sind da klar im Vorteil. Sie sind auch punkto Zuzug anderen Gemeinden meilenweit voraus. Der Umkehrschluß zeigt sich im Weinviertel: Günstige Genossenschaftsbauten alleine reichen nicht um Zuzug zu generieren, wenn die Infrastruktur fehlt.
In St. Margarethen bei Knittelfeld lässt sich schon länger ein Umdenken erkennen: Junge Einheimische haben „ihr Daheim” und die heimatliche Infrastruktur wieder entdeckt. Sie kommen aus der Grazer Umgebung und aus Niederösterreich zurück und lassen sich Häuser bauend daheim nieder. Hier wäre auch die Politik gefragt, um den Begriff „daheim” in seiner Wertigkeit zu stärken. Was jetzt aber nicht heißen soll, dass der Fortpflanz gar nimmer ausziehen braucht.

Geld und Länder

Gefragt wären außerdem die Länder: Was steckt denn nun tatsächlich hinter „Stärkung des ländlichen Raums”? Wie und wo kann ich als Gemeinde oder als Kaufmann zu Förderugen kommen?

Nur in NÖ gibt es genau dafür die NAFES – Niederösterreichische Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Einkaufs in Orts- und Stadtzentren mit z.B. Förderprojekten für Gemeinden zur nachhaltigen Sicherung der Nahversorgung. Österreichs einzigartiger Zusammenschluss von Land- und Wirtschaftskammer, der sich bereits bewährte, aber in anderen Bundesländern noch keine Nachahmung fand.
In der Zwischenzeit liegt es in der Hand des Konsumenten, was er wo kauft, was er nachhaltig im Topf und am Teller haben will.

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