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Inselmilieu Reportage wird zum Medienunternehmen  © Inselmilieu

Live Talk mit Lisa-Marie Idowu (Mitte links) und Mireille Ngosso (Mitte rechts) über Black Empowerment und die Verantwortung der Medien.

© Inselmilieu

Live Talk mit Lisa-Marie Idowu (Mitte links) und Mireille Ngosso (Mitte rechts) über Black Empowerment und die Verantwortung der Medien.

Redaktion 09.01.2023

Inselmilieu Reportage wird zum Medienunternehmen 

Die 2020 von den Journalistinnen Jana Mack und Julia Breitkopf gestartete Podcastserie erhält eine Anschubförderung der Stadt Wien in der Höhe von 100.000 Euro.

WIEN. Das Wiener Medienprojekt Inselmilieu Reportage startet erfolgreich ins neue Jahr. Die 2020 von den Journalistinnen Jana Mack und Julia Breitkopf gestartete Podcastserie erhält eine Anschubförderung der Stadt Wien in der Höhe von 100.000 Euro zur Expansion des Redaktionsteams und zur Umsetzung neuer Formate. Inselmilieu Reportage wendet sich an alle, die sich durch multimediale Geschichten aus ihrer Filterblase wagen wollen. 
 
Der österreichische Medienmarkt ist in Bewegung. Während Printmagazine großer Verlagshäuser eingestellt werden, gewinnen kleine Medien zunehmend an Bedeutung. Eines dieser Projekte ist der Reportage-Podcast Inselmilieu, der 2020 von Jana Mack und Julia Breitkopf gestartet wurde. Seitdem tauchen die Journalistinnen regelmäßig in unterschiedliche Lebenswelten ein und nehmen Interessierte per Podcast und Fotoreportage dabei mit. „Studien zeigen, dass soziale Interaktionen vor allem mit Gleichgesinnten stattfinden, wodurch unser Verständnis für abweichende Lebensumstände abnimmt. Das verschärft die Polarisierung in Debatten und schreibt soziale Ungleichheiten langfristig fest”, sagt Julia Breitkopf, die Soziologie studiert hat. “Unsere Mission ist es daher, die Diversität der Gesellschaft vor den Vorhang zu holen”, ergänzt Jana Mack, die auch Fotografin ist.

Preisgekrönte Sozialreportagen öffnen Türen in andere Welten
Von obdachlosen Menschen vor einer U6-Station über Schaustellerfamilien und Drehorgelspieler im Böhmischen Prater bis zu FKK-Badegästen in der Lobau zeigen die Inselmilieu Reportagen Personen, die Wien auf ihre Weise prägen. Geräusche und akustische Momentaufnahmen nehmen die Hörenden mit auf eine Reise und lassen Menschen und Orte vor ihren inneren Augen Wirklichkeit werden. Ziel des Projekts: Berührungsängste und Vorurteile abzubauen, Interesse aneinander zu fördern und das vielfältige Wien miteinander ins Gespräch zu bringen. 2021 wurden die beiden Journalistinnen für ihre Reportagen mit dem renommierten Prälat-Leopold-Ungar-Preis in der Kategorie Online/Multimedia ausgezeichnet.

Nun steht der nächste Schritt bevor
“Das Medienprojekt soll nun zu einem Medienunternehmen wachsen, das mit innovativem, interaktivem Journalismus noch mehr Menschen aus ihren Filterblasen holt”, sagen die Gründerinnen. Mit den 100.000 Euro wollen die zwei Medienmacherinnen, die bislang die gesamte Produktion allein gestemmt haben, ein Redaktionsteam aufbauen, angehende Journalistinnen und Journalisten ausbilden und neue Content-Formate entwickeln. „Die Förderung ermöglicht uns, weiterhin unseren eigenen hohen journalistischen Ansprüchen gerecht zu werden. Wir nehmen uns viel Zeit dafür, in die jeweilige Lebenswelt einzutauchen, die Menschen kennenzulernen und ausführliche Gespräche zu führen.“ Der Fokus soll auch zukünftig auf Eigenproduktionen liegen, die sich direkt an Endkonsumentinnen und Endkonsumenten wenden. Finanzieren wird sich das Unternehmen durch Kooperationen mit Firmen und Sozialunternehmen, durch Podcastwerbung und Sponsoring, den Verkauf von redaktionellem Content sowie auf freiwilliger Basis durch seine Hörerinnen und Hörer.

Mit Veranstaltungen raus aus der Bubble
Eine Innovation ist die journalistische Veranstaltungsreihe “Burst your Bubble”, die Journalismus „angreifbar“ machen soll. “Wir wollen die soziale, kulturelle und Meinungsvielfalt Wiens fördern, Gespräche anregen und mit interaktiven Veranstaltungen reale Begegnungen schaffen. Ziel ist es, miteinander statt übereinander zu reden”, erzählen die beiden Journalistinnen.

Durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Darstellungsformen wie Live Talks, Fotoausstellungen oder Silent Podcast Listenings werden journalistische Inhalte auf unterschiedliche Art und Weise transportiert. Kooperationspartner und Menschen aus verschiedenen Communities und Disziplinen sollen dafür ins Boot geholt werden. Das Format wurde erfolgreich getestet: Bei einer Pilotveranstaltung wurden in Zusammenarbeit mit dem transdisziplinären Kunst- und Kulturverein ECHOLOT drei Hörspaziergänge veranstaltet, auf denen Besucherinnen und Besucher in die Geschichte des Böhmischen Praters eintauchen konnten. Journalistisch recherchierte Inhalte wurden künstlerisch aufbereitet und historische Begebenheiten durch Schauspiel, Tanz und Performances anschaulich gemacht.

Tiefer eintauchen durch Transparenz und Selbstkritik
Einen starken Fokus legt Inselmilieu auf Transparenz und Interaktion mit seinen Hörerinnen und Hörern. Ein neues Format soll beidem mehr Gewicht geben und Raum für Diskurse, Reflexionen und (Selbst)Kritik schaffen. In regelmäßigen „Deep Dive“-Podcastfolgen wollen Mack und Breitkopf ihre eigene Rolle als Medienmacherinnen kritisch hinterfragen. Eine Pilotfolge thematisiert den “White Gaze” im Journalismus. „Wir legen dabei unsere eigenen Fehler im Produktionsprozess unserer Auslandsreportage über Kamerun offen. Gemeinsam mit drei Testhörerinnen und Testhörern machen wir unseren Prozess zu einer rassismussensiblen Podcastfolge transparent.“ Durch die öffentliche Reflektion eigener Vorurteile geben die beiden Journalistinnen persönliche Einblicke in die Entstehung und Verfestigung von Stereotypen. Das Transparent-Machen dieses Prozesses soll Rezipientinnen und Rezipienten dazu anregen, eigenes Schubladendenken zu erkennen, zu hinterfragen und zu ändern.

Wiener Medieninitiative fördert Medienvielfalt
Die journalistische Qualität und die wirtschaftliche Nachhaltigkeit von Inselmilieu konnte die Expertenjury der Wirtschaftsagentur Wien überzeugen. Inselmilieu Reportage ist damit eines von elf Projekten, die in der sechsten Runde der Wiener Medieninitiative in der Förderschiene „Medienprojekt“ ausgewählt wurden. „Mit der Wiener Medieninitiative unterstützen wir innovative und mutige Vorhaben bei der journalistischen Umsetzung und bei der Etablierung ihrer Geschäftsmodelle. Mit dem an die Förderung angehängten Medienlab sorgen wir dafür, dass bereits geförderte Unternehmen ihre Projekte noch weiter professionalisieren“, so Evelyn Hemmer von der Wirtschaftsagentur Wien. Seit 2019 wurden 82 „Medienstart“ Projekte (mit bis zu 10.000 Euro) und 65 Qualitätsprojekte von etablierten Medien im Programm „Medienprojekt“ (mit bis zu 100.000 Euro) gefördert. Inselmilieu wurde bereits zur Gründung mit der Medienstart-Förderung unterstützt. (red)

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