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Cannes rockt mit Technologie und Entertainment Steinke

Stefan Sagmeister in Cannes: „Awards sind Nebensache“. Kreative sollten mehr Schönheit in ihre Arbeiten einbeziehen

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Stefan Sagmeister in Cannes: „Awards sind Nebensache“. Kreative sollten mehr Schönheit in ihre Arbeiten einbeziehen

Petra Steinke 24.06.2016

Cannes rockt mit Technologie und Entertainment

Noch bis zum 25. Juni werden die begehrten Löwen verliehen.

CANNES. Die Löwenjagd geht in den Endspurt: Bis zum 25. Juni werden an der Côte d'Azur die begehrten Kreativpreise vergeben. Dennoch sind es vor allem die Technologiekonzerne und die Entertainmentbranche, die hier ihren großen Auftritt haben und an die man sich rückblickend sicher noch länger erinnern wird. Nur knapp vier Wochen nach dem Internationalen Filmfestival reisten Hollywoods Entscheidungsträger aus der Filmindustrie schon wieder nach Cannes, um sich über die digitalen Medien auf dem Laufenden zu halten. Brands spielen eine zunehmend wichtige Rolle im Entertainment (Musik und Film gleichermaßen). Das dafür heuer eigens lancierte Subfestival Lions Entertainment findet vom 23.06.-24.06. statt. Die Konversation zwischen dem CBS-Corporation-Boss Leslie Moonves und Michael E. Kassan, Chairman & CEO Medianlink, über die Zukunft des Entertainments eröffnete diesen Branchenevent. Moonves wies ausdrücklich darauf hin, dass immer noch klassisches Handwerk der TV-Produktion gefragt sei: „Ich glaube nicht, dass die Entwicklung einer TV-Show hauptsächlich die Folge der Auswertung von Big Data sein wird.“

Schon unter der gesamten Woche wurden dem Publikum bekannte Megastars vorgeführt, die sich mit schlagfertigen Auftritten hier gegenseitig überbieten: Musiklegende Iggy Pop; die Hollywood-Stars Will Smith und Gwyneth Paltrow; Wall Street-Produzent Oliver Stone; Miramax-Gründer und Co-Teilhaber der Weinstein Company (Inglourious Bastards), Harvey Weinstein, Illusionist David Copperfield und viele mehr.
Wie im vergangenen Jahr wird auch in diesem Jahr über die dominante Präsenz der Technologiekonzerne gestritten und ein Charme-Verlust der Kreativbranche befürchtet. Sogar Forderungen nach einer Änderung des Titels ‚Kreativfestival‘ wurden ausgesprochen. Die Kritik ist durchaus berechtigt: Facebook, Twitter, Oracle oder IBM dominieren die Croisette. AOL hat als einer der größten Hauptsponsoren das Messegebäude gar verkleidet. Markus Frank, Managing Director D-A-CH bei AOL Germany, legt sein Augenmerk auf das stetige Wachstum von Programmatic Advertsing, Advertising Sales und Content Distribution. Frank: „Als größter Anbieter einer umfassenden Technologie sowohl für Werbetreibende als auch für Publisher planen wir weitere Investition. Videos werden zunehmend mobil angeschaut, und in diesem Bereich haben wir bereits einige Akquisitionen getätigt. Den Bereich Premium-Content werden wir kontinuierlich erweitern.“

Thompson: Werbung ist mit Mehrwert am schönsten
Ein Silberlöwe für Österreich: Demner, Merlicek & Bergmann für BMW Österreich konnte nach dem erfreulichen Young Lions in der Kategorie "Print" einen weiteren Löwen ergattern. Die Wiener Agentur Demner, Merlicek und Bergmann wurde am Mittwochabend in Cannes mit einem Silberlöwen ausgezeichnet. Gemeinsam mit BMW Austria hat die Agentur ein Billboard entwickelt, das die Bewegungen von lebenden Objekten wie Tiere und Personen am Straßenrand in völliger Dunkelheit erkennt mit dem Ziel, rechtzeitig Wildunfälle zu verhindern. Die mit der in modernen BMW-Fahrzeugen eingebaute Technologie "Night Vision" kommuniziert an besonders gefährdeten Streckenabschnitten mit den LED-Wänden. Alistair Thompson zum Erfolg: „Ich kann bei den vielen Einreichungen in Cannes keine Auszeichnung erwarten, aber ich hatte mir einen Award erhofft. Mit "Night Vision" haben wir viel Content eingebaut und erzählen auch eine Geschichte über Verkehrssicherheit - am Ende tun wir mit "Night Vision" etwas Gutes. Am Schönsten ist Werbung, wenn sie einen Mehrwert schafft.“

Stefan Sagmeister in Cannes: „Awards sind Nebensache“
Kreative sollten mehr Schönheit in ihre Arbeiten einbeziehen

Der Star-Designer Stefan Sagmeister und zweifacher Grammy Award Gewinner bewies mit seinem Vortrag, das provokante Aussagen nicht nur gehört werden, sondern auch noch Tage danach für viel Gesprächsstoff bei den Zuhörern sorgen. Das konnte ihm von den mehr als 100 geladenen Sprechern an der Côte d’Azur kaum jemand nachmachen. Der Lumière Saal mit knapp 2.300 Plätzen war Montagnachmittag  sehr gut besucht, als der 1962 in Bregenz geborene Designer die Bühne betrat. Sagmeister gründete 1993 die Sagmeister Inc. Er arbeitete u.a. für Time Warner, das Guggenheim-Museum, die Rolling Stones und die Zumtobel AG. Seit 2012 führt er seine Agentur zusammen mit der Designerin Jessica Walsh unter dem Namen Sagmeister & Walsh erfolgreich weiter.
Moderiert von Adobe, forderte er in seinem Vortrag mit dem Titel "Experimente" die internationale Kreativszene auf, mehr Schönheit in ihre Arbeiten einzubringen.

Forsch, tiefgründig und teilweise amüsant kamen seine Ansichten über Cannes beim Publikum rüber: „Falls Schönheit ein wesentlicher Bestand einer kreativen Arbeit ist, dann ist das, was ich hier in Cannes gesehen habe, ein Angriff auf den Sehsinn. (Look at this s*** everywhere). Wir wollen Kreative sein, und wir glauben, die Welt mit Schönheit zu bereichern. Aber wenn meine Assistenten ein Logo mit einem halben Löwenkopf entworfen hätten, würde ich sie feuern.“ Er ergänzt: „Selbst wenn uns die Kultur nicht mehr interessiert und es uns nur noch ums Geld geht, möchte ich klarstellen, dass unsere Industrie besser arbeitet, wenn sie Schönheit einbezieht. Es wird sie noch erfolgreicher und gesünder machen.“

Sagmeister umriss folgende Gründe, warum die Schönheit in der Kreativität wesentlich ist:
-Schönheit war immer ein Teil des Menschen
-Schönheit verändert unsere Stimmung und beeinflusst unser Verhalten – selbst wenn Alzheimerpatienten ihre Wahrnehmung verlieren, erkennen sie immer Schönheit
- die Verschönerung eines hässlichen Orts verbessert seine Funktionalität
- die meisten Kulturen weltweit sind sich einig darüber, was schön ist.

Auch im anschließenden kurzen Gespräch mit medianet ging Sagmeister den Dingen auf den Grund:
"Sie haben schon alles gewonnen; welche Auszeichnungen sind Ihnen am wichtigsten?"
Sagmeister: Die zwei Grammy-Awards freuen mich natürlich sehr, aber insgesamt lege ich keinen großen Wert auf Awards.

"Glauben Sie, Awards sind nicht mehr angebracht?"
Sagmeister: Sie sollten eine Nebensache sein, aber nicht so überbewertet werden. Sie sind eine absolute Nebensache und haben nichts mit den Arbeiten an sich zu tun.

"Wie ist Ihr Verhältnis zu einem Auftrag?"
Sagmeister: In meiner Arbeit darf ich nicht lügen. Ich kann auch nur Produkte bewerben, an die ich glaube und auf gleicher Ebene mitreden kann.

"Sie kritisieren den Mangel an Schönheit. Glauben Sie, in Europa ist der Begriff ‚Schönheit‘ überhaupt noch relevant?"
Sagmeister: Wir leben in der unmittelbaren Vergangenheit, betreffend Design, Architektur und auch Kunst. Die Menschen hinterfragen auch viel zu wenig, selbst in Bezug auf Form wird viel zu wenig hinterfragt.

"Was sind Ihre Pläne für die nächsten fünf Jahre?"
Sagmeister: Ich plane viele neue Projekte, neue Ausstellungen, Bücher und möchte auch online etwas machen.

"Bedeutet es Ihnen etwas, noch in Cannes zu sein?"
Sagmeister:Nein.

"Was sollte man in Cannes unbedingt tun?"
Sagmeister: Es wieder verlassen.

Übrigens: Nach dem großen Erfolg seiner Happy Show im Wiener Museum für angewandte Kunst eröffnete gestern, am Juni, ‚The Happy Show‘ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst.
Aus Cannes berichtete Petra Steinke

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