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In der gleichen Suppe © Panthermedia.net/TarasMalyarevich
© Panthermedia.net/TarasMalyarevich

Gianna schöneich 19.10.2018

In der gleichen Suppe

Die Initiative „My Country talks” wurde nun auch hierzulande durchgeführt – ein Erfahrungsbericht.

••• Von Gianna Schöneich

WIEN. Menschen mit völlig verschiedenen Blickpunkten an einen Tisch bringen – das hat die internationale Initiative „My Country talks” zum Ziel. Unterschiedliche Sichtweisen haben Markus Aichelburg-Rumerskirch und ich nicht – das sagte uns schon die E-Mail, die uns Der Standard, Österreich-Initiator des Projekts, zusandte.

Um uns für das Projekt anzumelden, hatten wir einen Fragebogen ausfüllen müssen. „Gehört der Islam zu Österreich, ist Tiere zu essen moralisch verwerflich, verlangt die Gesellschaft gerade, dass Mütter ihre Karriere für Kinder hintanstellen …?” Wir jedenfalls schwimmen „in der gleichen Suppe”, wie es Markus ausdrückte.

Enormer Andrang

In einer feinen Suppe zu schwimmen, gaukelt uns auch das Internet vor; es bietet hervorragende Informationsblasen. Mit Gleichgesinnten sind wir eh viel lieber befreundet, und wer möchte sich schon andauernd mit anderen Meinungen herumschlagen?

Für „Österreich spricht” haben sich 10.000 Menschen angemeldet. „Dieser Versuch, die gesellschaftlichen Bruchlinien durch Begegnungen Andersdenkender zu überbrücken, stieß auf enormen Andrang”, schrieb der Standard. Nach Ausfüllen der Fragebögen wurden möglichst Andersdenkende per E-Mail vernetzt. Am 13. Oktober um 15 Uhr sollte diskutiert werden. Markus und ich trafen uns in einem Café. Ein Österreicher und eine Deutsche, 55 Jahre bzw. 27 Jahre alt, Mann und Frau – zumindest ein paar Differenzen.
In meinem Leben entwickeln sich Diskussionen; in privaten oder beruflichen Gesprächen – sie poppen auf. Sich mit einer fremden Person an einen Tisch zu setzen und sofort zu diskutieren, funktioniert erstaunlich gut. Markus und ich teilen die Sorgen zur politischen Situation, wobei Markus über die Unaufgeregtheit des Alters verfügt und ich mich währenddessen frage, ob es moralisch vertretbar ist, ein Kind in diese verrückte Welt zu setzen.
Markus erzählt von Bekannten und Freunden, die rechte Meinungen vertreten – die Freundschaft sei aber größer und wichtiger als die politische Einstellung. Ich denke an einen alten Freund, den ich erst neulich aus meiner Facebook-Freundesliste löschte, weil er für meinen Geschmack zu sehr gegen Migranten und Flüchtlinge wetterte. Zwar lernte ich an diesem Tag keinen Andersdenkenden kennen – ich durfte aber lernen, die derzeitige Situation mit mehr Humor anzugehen.
Es mag Menschen wie mich geben, die angesichts der derzeitigen Situation zur Verzweiflung neigen und schwarz sehen. Menschen wie Markus erkennen die Ernsthaftigkeit der Situation und behalten ihr Lachen dennoch bei und versuchen, die Tochter statt zum Mathematik lernen zur Donnerstagsdemo zu überreden.

Die Macht des Einzelnen

Als wir über unser eigenes Konsumentenverhalten und politische Verantwortung sprechen, erklärt Markus, dass er seine poltische Partizipation ausleben möchte – egal ob seine Stimme etwas nützt; er möchte das demokratische Privileg nutzen. Ich sehe das genauso. Ich glaube an die Macht des Einzelnen – diese mag zwar nicht immer sichtbar sein, dennoch ist sie da. Unsere Kaufentscheidungen und Lebenswege haben einen Einfluss – nicht nur auf uns, sondern auch auf andere. Markus stimmt mir zu – für ihn darf der Spaß aber nicht zu kurz kommen. Da erzähle ich von meinem Versuch, Plastik zu reduzieren und von der verzweifelten Suche nach einer nicht in Plastik verpackten Gurke im Supermarkt – wir lachen.

Als ich Markus frage, was er mir junger Frau mitgeben möchte, sagt er, dass es sich nicht immer lohnt, sich gegen alles aufzulehnen. Viele Kämpfe lohne es nicht zu schlagen. Ich solle tun, was ich für richtig halte und mir nicht von anderen Menschen in die Suppe spucken lassen.
Markus und ich wollen uns wiedersehen und weiter darüber sprechen, wie es sich in unserer Suppe schwimmen lässt.

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