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Events: „Vergessene” Branche formiert sich © APA/dpa/Uli Deck
© APA/dpa/Uli Deck

Redaktion 22.05.2020

Events: „Vergessene” Branche formiert sich

Die von den Corona-Maßnahmen stark betroffene ­Veranstaltungsbranche startet einen eindringlichen Hilferuf – mit einer Stimme.

••• Von Georg Sander

Sie war die erste, die von den Einschränkungen seitens der Regierung in der Coronakrise betroffen war, und sie wird die letzte sein, die wieder zur Normalität zurückkehren wird: die Eventbranche. Diese reicht vom Lichttechniker, über Übertragung- und Aufzeichnungsfirmen bis hin zur Security. Darum formiert sich die in der Wirtschaftskammer in verschiedensten Bereichen organisierte Branche. Ihre Stimme ist Günther Polder, Geschäftsleiter der niederösterreichischen Firma Euro TV Production GmbH. „Wir sind gemeinsam mit Alexander Kränkl von der Wirtschaftskammer sehr aktiv, wir arbeiten daran, einen Schulterschluss zu machen. Wir sind in verschiedenen Branchen untergebracht”, erklärt er die Sachlage.

Wunsch: WKO-Vertretung

Die verschiedensten Bereiche (Event-Branche, Bühnenbau, Licht, Beschallung, TV, Zeltbau, etc.) wären das Handwerk, man wolle nun eine Vertretung, die auch in der Wirtschaftskammer entstehen soll. Polder hat selbst keine offizielle Funktion, aber die Aufgabe übernommen, diese Anliegen für die TV-Dienstleister zu kommunizieren.

Einiges an Information aus Sicht der Branche findet sich auf TVnetAustria, die Plattform für Kreative und Techniker im Medienbereich in der TV-Branche. Auf der Website wurde ein entsprechendes Positionspapier veröffentlicht – ein Papier einer großen Gruppe.
„Wir sammeln gegenwärtig Unterstützungen, damit das zertifiziert ist. Wenn wir die gesamte Event- und TV-Branche hernehmen, brauchen wir uns auch nicht vor einer AUA verstecken. Nimmt man alle zusammen, sind wir rund 140.000 Menschen.” Das stößt sauer auf, denn mit der Airline gebe es Verhandlungen – laut Polder spreche man mit seiner Branche aber nicht. Es gebe keine Förderungen, es sei Mitte Mai, „seit 16. März herrscht der Stillstand, bei uns ist kein einziger Euro angekommen”.
Das betreffe auch Sport und Kultur, also jene, die vor der Kamera stünden, es treffe beide gleich hart. Polder stellt klar: „Bis auf Pressekonferenzen und Floskeln kommt nichts. Fakt ist, dass spätestens in drei, vier Wochen die ersten Insolvenzen beginnen.”

Überleben und dann?

Die Frage ist, wie lange sich dieser Zustand noch aufrechterhalten lässt. Polder möchte hierbei nicht für die anderen Unternehmer sprechen, erklärt aber die Situation seiner Firma als Beispiel: „Jedes Unternehmen ist anders gestaltet. Es kommt auch drauf an, wer wann wie viel investiert hat. Wir haben vor eineinhalb Jahren einen neuen Übertragungswagen um fast vier Millionen Euro gekauft, sind schon über 40 Jahre alt und haben eine solide Basis. Dieses Jahr werden wir überleben, aber wie geht es dann weiter?” Kredite würden da kaum helfen. Polder verweist auf das „alte” Epidemiegesetz, das direkte Hilfen vorsieht, im Gegensatz zu den aktuellen Gesetzespaketen: „Wir brauchen jetzt auch Schadenszuschüsse. Ein Kredit verlängert das Sterben nur. Wir haben die klare Forderung, die ich gemeinsam mit unserem Wirtschafts­treuhänder entwickelt habe und die sehr einfach ist: Es muss in erster Linie nach Umsatz und Größe des Betriebs eine Garantie über AWS geschehen, dass es Überbrückungskredite gibt. Man braucht gemäß der Bilanz ein gewisses Volumen.” Über einen Zeitraum von mehreren Jahren soll dann der konkrete Schaden ermittelt werden, dann solle eine gewisse Summe auch nicht mehr zurückzuzahlen sein: „Das kann das Finanzamt ohne großen Aufwand ermitteln.”

September als Start?

Denn es geht auch um unterschiedliche Geschwindigkeiten. Wer im Bereich Veranstaltungstechnik beispielsweise Fußballspiele überträgt, wird eher schneller wieder arbeiten können, bei kleineren Konzerten oder Großevents kann das ganz anders sein.

Für Polder stellt sich die Sachlage so dar: „Wenn alles vor dem 16. März hundert Prozent ist, dann werden wir – sobald es Veranstaltungen geben kann, ab September/Oktober – Monat für Monat in fünf-Prozentschritten wieder zur Normalität gelangen.” Von einer „Veranstaltungsnormalität” könne man ohnehin erst ab dem Zeitpunkt der Verfügbarkeit einer Impfung oder von Medikamenten sprechen: „Erst wenn wir wieder Konzerte oder Fußballspiele vor 10.000 Menschen haben, ist es normal. Alles andere ist ja mit Abzügen und nicht mit den normalen Umsätzen zu rechnen. Jeder Betrieb will ja ein Licht am Ende des Tunnels sehen. Man muss sich überlegen, wie klein man werden kann.”
Gerade im Veranstaltungsbereich gebe es hohe Einsätze bei geringen Margen. Das erklärt sich aus der internationalen Konkurrenz und dem Umstand, dass Österreich ein Land mit hohen Personalkosten sei; allein Deutschland sei zehn bis fünfzehn Prozent billiger. Darum gibt es zum Abschluss einen eindringlichen Appell: „.Die gesamte österreichische Branche steht ohne Reaktion der Regierung vor dem Aus. Eine Forderung ist: Wer aus dem Staatstopf Geld bekommt – TV-Sender, Vereine, Agenturen, Kultureinrichtungen –, muss auch vorrangig in Österreich einkaufen Die Märkte rund um uns werden sich ins Fäustchen lachen. Sonst geht die Identität verloren.”

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