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Kommt ein neuer Player ins Musikbusiness? © APA/AFP/Sebastien Bozon
© APA/AFP/Sebastien Bozon

britta biron 30.11.2018

Kommt ein neuer Player ins Musikbusiness?

Laut PwC-Studie könnte die Blockchain für große Änderungen in der Wertschöpfungkette sorgen.

••• Von Britta Biron

Die Musikindustrie gehört zu denjenigen Branchen, in denen die Digitalisierung schon sehr früh begonnen hat und besonders dynamisch verläuft. Bereits ab dem Beginn der 2000er-Jahre ist der Musikdownload in Konkurrenz zur CD getreten und wurde in den letzten Jahren seinerseits vom Streaming verdrängt. Die weltweiten Umsätze mit Musikaufnahmen erreichten 2017 laut der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) 15,15 Mrd. € (+ 8,1%). Der wichtigste Treiber ist der digitale Sektor, auf den mit 8,23 Mrd. € (+19,1%) bereits mehr als die Hälfte des Gesamtmarkts entfällt.

Die im Herbst veröffentlichten Zahlen der Recording Industry Association of America (RIAA) für das erste Halbjahr 2018 am US-Markt zeigen, dass der Trend weiter anhält. Die Umsätze erreichten 4,03 Mrd. €, drei Viertel davon kommen aus dem Streaming.
Gewinnbringend ist das digitale Musikvergnügen aber in erster Linie für die Online-Portale; Komponisten, Texter und Interpreten schauen mehr oder weniger durch die Finger. In Deutschland, nach den USA und Japan drittgrößter Musikmarkt, kommen gerade einmal 2,2% des Gesamtumsatzes von 1,53 Mrd. € über YouTube, jenem Kanal, auf dem weltweit mehr als die Hälfte der Streamingzeit verbracht wird.

Faire Abrechnung

Und während die Musikindus­trie mit Hochdruck daran arbeitet, dass dieser drastische Value Gap geschlossen wird, steht mit der Blockchain bereits die nächste digitale Errungenschaft vor der Tür, die laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung PwC für weitere große Umwälzungen am Musikmarkt sorgen könnte; davon betroffen wäre zum Beispiel das Thema Rechteverwertung.

„Sollte die Blockchain-Technologie in einigen Jahren ausgereift sein, lassen sich theoretisch sämtliche Musiklizenzen weltweit sicher festschreiben – womit die bislang komplexen Abrechnungsprozesse weitgehend automatisiert werden könnten”, sagt Werner Ballhaus, Leiter des Bereichs Technologie, Medien und Telekommunikation bei PwC Deutschland.

Einheitliche Standards

Allerdings erfordert eine globale Urheber-Datenbank mehr als „nur” eine ausgereifte Technik. Das Projekt Global Repertoire Database scheiterte 2014 – nicht aus technischen Gründen, sondern weil sich die Beteiligten auf keine gemeinsamen Standards und Regeln einigen konnten. Und diese wären auch für eine Blockchain-Lösung unabdingbar. Einsatzmöglichkeiten für die Blockchain ortet die PwC-Studie auch in anderen Bereichen. „Einige Blockchain-Start-ups versuchen jetzt schon, klassische Dienstleistungen in der Musikindustrie neu abzubilden”, sagt Ballhaus.

Neue Player

Dazu zählt etwa ujo Music. Das Geschäftsmodell ist vergleichbar mit einer Handelsplattform für digitale Downloads, aber deutlich transparenter. Zu jedem Song werden sämtliche Vermarktungsinfos – bis hin zum Kaffee, der während der Aufnahme getrunken wurde – angeführt und per Smart Contracts fixiert.

Das Start-up Viberate ist ein Marktplatz, der bereits 300.000 Musiker direkt mit 2.000 Booking-Agenturen und Konzertveranstaltern verknüpft. Seit heuer bietet Viberate auch Tickets für über 500.000 Events an 90.000 verschiedenen Veranstaltungsorten an. User können ihre Eintrittskarten auf der Plattform auch weiterverkaufen.
Peertracks wiederum ist eine Plattform für werbe- und abonnementfreies Musikstreaming, die die Gebühren für Urheber- und Leistungsschutzrechte per Mikrozahlungen an die Künstler direkt abwickelt.

Zukunftsmusik

Ob sich solche Ansätze tatsächlich durchsetzen, hängt der Studie zufolge davon ab, inwiefern es gelingt, eine kritische Masse zu erreichen. Denn noch steckt die Blockchain im Musikbusiness in den Kinderschuhen und ist für die etablierten Player keine Bedrohung. „Trotz interessanter Geschäftsmodelle fehlt noch die ausreichende Skalierbarkeit für den Einsatz im Massengeschäft”, meint etwa Markus Grimm, CIO der GEMA.

„Kooperationen mit großen Playern der Branche, aber auch aus anderen Industrien, könnten den Entwicklungsprozess in jedem Fall deutlich beschleunigen”, so Ballhaus.
Man begnügt sich aber nicht damit, die weitere Entwicklung nur zu beobachten, sondern viele Unternehmen, darunter die Musikfirmen Sony und BMG oder der deutsche Rechteverwerter GEMA, sind in verschiedene Produkte direkt involviert.
„Im Zuge der disruptiven Digitalisierung könnte sich die Wertschöpfungkette im B2B-Bereich durchaus verschieben – ein Szenario, in dem aufgrund der Blockchain-Technologie sämtliche sogenannte Intermediäre wie Verlage, Labels und Verwertungsgesellschaften obsolet werden, halten wir für wenig realistisch”, sagt Grimm.

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