„Die Architektur des  Systems bröckelt“
© APA/Harald Schneider
Peter McDonald
HEALTH ECONOMY Redaktion 13.02.2026

„Die Architektur des Systems bröckelt“

ÖGK-Obmann Peter McDonald zeigt sich zuversichtlich, dass die Probleme des Gesundheitswesens und der Kassen gelöst werden können.

•• Von Martin Rümmele

Peter McDonald, im ersten Halbjahr Obmann der ÖGK und stellvertretender Vorsitzender im Dachverband der Sozialversicherungen, erklärt im medianet-Interview, wie er grundlegende Herausforderungen im Gesundheitswesen und die angespannte wirtschaftliche Lage der Kassen meistern will.

medianet: Wie sehen Sie die aktuelle Situation im Gesundheitswesen?
Peter McDonald: Es wird zu viel über tagesaktuelle Themen diskutiert: Kassenstellen, die an dislozierten Orten nicht besetzt werden können oder Wartezeiten in Spitälern. Beides ist für Patienten ärgerlich – aus Unternehmenssicht der Sozialversicherung und der anderen Stakeholder im Gesundheitswesen sollten wir uns auch deshalb mit der Zukunft, dem Gesamtbild beschäftigen. Wir müssen uns jetzt für die Zukunft rüsten und über neue Methoden zu einer besseren Patientensteuerung, stärkeren Gesundheitskompetenz und -vorsorge sowie mehr Verantwortungsübernahme des Einzelnen diskutieren.

medianet: Sie sprechen immer wieder an, dass die Demographie, das schwierige wirtschaftliche Umfeld, das die Kasseneinnahmen beeinflußt, aber auch der medizinische Fortschritt die wirtschaftliche Basis der Kassen belastet. All diese Herausforderungen kommen nicht wirklich neu daher. Wie sehen Ihre Antworten aus?
McDonald: Das ist ja da Problem. Manches wissen wir seit 65 Jahren, trotzdem geht die Diskussion immer noch nicht über die Zukunft und über das große Ganze. Zum einen: Vorsorgen ist besser als heilen – wir müssen den Fokusdarauf setzen, dass wir handeln, bevor wir krank sind. Gesundheit entsteht nicht beim Arzt, sondern durch mehr Bewegung, ausreichende Balance – auch im mentalen Bereich –, und gesunde Ernährung.
Dazu müssen wir die Menschen gesundheitskompetenter machen.

medianet: Wie soll das funktionieren?
McDonald: Die Ärztekammer Steiermark hat hier etwas Gutes gemacht – Broschüren für Eltern, wann man mit Kindern zum Arzt gehen muss und wann (noch) nicht. Wir sollten auch Anreize setzen – ähnlich dem SVS-Modell. Und wir müssen auch noch viel stärker mit der Wissenschaft kooperieren, wo wir niederschwellig Maßnahmen setzen können und schauen, welche Therapien es noch braucht beziehungsweise welche durch neue bereits überholt sind. Es braucht zudem eine Finanzierung aus einer Hand, wo das Geld der medizinischen Leistung folgt. Diese Diskussion gibt es seit 20 Jahren, seit dieser Zeit wissen wir bereits, dass die Architektur des Gesundheitswesens bröckelt. Außerdem braucht es mehr Innovation und Selbstverantwortung. Der Vorschlag der Salzburger Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP), die gesamten Gesundheitsagenden an den Bund zu übertragen und Erkenntnis auch anderer Landeshauptleute, befeuert meine Hoffnung, dass es zu einem großen Schritt kommenkönnte.

medianet: Wie soll dieser genau aussehen?
McDonald: Wir hatten beispielsweise im ersten Quartal im niedergelassenen Bereich ein Plus von sieben Prozent bei Arztbesuchen und seit fünf Jahren sinkende Belagstage in Spitälern – in den letzten fünf Jahren minus 15 Prozent bei rapide steigenden Kosten im Spital. Die Patienten zieht es raus aus dem Spital, aber die Finanzierung wandert nicht mit. Es muss ehrlich und gemeinsam geplant werden. Die zersplitterte Kompetenzlage führt leider dazu, dass viele Leistungen aktuell nicht dort erbracht werden, wo sie am sinnvollsten erbracht werden sollten.

medianet: Auch das ist nicht neu, scheitert aber an der Struktur des heimischen Gesundheitswesens. Wie soll das aufgebrochen werden?
McDonald: Notwendig ist die Bereitschaft aller Systempartner, die Finanzierung, die Steuerung und die Planung medizinischer Leistungen auf neue Beine zu stellen, in eine Hand zu geben und zu entpolitisieren – nach einem neuen Prinzip ‚selbst vor digital vor ambulant vor stationär‘. Ich bin hoffnungsfroh, was eine Neugestaltung des Gesundheitswesens über die nächsten fünfJahre betrifft mit einem Einkäufer auf Bundesebene gibt, der nach einer durch Fachleute erstellten Versorgungsplanung einkauft. Es gibt einen Common Sense, dass zusätzliche Lohnnebenkosten, auszuschließen sind, um die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Unternehmen international nicht zu gefährden. Wir müssen also schauen, dass wir effizienter werden und besser steuern.

medianet: Welche Pläne gibt es konkret fürs kommende Jahr?
McDonald: Als Sozialversicherung ist es uns gelungen, mit einer neuen Form der Versorgung mit längeren Öffnungszeiten wie in Primärversorgungseinheiten österreichweit zusätzliche Produktivität zu schaffen. Wir haben dafür im Bereich der Primärversorgungseinheiten ein gutes Beispiel, das jetzt zu einem Selbstläufer wird. Ärzte und Ärztinnen wollen in solche Angebote und wir bekommen aus zwei Arztstellen oft die Produktivität von vier Arztstellen raus. Ein zentrales Thema wird die Patientensteuerung. Da wird man ein Modell schaffen, wo man Anreize schafft, den niederschwelligeren Zugang zu wählen – oder wo ein Primärversorger sagt, wo man hingehen darf. Wir werden auch Innovationen im Bereich Telemedizin nutzen – so können wir auch Arztordinationen entlasten. Im Bereich Digitalisierung war Österreich international gesehen eigentlich immer Innovationsvorreiter. Das wollen wir weiter sein. Wir brauchen im System auch mehr Produktivität und Wirksamkeit.

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