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China am Ziel! Europa am Ende? © Ecowin Verlag

Christoph Leitl, „China am Ziel! Europa am Ende?“, 166 Seiten, 20 €

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Christoph Leitl, „China am Ziel! Europa am Ende?“, 166 Seiten, 20 €

Redaktion 05.03.2020

China am Ziel! Europa am Ende?

Starke Handlungsempfehlungen des ehemaligen Wirtschaftskammerpräsidenten.

WIEN. Ex-Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl lässt sein aktuelles Buch, das er kürzlich im Café Landtmann präsentiert hat, mit dem Jahr 2049 beginnen. „Hundert Jahre nach der Mao-Revolution ist China das politisch, wirtschaftlich und militärisch stärkste Land der Welt. Es hat daran strategisch gearbeitet und die Welt verblüfft: Mit klarer Zielsetzung, durchdachter Strategie und darauf abgestimmten Maßnahmen wurde das große Ziel erreicht.“ Europa hingegen sei in eine Statistenrolle gedrängt worden: „2049 werden wir erkennen, welche entscheidende Weichenstellung wir versäumt haben, welche Brüche wir nicht erkannt, welche Reaktionen darauf wir versäumt haben.“ Dann sind wir aber bereits von der Champions League in die National- beziehungsweise Regionalliga abgestiegen. „Nach zwei Jahrtausenden tritt Europa als Keyplayer ab und überlässt seine Position stärkeren, dynamischeren, erfolgshungrigeren Kontinenten.“ Leitls harte Schlussfolgerung: „2049 ist China am Ziel, Europa am Ende.“

Der einzige Hoffnungsschimmer: Wir haben noch fast drei Jahrzehnte Zeit. Leitl: „Ob sich Europa behaupten wird oder den Anschluss verliert, entscheidet sich jetzt.“ Der Wirtschaftsexperte liefert eine Fülle von (durchaus provokanten) Analysen, die neben China und Europa auch die USA betreffen. Typisch beispielsweise Leitls Dialog mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping. Dieser fragte Leitl: „Wie lange dauerte es in Europa, eine Straße zu bauen?“ Und gab gleich selbst die Antwort: „Zwölf Jahre. Zwei Jahre Bauzeit, zehn Jahre Genehmigungsverfahren …“ Ein autoritär geführtes Riesenreich hat eben ganz andere Möglichkeiten. (Und doch auch seine Grenzen, wie der aktuelle Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus beweist.)

Leitl wagt ein Gedankenspiel mit Blick in eine mögliche Zukunft. Welche Brüche in unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Politik bremsen die Entwicklung Europas aus, während sich China scheinbar mühelos zu einer der größten Volkswirtschaften der Welt aufschwingt? Aktuelle Wirtschaftsthemen weitergedacht: Wohin führen uns Weltpolitik, Globalisierung und der demografische Wandel in den nächsten 30 Jahren? Die Entscheidung über Europas Zukunft: Wie können wir Ängste in Hoffnung umwandeln?

Doch Leitl belässt es nicht bei düsteren Zukunftsvisionen. In zwölf Kapiteln führt er Ideen an, wie wir mit innovativen Lösungen, neuen Denkansätzen und internationalen Beziehungen Europa politisch und wirtschaftlich vor dem Abstieg bewahren und als wesentlichen Mitgestalter der künftigen globalen Entwicklungen positionieren können. „Europa gibt es nicht zum Nulltarif“, warnt Leitl. „Ein Europa, das am Beginn des dritten Jahrzehntes im 21. Jahrhundert seinen Platz in der Welt einnehmen will, das seine Werte und seine Ansprüche verteidigen will, muss darum kämpfen.“ Denn: „Verlangt wird von uns aktives Gestalten, nicht passives Zuwarten. Verlangt wird positives Engagement für ein historisch faszinierendes Projekt: die Einigung Europas.“ (pj)




Christoph Leitls zehn Thesen zur Zukunft Europas

1) Europa sollte ein Vorbild an liberaler Demokratie in der Welt sein. Dies geht nur mit Effizienz ohne Lähmung durch Bürokratie. Wir stehen im Wettbewerb mit autokratisch geführten Ländern wie China.

2) Bildung ist der entscheidende Schlüssel zum Bestehen im globalen Wettbewerb. Das europäische Bildungssystem muss extrem talentorientiert ausgerichtet werden, um unsere Begabungen auch in Erfolge umsetzen zu können.

3) Innovation durch Kombination vorhandenen Wissens und Kooperation bei der Findung neuer Lösungen und deren Anwendungen; besonders auch im Bereich der Kreislaufwirtschaft könnte Europa in vielen Bereichen eine Führungsrolle vermitteln.

4) Europa muss seine Handlungsfähigkeit wiederherstellen. Dazu bedarf es des Entfalls des Einstimmigkeitsprinzips. Subsidiarität in einem Europa der Regionen und Proportionalität in der Anwendung von Regeln mit Augenmaß wären dazu markante Eckpunkte.

5) Europas Stärke ist seine Vielfalt und die Identität seiner Menschen in den Regionen. Kleinere Einheiten sind näher bei den Menschen. Sie gilt es zu fördern und zu entwickeln.

6) Migration in einer klugen Form ist angesichts der demografischen Entwicklung ein wichtiger und notwendiger Baustein zur Sicherung des Wohlstands und des Sozialsystems in Europa.

7) Die Integration von Menschen außereuropäischer Herkunft muss auch über die Betriebe erfolgen. Dort werden fachliche und kulturelle Fähigkeiten vermittelt. Alle, die sich dieser Aufgabe widmen, sollten einen Integrationsbonus erhalten.

8) Europa kann globale Probleme alleine nicht lösen. Bedrohungen aus Finanzspekulationen, dem Bereich der Sicherheit und des Klimawandels können von Europa nicht alleine bewältigt werden – Kooperationen im Bereich der G20 sind dazu erforderlich. Wir brauchen globale Rahmen, wenn nationale oder kontinentale nicht mehr ausreichen.

9) Europa braucht einen neuen Geist und eine neue Begeisterung. Dieser „Spirit of Europe“ kann nur im Dialog mit den Bürgern, besonders den jungen Menschen, erfolgen. Wake-up-calls sind notwendig, um neben der Friedensidee neue Zukunftsideen für Europa zu entwickeln.

10) Die Bürger Europas erwarten Frieden und Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Das geht nur gemeinsam. Die Antwort auf „China strong“ und „America first“ ist daher: „Europe together“.

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