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Wo Moral mehr wert ist als Geld © panthermedia.net/tzido
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reinhard krémer 01.04.2016

Wo Moral mehr wert ist als Geld

Geld nach ethischen Grundsätzen anzulegen, sorgt für ein ruhiges Gewissen – aber auch für ein Plus im Anlagedepot.

••• Von Reinhard Krémer

Volkswagen hat derzeit viele Baustellen – eine davon läuft auf einer Front, die man nicht auf den ersten Blick erkennen kann. Der deutsche Autobauer bekam, wie hinlänglich bekannt, wegen der Affäre um die Manipulation von Abgasen bei Dieselmotoren nicht nur den Furor der US-Behörden zu spüren, sondern auch die Verärgerung der Anleger. Dies nicht nur, weil der Aktienkurs nach unten rasselte – Anleger, die ihr Geld nach ethischen Ansätzen veranlagen, fühlten sich nämlich gleich doppelt betrogen.

Die VW-Aktie flog daher wegen der Abgas- Malversationen hochkant aus dem Deutschland Ethik 30 Aktienindex, der aus Aktien nachhaltiger Unternehmen zusammengesetzt ist. Wer in nachhaltige Aktien investiert, macht eben dies gerade, um absolut sicherzugehen, auch mit reinem Gewissen in „Gutes” zu investieren. Da war man bei Volkswagen am Ende nicht mehr so sicher.

Die Idee ist nicht neu

Die Idee, Geld nach ethischen Grundsätzen anzulegen, wurde in den angelsächsischen Freikirchen geboren: John Wesley, Vater der evangelisch-methodistischen Kirche, setzte schon im 18. Jahrhundert auf den Zusammenhang zwischen der Moral im theologischen Sinne und die entsprechende Verwendung von Geldmitteln. Anleger sollen mit ihrem Geld also direkt Einfluss auf eine ­positive und nachhaltige Tätigkeit von Firmen nehmen, so die hehre Idee.

Die ersten Fonds mit dieser Ausrichtung kamen in den 1920er-Jahren in den USA auf den Markt; ihr Markenzeichen: Sie beruhten auf „religiösen” Überzeugungen oder „Grundwerten”, sagt Gerold Permoser, Veranlagungschef des Erste Asset Management, das rund 3,8 Mrd. € veranlagt und damit der größte Anbieter in Österreich ist. „Sie verlangen zum Beispiel den Ausschluss von Abtreibung, Alkohol, Tabak oder Prostitution.” Eine für Anleger wichtige Frage: Kann man mit solch „guten” Investments auch etwas verdienen? Meist sind ethische Investments zumindest nicht schlechter als traditionelle Veranlagungen. „Objektive, universitäre Langzeitstudien stellen klar: Ethisch-nachhaltige Anlagen bieten mindestens die gleichen Renditechancen wie nicht nachhaltige Produkte, tendenziell sogar Vorteile”, heißt es beim Bankhaus Schelhammer & Schattera, wo man auf Ethik-Fonds spezialisiert ist.
„In manchen Kategorien bringt es sehr viel, SRI-Kriterien (für Socially Responsible Investment; Anm.) zu berücksichtigen; vor allem Emerging Markets haben bemerkenswert gute Ergebnisse gezeigt, sowohl auf der Return- als auf der Risikoseite”, sagt Ali Masarwah vom Analysehaus Morningstar.

„Nachhaltige” wirtschaften besser

Der Lackmustest für die Qualität von Anlageprodukten ist ihr Verhalten in Krisenzeiten: Im Wesentlichen verhalten sich ‚Ethische' nämlich parallel zur Gesamtmarktentwicklung. Allerdings zeigen verschiedenste Studien, wie jene der Universität Oxford ‚From the Stockholder to the Stakeholder’, dass Unternehmen mit hohen Nachhaltigkeitsstandards tendenziell besser wirtschaften.

Unternehmen, die ins ethisch-nachhaltige Anlageuniversum passen, haben außerdem häufig eine gesündere und somit stabilere Bilanzstruktur und sind auch eine Spur krisenresistenter als andere Unternehmen.
Dieses Ergebnis zeigt auch der Global Challenges Index (GCX) der Börse Hannover, der aus 50 internationalen Aktien von besonders nachhaltig orientierten Unternehmen zusammengesetzt ist und letzten September seinen achten „Geburtstag” feierte: Der „gute” Index legte seit 2007 rund 60% seines Werts zu und lag damit langfristig deutlich besser als zum Beispiel der Deutsche Aktienindex (DAX), der im Vergleichszeitraum um rund 30% anstieg. Im Jahresabstand verlor der DAX knapp 18%, der GCX nur rund neun Prozent. Ausschließungskriterien für ethisches Investieren gibt es nach wie vor viele: Das kann Wertpapiere von Unternehmen, Ländern und Organisationen treffen, die zum Beispiel Waffen herstellen, Atomkraftwerke bauen oder die unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen produzieren. Ein klassisches Ausschlusskriterium für Länder ist etwa die Todesstrafe. Den Überblick zu behalten, ist nicht einfach: „Was als ‚ethisch’ oder ‚nachhaltig’ gesehen wird, ist kulturell oder auch regional unterschiedlich”, sagt Permoser und bringt ein Beispiel: „Atomenergie ist bei uns nicht zulässig, in Frankreich oder USA jedoch sehr wohl.”
Weil es für die Auswahlkriterien also keine einheitlichen Standards, weder in Österreich noch international, gibt, ist auch die Philosophie des jeweiligen Fondsmanagements sehr unterschiedlich. Die Sache wird zusätzlich erschwert durch Indices, die sich laufend in ihrer Zusammensetzung verändern. So wurden im Dow Jones Sustainability Index die Unternehmen Bank of America Corp, Telefonica und BHP Billiton neu aufgenommen; ­dafür flogen Cisco Systems, PepsiCo und ­Royal Bank of Canada wieder raus.
„Für den Anleger ist wichtig, dass er selbst weiß, was für ihn die maßgebenden Kriterien sind und jene Produkte ins Visier nimmt, die die meiste Übereinstimmung mit seinen Erwartungen aufweisen”, rät Permoser. ­„Zusätzlich kann er sich an diversen Labels wie dem Österreichischen Umweltzeichen orientieren.” Maßgeblich ist für Permoser vor allem die Transparenz des Anbieters, das heißt, wie genau dieser seine Ausschluss-, Positiv- und Negativkriterien angibt, woher die Daten stammen, wie oft das Anlageuniversum upgedatet wird. Es ist also schon aus Übersichtsgründen kein Fehler – wer hat schon die Zeit und Nerven, sein Portfolio ständig neu auszurichten –, bei ethischen Investments gleich auf Fonds zu setzen, rät Morningstar-Experte Masarwah.

Recherchieren kann nicht schaden

„Es empfiehlt sich, bei Investmentfonds auf den Homepages der Anbieter zu recherchieren und nachzuforschen, ob bei diesen bei Eurosif ein Transparenzkodex hinterlegt wurde – der enthält nämlich Informationen über den Auswahlprozess, die angewandten Kriterien und Ähnliches”, rät Erste-Mann ­Gerold Permoser.

Die Idee ethischer Investments lässt sich jedenfalls auch positiv formulieren: Das Geld fließt dorthin, wo zum Beispiel nachhaltig, sozial oder ökologisch gehandelt wird.
Hier zeigt sich eine weitere Crux des ethischen Investierens: Wenn eine schnöde Burgerbraterei beschließt, ihre Laberl mit Solarenergie zu rösten, heißt das nicht, dass das schon für die Aufnahme in einen begehrten Ethik-Index wie den ÖkoDax oder den Dow Jones Sustainability Index schon reichen kann. Denn da könnte zum Beispiel die schlechte CO2-Bilanz von Rindfleisch noch ein Haxel stellen.

Druck auf Unternehmen oder Staaten

Eine Spielart der ethischen Investments ist übrigens die „politische” nachhaltige/ethische Investmentstrategie, die in den letzten Jahren immer deutlicher sichtbar wurde. Dabei nehmen Investoren mit betroffenen Unternehmen – meist deren Verwaltungsrat oder das Management – oder ganzen Staaten direkt Kontakt auf, um auf die unternehmerischen oder politischen Aktivitäten hinsichtlich ökologischer, sozialer und ethischer ­Gesichtspunkte Einfluss zu nehmen.

Als Druckmittel fungieren dabei das zu veranlagende bzw. bereits investierte Kapital, als auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Die Formen des Engagements können dabei sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und reichen von Lobbyingarbeit oder dem Managementdialog, der aktiven Ausübung der Stimmrechte bei Aktionärsversammlungen bis zum Einbringen von Aktionärsrechten. Auf diese Weise werden die Unternehmen mit den ethischen, ökologischen und sozialen Aspekten ihres Wirtschaftens konfrontiert mit dem Ziel, sie zu verantwortungsbewusstem Verhalten zu bewegen. ­Besonders Investmentfonds nutzen hier ihre Macht, um Einfluss zu nehmen.
Wie immer man es dreht und wendet: Der Zug zu „Ethischen” ist jedenfalls nicht aufzuhalten: „Die zunehmende Bedeutung nachhaltiger Investments drückt sich in steigenden Anlagevolumina aus. Das zunehmende Interesse betrifft in erster Linie Großinvestoren wie Pensionskassen oder Versicherungen, die angehalten sind, die ihnen anvertrauten Pensionsgelder auch unter nachhaltigen Gesichtspunkten sorgsam zu verwalten”, sagt Permoser.
Die Richtlinie 2014/24/EU der EU fördert den CSR-Trend: In Zukunft dürfen öffentliche Aufträge nur noch an Unternehmen vergeben werden, die ethische Grundsätze erfüllen. Die muss in allen EU-Staaten – und damit auch in Österreich – bis zum 18. April 2016 umgesetzt werden.
Sie steht für faire und soziale Beschaffung bei öffentlichen Aufträgen. Es ist geplant, die Richtlinie „eins zu eins” umzusetzen, damit soziale, ökologische und innovative Aspekte im Einklang mit dem Wirtschaftlichkeitsgrundsatz gestärkt werden. Bei öffentlichen Ausschreibungen können dann ökologische und soziale Kriterien in den Ausschreibungen gefordert werden.

Nachhaltige Investments in Österreich

Für Deutschland ergibt sich ein Anteil der nachhaltigen Investments am Gesamtmarkt von knapp 0,8%; in Österreich ist man deutlich besser, hier beläuft sich die entsprechende Quote auf 1,5%. Die Schweiz verzeichnet einen Anteil nachhaltiger Fonds am Gesamtvolumen der dortigen Fonds von 3,8%.

„Mit über 70% ist in Österreich der Großteil der nachhaltigen Investments in festverzinslichen Wertpapieren angelegt. In den beiden Vergleichsländern liegen diese Werte wesentlich niedriger.
In der Schweiz machen Aktieninvestitionen mit einem Anteil von über 60% sogar die wichtigste nachhaltige Anlageklasse aus; in Österreich sind nur 26% der nachhaltigen Investments in Aktien angelegt”, berichtet die Geschäftsführerin des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG), Claudia Tober.

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