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Desinformation in Zeiten von Corona © APA/Georg Hochmuth
© APA/Georg Hochmuth

Redaktion 05.06.2020

Desinformation in Zeiten von Corona

Studie der Uni Wien: Desinformation ist ein Problem in Österreich und hängt auch mit dem Informationsverhalten zusammen.

Neben der Coronavirus-Pandemie hat die Welt aktuell mit einer weiteren „Krankheit” zu kämpfen: Die WHO beklagt eine mit der Verbreitung von Covid-19 einhergehende „Infodemie”, also die unkontrollierte Verbreitung von Falschinformation bis hin zu Verschwörungstheorien über das Virus, den Schutz davor und dessen Herkunft. Auch hierzulande wurde die verstärkte Informationssuche in den letzten Wochen zu einen Nährboden für die Verbreitung von Desinformation, vor der das österreichische Innenministerium bereits Anfang März ausdrücklich gewarnt hatte.

Das Vienna Center for Electoral Research der Universität Wien hat sich des Themas Desinformation in der Coronakrise im Rahmen einer Studie gewidmet, deren Kern die Frage danach bildete, inwieweit die Menschen in Österreich Desinformation überhaupt als solche erkennen. In einem weiteren Schritt wurde untersucht, inwiefern es dabei einen Zusammenhang zu dem Medien gibt, die als Informationsquelle zur Coronakrise herangezogen werden.
Das Ergebnis zeigt großen Aufholbedarf. So ließen die Studieninitiatoren die Befragten etwa fünf Falschaussagen auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen, wozu nicht einmal die Hälfte der Befragten imstande war. Nahezu jeder achte konnte keine einzige der Falschaussagen als Desinformation identifizieren. Außerdem zeigt sich ein starker Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zur Identifikation von Falschaussagen und dem Informationsverhalten der Befragten.

Starke Unsicherheiten

Um der Verbreitung von Falschinformationen auf den Grund zu gehen, wurden die Befragten darum gebeten, mehrere Aussagen auf ihre Richtigkeit einzuschätzen. Bei fünf dieser Aussagen handelte es sich um klassische Beispiele von Desinformation in Zeiten der Coronakrise, wie etwa „Impfstoff wird von der Regierung zurückgehalten”, „Virus kann durch chinesische Produkte übertragen werden” oder „Virus ist ein missglückter US-Militärversuch”.

Immerhin 65,3% der 1.559 befragten Personen identifizierten die abgefragten Aussagen korrekt als Desinformation, sind sich also „sehr sicher” bzw. „eher sicher”, dass die Aussagen falsch sind. Am sichersten sind sich die Befragten bei der Einschätzung, ob eine Impfung von der Bundesregierung absichtlich zurückgehalten werde (72,8%); die meisten Schwierigkeiten hatten sie bei der Aussage, dass das Coronavirus eine Biowaffe sei. Nur 57,5% der Befragten identifizierten diese Aussage korrekterweise als Desinformation.
Eine genauere Betrachtung der Daten zeigt allerdings auch, dass nur 40,7% der Befragten alle Aussagen korrekt als Desinformation identifizieren konnten. Das heißt im Umkehrschluss, dass 59,3% der Befragten sich bei mindestens einer Desinformation „unsicher” waren beziehungsweise diese sogar „eher sicher, dass richtig” oder „sehr sicher, dass richtig” eingeschätzt haben. Die Mehrheit der Befragten tut sich also bei mindestens einer Aussage schwer. Fast jeder achte Befragte (12%) konnte sogar keine einzige der fünf Desinformationen als solche identifizieren.
Die Ergebnisse der Studie zeigen außerdem einen Zusammenhang zwischen dem Unvermögen, Falschinformationen als solche zu identifizieren, und der Nutzung bestimmter Medien zur Informationsbeschaffung rund um Covid-19. So zeigen die Analysen der Universität Wien, dass jene Befragten, die sich öfter als einmal wöchentlich über den ORF oder die Tageszeitung Der Standard informieren, weniger anfällig für Desinformation sind.
Gleichzeitig zeigt sich, dass jene Befragten, die sich über die privaten Fernsehsender, die Tageszeitungen Österreich und Kronen Zeitung, über WhatsApp, Instagram und YouTube informieren, durchschnittlich weniger gut imstande sind, Falschinformationen als solche zu erkennen. So identifizieren etwa jene Personen, die sich über den ORF auf dem Laufenden halten, im Schnitt nur 1,4 Aussagen falsch. Jene, die den ORF nicht als Nachrichtenquelle nutzen, sind sich wiederum im Schnitt bei 2,1 Aussagen – also bei fast einer ganzen Aussage mehr – entweder unsicher oder denken, dass die Desinformation korrekt sein könnte.

Appell an alte & neue Medien

Bei YouTube-Nutzern ist es wiederum umgekehrt: Jene, die angaben, YouTube als Informationsquelle zur Coronakrise zu nutzen, sind sich im Schnitt bei 1,9 von fünf Falschinformationen unsicher bzw. glauben, dass diese korrekt sein könnten. Jene, die YouTube nicht als Informationsquelle nutzen, erkennen durchschnittlich nur 1,5 der fünf Aussagen nicht korrekt als Desinformation.

Der Anteil der überzeugten Desinformierten an der österreichischen Bevölkerung sei im Großen und Ganzen also zwar eher gering, dennoch sei der Grad an Verunsicherung ob der Faktenlage relativ hoch, fassen die Autoren die Studienergebnisse zusammen. Alte wie neue Medien können und sollten ihren Beitrag zur Bekämpfung der Infodemie leisten, indem sie einen stärkeren Fokus auf die Aufklärung von Desinformation setzen, so ihr Appell. (ls)

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