Der ESC in Wien als „größte Show der Welt“
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MARKETING & MEDIA Redaktion 06.03.2026

Der ESC in Wien als „größte Show der Welt“

Beim Unique Talk diskutierten Vertreter aus Politik, Kultur und Medien die wirtschaftlichen Potenziale des ESC.

•• Von Dinko Fejzuli

Der Eurovision Song Contest 2026 wird in Wien als umfassendes Medien-, Organisations- und Standortprojekt vorbereitet. Beim Unique Talk im Radiokulturhaus diskutierten Stadträtin Barbara Novak, Wien-Tourismus-Geschäftsführer Norbert Kettner, ORF-Generaldirektor Roland Weißmann und Sänger Cesár Sampson über Reichweite, wirtschaftliche Effekte und die strategische Dimension des Großereignisses.

Für Roland Weißmann steht die internationale Medienwirkung im Zentrum. „Es ist die größte Unterhaltungsshow der Welt im klassischen TV. 166 Millionen Menschen schauen sich das weltweit an“, sagte der ORF-Generaldirektor. Gleichzeitig habe sich der ESC strukturell weiterentwickelt: „Der Song Contest ist mittlerweile zweigeteilt. Klassisches TV-Publikum, aber auch ein zweites Standbein, gleichberechtigt mittlerweile.“ Auf digitalen Plattformen verzeichne das Format „2 Milliarden Abrufe auf Social Media“. Damit erreiche man Zielgruppen, „die überhaupt nicht mehr mit klassischem Fernsehen aufgewachsen sind“. Der ESC sei damit eines der wenigen Formate, das lineare Reichweite und digitale Dynamik in dieser Größenordnung verbinde.

„Spielen auf Weltniveau“
Für den ORF sei die Ausrichtung des 70. Bewerbs eine außergewöhnliche Aufgabe. „Es gibt nichts Größeres, als den Song Contest zu veranstalten“, so Weißmann. Die organisatorische Arbeit habe unmittelbar nach dem Sieg begonnen. „Wir haben uns am Sonntagabend getroffen und begonnen, daran zu arbeiten.“ Der Aufwand sei erheblich, da große Teile des Teams parallel zum regulären Betrieb arbeiteten. „Funktionieren tut diese größte Unterhaltungsshow der Welt nur deswegen, weil extrem viele Hände extrem professionell daran arbeiten“, betonte er. Die Nachfrage unterstreiche die Strahlkraft des Formats: „Wir haben die Finaltickets in zwölf Minuten verkauft. Insgesamt wurden 50.000 Tickets innerhalb von 40 Minuten in der ersten Welle abgesetzt.“ Zudem verwies Weißmann darauf, dass es sich um den 70. Song Contest handle, „gegründet zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg“, was dem Bewerb auch eine historische Dimension gebe. Laut Erhebungen sähen „4/5 der Österreicherinnen und Österreicher“ die Austragung positiv.

Mit Blick auf die internationale Zusammenarbeit erklärte Weißmann: „Wir spielen auf Weltniveau.“ Die Abstimmungen innerhalb der EBU seien intensiv, aber professionell geführt worden. Der ESC sei „seit 70 Jahren ein Projekt der öffentlich-rechtlichen Sender Europas“ und stehe für Austausch und Dialog.
Die Aufgabe des ORF bestehe darin, „Wien und Österreich in der Welt positiv präsentieren“ zu können. Gleichzeitig sei die Produktion eine Möglichkeit, die eigene Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. „Wir stemmen das aus dem Bestehenden, finanziell und personell“, sagte Weißmann.

Marke Wien zeigen
Norbert Kettner ordnete den ESC aus touristischer Sicht ein. Für ihn ist der Wettbewerb in erster Linie ein internationales Kommunikationsprojekt. „Bilder, Bewegtbild“ seien entscheidend, um eine Stadt global zu positionieren. Wien stehe im Wettbewerb mit anderen Metropolen und müsse zeigen, „wie das ausschaut, wie das funktioniert“. Der ESC biete die Möglichkeit, organisatorische Kompetenz sichtbar zu machen und die Marke Wien emotional aufzuladen. „Wir sind Nummer eins bei internationalen Kongressen weltweit“, sagte Kettner mit Blick auf die Anzahl und Größe entsprechender Veranstaltungen.

Wien verfüge über umfangreiche Erfahrung mit internationalen Großereignissen. Erst kürzlich habe ein Kongress mit 20.000 Teilnehmern unmittelbar vor der ESC-Woche stattgefunden. „Wir können Großveranstaltungen“, so Kettner. Gleichzeitig gehe es darum, über die Eventwoche hinaus Wirkung zu erzielen. Bereits 2015 habe man Delegationen mit gezielten Kulturangeboten eingebunden. „Das war der bis dahin am besten von den Delegationen bewertete Song Contest überhaupt“, erinnerte er. Ziel sei es, dass Gäste Wien nicht nur als Austragungsort wahrnehmen, sondern als Stadt mit kultureller Substanz und hoher Lebensqualität. Laut Erhebungen hätten „fast 70 Prozent“ der Wiener die Austragung positiv bewertet.

Eventerprobte Stadt
Barbara Novak stellte die organisatorische Erfahrung Wiens in den Vordergrund. „Wien ist die Eventstadt schlechthin. Das Donauinselfest ist das größte Freiluftfestival Europas bei gratis Eintritt – seit über 40 Jahren“, sagte sie. Großveranstaltungen würden in Wien als koordinierte Gesamtleistung verstanden. „Bei uns funktioniert die Mobilität, die Wiener Linien, die Sauberkeit der MA 48, das Veranstaltungsmanagement, die Behörden, die Sicherheit, die Blaulichtorganisationen.“ Dieses eingespielte Zusammenspiel bilde die Grundlage für 2026. Ergänzend kündigte Novak eine Studie an, die die konkrete Wertschöpfung des ESC für Wien berechnen soll. Die Einnahmen und wirtschaftlichen Effekte würden im Anschluss detailliert ausgewertet.

Sicherheits- und Nachhaltigkeitsaspekte sind ebenfalls Teil der Planung. Die Stadt arbeite eng mit Polizei und Einsatzorganisationen zusammen. Auf Produktionsseite seien Konzepte in den Bereichen Mobilität, Energie und Ressourceneinsatz vorgesehen, um den Bewerb möglichst ressourcenschonend umzusetzen.

ESC als „letzte Bastion“
Cesár Sampson brachte die künstlerische Perspektive ein. Der ESC biete Musikern eine außergewöhnliche Plattform. „Für jeden, der tagtäglich Teil der weltweiten Musikindustrie ist, ist der Song Contest die letzte Bastion vergangener Tage, was die Hingabe, den Production Value und die Aufmerksamkeit gegenüber einem Song angeht“, sagte er. Wien trete dabei mit einer klaren kulturellen Identität auf. „Wien hat eine Identität, die in Kunst und Kultur relevant ist und Wiedererkennungswert hat. Das heißt, wir sind auch ein bisschen in der Bringschuld.“ Entscheidend sei, dass die Veranstaltung nicht nur technisch funktioniere, sondern als prägende Erfahrung wahrgenommen werde – sowohl für Künstler als auch für das Publikum.

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