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„Dieses Video hat keinen journalistischen Mehrwert” © APA/AFP/Joe Klamar
© APA/AFP/Joe Klamar

Redaktion 06.11.2020

„Dieses Video hat keinen journalistischen Mehrwert”

Die Veröffentlichung eines Attentats-Videos durch zwei ­heimische Medien und die möglichen Folgen für viele.

••• Von Dinko Fejzuli

Neun quälend lange Minuten dauerte der terroristische Angriff durch F. K. diesen Montagabend in der Wiener Innenstadt, an dessen Ende fünf Menschen tot und über 20 zum Teil schwer verletzt waren. Und: Am Ende dieser Horrornacht gab es auch unfassbare 20.000 Videos, aufgenommen via Handys, Überwachungskameras und diverser anderer Devices, die laut dem österreichischen Innenminister Karl Nehammer der Polizei zur Verfügung gestellt wurden. Eines dieser Videos sollte ein regelrechtes Beben in der heimischen Medien- und Werbewirtschaft auslösen. Denn ebendieses Video, auf dem zu sehen ist, wie der Angreifer auf einen Menschen schießt, landete, für alle User – egal welchen Alters – sichtbar, auf den digitalen Plattformen der Zeitungen Österreich und Kronen Zeitung, woraufhin es nicht nur zu einen Sturm der Entrüstung, sondern auch zu einem regelrechten Stornohagel von Werbekunden, die Online-Werbung auf diesen beiden Portalen gebucht hatten, kam, weil sie ihren Content eben genau nicht in diesem Umfeld platziert sehen wollen.

Online-Stornowelle

Von Hofer, Billa, Spar, Hervis, Lidl, über Ikea, Bawag, spusu bis hin zu den ÖBB stornierten viele namhafte Kunden ihre Online-Werbeaktivitäten auf krone.at bzw. oe24.at. Wie medianet erfuhr, sei ein Kunde sogar bereit, 80% der Stornogebühr zu bezahlen, nur um seine Ads von einer der beiden Plattformen zu holen.

Ob es bei Online bleibt oder ob auch etwa Print-Inserate davon betroffen sein werden, wird man sehen. Beim Spar-Konzern etwa hat man dies auf medianet-Anfrage nicht ausgeschlossen.
Doch auch seitens der Bevölkerung gab es auf die Veröffentlichung des betreffenden Videos, welches die beiden Medien mittlerweile offline genommen haben beziehungsweise auf ihren TV-Kanälen nicht mehr zeigten, heftige Reaktionen. Mehr als 1.450 Beschwerden gingen bis Redaktionsschluss beim Österreichischen Presserat ein.

Bei den betroffenen Medien selbst kann man die Aufregung nicht verstehen. So hieß es seitens der Krone gegenüber medianet, dass man die Situation intern lange diskutiert und die Redaktion in der Nacht entschieden hätte, „die Tatvideos nach technischer Entschärfung zu veröffentlichen, um die Bedrohungslage zu unterstreichen. Nach Entspannung der Situation wurden diese wieder offline genommen”, so ein Krone Multimedia Verantwortlicher gegenüber medianet.

„Viele haben es gezeigt”

In der Redaktion von Österreich verwies man auf den Umstand, dass das kritisierte Video auch auf sehr vielen anderen Plattformen und auf etlichen anderen Sendern bis hin nach Israel und die USA zu sehen war, und man letztendlich nichts anders gemacht hätte, als alle anderen in dieser Nacht, so Niki Fellner gegenüber medianet.

„Übrigens waren die Bilder und Videos, die kritisiert werden, noch länger zum Beispiel auf krone.at und Bild.de online – sogar auf der Homepage. Wir haben die Videos auf oe24.tv nach der Kritik auf Twitter nicht mehr ausgestrahlt”, so Niki Fellner in einer Stellungnahme.

WoFe schreibt Werbekunden

Österreich-Gründer Wolfgang Fellner selbst wandte sich in der Causa in einem Mail, das medianet vorliegt, auch an die eigenen Werbepartner, wo er erklärte, dass das betreffende Video vom israelischen Fernsehen stamme und man es von „internationalen TV-Anstalten” übernommen habe.

Fellner weiter: „In Österreich wurde dieses Video unseres Wissens nach auch von krone.at und krone.tv sowie ServusTV ausgespielt. Weltweit wurde das Video auf über 70 TV-Stationen (z.B. ITV, Daily Mail-TV, Bild.TV) und mehreren Hundert (!) Online-Seiten gebracht. Das Video war bereits vom israelischen Fernsehen verpixelt, der Passant also absolut unkenntlich gemacht.”

Hinter der Kampagne gegen sein Medium vermutet Fellner im Mail an die Werbekunden den Polit-Berater Rudi Fußi. Konkret meint Fellner da: „Die Kampagne ‚Keine Werbung mehr auf oe24.at' stammt vom links außen angesiedelten Kolumnisten Rudi Fußi, dessen zahllose Skandale und Affären hinlänglich bekannt sind, der sich als TV-Kolumnist im Unfrieden von oe24.at getrennt hat und seither mit oe24.at einen Streit um extrem überzogene finanzielle Forderungen führt.” Mit dieser Anschuldigung von Fellner konfrontiert, schreibt uns Fußi in einer Reaktion: „Die Eleganz und der Wahrheitsgehalt dieser Anschuldigungen passen hervorragend zur Marke. Ich empfehle eine Fortsetzung dieser von Wahrhaftigkeit und Intellekt geprägten Sicht auf die Realität, etwa mit einem Asteroiden-Special oder einer Diskus­sion zwischen Fellner und einem Angehörigen der Ermordeten zum Thema ‚Wie buchstabiert man eigentlich Anstand?'”

Dichand kritisiert Fellner

In die Kritik gegen die beiden Medien – doch vor allem gegen oe24 – stimmte auch Heute-Herausgeberin Eva Dichand ein, die unter einem Bild der beiden Coverseiten von Heute, die eine Rose und Polizisten zeigte, und Österreich, auf dem verletzte Personen zu sehen waren, twitterte: „Und bitte: Hauen Sie uns nie mehr wieder mit denen in einen Topf. Wir sind anders.”

Gernot Fischer, Geschäftsführer Sales Print bei Heute, gegenüber medianet: „Werbetreibende möchten, dass ihre Werbung oft gesehen wird, damit sich die Werbewirkung voll entfalten kann. Auf der anderen Seite ist es ihnen auch wichtig, in welchem Umfeld sie ihre Marke präsentieren. Also sie wollen Reichweite und Brand Safety – beides bietet Heute. Die dramatischen Vorfälle und die Art der Berichterstattung zeigten deutliche Unterschiede, wie Medien mit diesem Thema umgehen.”

Breite Kritik

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Heute-Chefredakteur Christian Nusser: „Heute hat in seiner Berichterstattung versucht, besonders sensibel vorzugehen, keine Fotos und Videos vom Täter und seiner Tat zu zeigen, auf die Zurschaustellung von Opfern, von Blut und Gewalt zu verzichten. Solche Veröffentlichungen verstören viele Menschen, sie erledigen auch das Geschäft der Terroristen mit, deren Ziel es ja ist, Angst und Schrecken zu verbreiten. Unsere Art und Weise der Berichterstattung fand breite Anerkennung.”

„Wir setzten ein Zeichen”

Viel mehr als die Kritik der Konkurrenz wird die betroffenen Medien aber die Stornowelle schmerzen, die sie von wichtigen Kunden nach Veröffentlichung des Videos erfuhren.

Von Lidl, Laut Focus 2019 unter den Top 10 der Printwerber des Landes, hieß es gegenüber medianet: „Ja, auch wir setzen hier ein Zeichen und stoppen bis auf Weiteres unsere Werbeschaltungen auf oe24.at und krone.at.” Ähnlich der Tenor von Hofer, Nr. 4.-Printwerber laut Focus und als Handelskunde ebenfalls ein wichtiger Partner der Medien; in einer Stellungnahme heißt es: „Hofer distanziert sich klar und deutlich von dieser Art der Berichterstattung und hat umgehend sämtliche Werbemaßnahmen bei diesem Onlinemedium gestoppt.”

Medienbehörde ermittelt

Und wie die Tageszeitung Der Standard berichtet, droht den Verlagshäusern beziehungsweise ihren TV-Sendern nun auch Ungemach von einer neuen Seite. So bestätigt Andreas Kunigk, Sprecher der Medienbehörde KommAustria und der RTR, gegenüber dem Standard, „dass die Medienbehörde KommAustria der Berichterstattung zu dem Terroranschlag in einzelnen Fällen amtswegig nachgeht und eine umfassende rechtliche Prüfung unter Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien und gesetzlicher Verfahrenswege vornimmt. Untersucht wird, ob in der Berichterstattung konkret gegen gesetzliche Gebote beziehungsweise Verbote verstoßen wurde, die sich an audiovisuelle Mediendienste richten.”

Im schlimmsten Falle könnte ein Lizenzentzug drohen, davon ist aber eher nicht auszugehen. Doch nicht nur seitens der Behörde, von Kunden- und von Userseite regt sich Kritik am journalistischen Umgang mit dem Video-Content.
Nun melden sich auch die ersten Werbe- und Media-Agenturen zu Wort, und auch hier geht es vor allem um die Frage, in welchen Werbeumfeld die Spots und Inserate ihrer Auftraggeber, den Werbekunden, möglicherweise landen.

Kritik von Agenturen

Deutliche und emotionale Worte findet Michael Kapfer, Mit-Eigentümer der traditionsreichen Werbeagentur GGK MullenLowe, der via Facebook Marketing-Verantwortliche offen zum Werbeboykott auf oe24.at „bis Weihnachten” aufruft. Kapfer schreibt: „Der Ruf nach Überdenken von Presseförderung wird ungehört bleiben, dafür ist die Politik zu sehr am Gängelband von ‚WoFe' und Co. Sie sind es nicht und ihre Marke ist es auch nicht, also wenn Ihre Marke in so einem Umfeld positioniert wird, kann das nur schwer markenschädigend sein, von dem eigenen Empfinden, an dieser Geschmacklosigkeit ­anteilig zu sein, einmal abgesehen.”

Kapfer spricht in seinem Posting von „Sudelmedien”, bei denen ein Storno als „Hebel” benutzt werden solle, um hier eine Änderung herbeizuführen. Wortmeldungen, wenn auch der etwas differenzierteren Art, gibt es auch von führenden heimischen Media-Agenturen.

Ausnahmesituation

Andreas Vretscha, CEO der GroupM Austria, unter deren Dach sich mit der MediaCom die mit Abstand größte MediaAgentur, aber auch die Mindshare und die Wavemaker befinden, mahnt in einer Stellungnahme gegenüber medianet vor allem zur Frage nach der Qualität des Werbeumfelds, in der Werbung platziert werden könne, und meint: „Für uns gibt es hier absolut keinen Zweifel: Jegliche werbliche Botschaft muss in diesen Umfeldern ausgesetzt werden. Wir haben das sofort veranlasst. Prinzipiell ist unseres ganzer Teck Stack bereits im ‚Normalbetrieb' auf maximale Brand Safety ausgelegt. In solchen Ausnahmesituationen, bei solchen Tragödien haben natürlich auch die Publisher eine Verantwortung zu tragen – über die Inhalte, die sie publizieren und über einen sofortigen Stopp der Werbeauslieferung in diesen Umfeldern.”

Bilder ohne Mehrwert

Deutliche Worte findet auch Susanne Koll, CEO Omnicom Media Group: „Mit Entsetzen und ohne jede Vorwarnung wurden wir auf oe24.at im Rahmen einer Nachrichtensendung von Bildern überrascht, die wohl niemand von uns so schnell vergessen wird.

Bilder eines Gewaltexzesses, deren Ausstrahlung ohne jeden Mehrwert für die journalistische Berichterstattung war und vor allem, was noch wesentlich schwerer wiegt, ohne jegliche Rücksicht auf die Opfer und deren Angehörige. Diese Form der Berichterstattung finden wir pietätlos und nicht akzeptabel. Der journalistische Konsens, man muss nicht jedes Bild zeigen, nur weil man es zeigen kann, wurde hier zugunsten der Reichweite beiseitegeschoben.

Als Media-Agentur ist es unsere Aufgabe, darauf zu achten, dass die Werbung unserer Kunden in einem ethisch und moralisch einwandfreien Kontext platziert wird. Wir finden daher die Reaktion der werbetreibenden Industrie nachvollziehbar und unterstützen diese vorbehaltlos.”

Erste Rufe aus der Politik

Last but not least hat sich auch die Politik zu Wort gemeldet. So meinte Neos-Mediensprecherin Henrike Brandstötter gegenüber medianet: „Ich bin sehr betroffen über ein derartig verantwortungsloses Verhalten und das Ignorieren von dringenden Aufforderungen der Polizei im Sinne unserer Sicherheit. Nur um Klicks zu generieren, werden hier jegliche journalistische und ethische Standards missachtet. Wir müssen daher darüber sprechen, ob ein solches Verhalten nicht auch Konsequenzen haben muss. Es dringend notwendig, dass wir eine Debatte darüber starten, dass Inserate und ­Förderungen der öffentlichen Hand an einen klaren Verhaltenskodex geknüpft werden. Dazu gehört für uns unter anderem die Mitgliedschaft im Presserat.” Seitens der ÖVP erreichte uns bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme.

„Jetzt geht es um die Opfer”

SPÖ-Mediensprecher Thomas Drozda bezeichnete das Verhalten der kritisierten Medien als „inakzeptabel”. Dafür, jetzt schon seitens der Politik über mögliche Konsequenzen nachzudenken, sei es aber zu früh. In diesem Moment gehe es nur „um die Todesopfer und die Verletzten und die Hoffnung, dass diese wieder genesen”, so Drozda gegenüber medianet.

Die Grüne Mediensprecherin Eva Blimlinger sieht in mehreren Punkten Handlungsbedarf. Im Bereich der Medienförderungen gebe es mehrere Gesetzesmaterien, in denen „bis dato leider keine Qualitätskriterien formuliert sind”, bedauerte sie im Gespräch mit der APA. Die Grünen würden sich sehr bemühen, diese hineinzuverhandeln. Auch für die Inseratenschaltungen der Bundesregierung hätten die Grünen gerne Qualitätskriterien definiert, das sei aber „nicht leicht durchzukriegen”.

Ludwig wartet ab

Auch die Stadt Wien denkt über einen Inseratenstopp nach. „Man wird prüfen, welche Anmerkungen der Presserat dazu macht”, so Bürgermeister ­Michael ­Ludwig auf Nachfrage bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Forderungen, etwa öffentliche Inserate an bestimmte Kriterien, etwa die Mitgliedschaft im Österreichischen Presserat, zu binden und auch Verurteilungen durch diesen zu berücksichtigen gibt es schon länger.

Viel Geld im Spiel

Sieht man sich die Zahlen an, so erkennt man, dass hier viel Geld im Spiel ist. So hat laut Daten der RTR die öffentliche Hand im Jahr 2019 für Werbung rund 178 Mio. € ausgegeben, wobei hier nur Ausgaben, die über 5.000 € liegen, meldepflichtig sind und in periodisch erscheinenden Medien inseriert werden. Und betrachtet man die Zahlen für das erste Quartal 2020, so warb allein die Regierung um rund 8 Mio. €, also ein Plus von 43% zum Vorjahr. Die Stadt Wien verteilte ein Volumen von 5,2 Mio. €. Daneben nimmt die Regierung heuer auch zusätzlich Geld für diverse Corona-Info-Kampagnen in die Hand – die Rede ist von gut 15 Mio. €. Insgesamt warben die rund 5.000 meldepflichtigen Institutionen (vom Ministerium bis zur Müllabfuhr und zur WKO-Fachgruppe) im ersten Quartal für rund 441 Mio. €.

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