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medianet-Umfrage: So beurteilen die Entscheider das Geschäftsklima © Panthermedia.net/Choreograph
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sabine bretschneider 10.06.2016

medianet-Umfrage: So beurteilen die Entscheider das Geschäftsklima

Marketagent.com hat für medianet wieder bei den Wirtschaftsentscheidern nachgefragt. Fazit der Umfrage: Die Stimmung wird zwar nur sachte, aber doch besser. Hinsichtlich der Flüchtlingsdiskussion sind die Befragten zwiegespalten.

••• Von Sabine Bretschneider

WIEN. Die aktuellsten – und sehr erfreulichen – Wirtschaftsprognosen kommen von Eurostat: Österreich hat im ersten Quartal des Jahres gegenüber den letzten drei Monaten 2015 das drittstärkste BIP-Wachstum in der EU verzeichnet. Laut Eurostat-Daten vom Dienstag dieser Woche lag Rumänien mit einer Steigerung von 1,6% an der Spitze, gefolgt von Zypern (+0,9%) und Österreich (+0,8%); gleichauf mit Österreich lagen Spanien, Litauen und die Slowakei – ebenfalls mit je +0,8% Wirtschaftsleistung. Im Jahresvergleich – erstes Quartal 2015 zu erstem Quartal 2016 – relativiert sich der Wert allerdings; in diesem Vergleich lag Österreich mit +1,3% nur an 20. Stelle.

„Konjunktur zieht endlich an”

Tags zuvor hatte die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) ihre jüngste Prognose ausgeschickt: Sie erwartet einen moderaten Aufschwung der österreichischen Wirtschaft. Nach vier Jahren mit einem BIP-Wachstum von jeweils unter einem Prozent beschleunigt es sich jetzt auf 1,6% – getrieben von zwei inländischen Sonderfaktoren: der Einkommenssteuer­reform im Jänner 2016 sowie den annahmegemäß defizitfinanzierten Ausgaben für Asylwerbende und anerkannte Flüchtlinge.

„Die Konjunktur zieht nun endlich an”, kommentierte es OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny.

Etwas bessere Einschätzung

Von der Makro- in die Mikroökonomie: Jetzt liegen auch die Ergebnisse der zweiten Welle einer Umfrage vor, die medianet gemeinsam mit den Digital-Marktforschern von Marketagent.com im Zeitraum 14. bis 29. April 2016 durchgeführt hat (1. Welle: November/Dezember 2015; „Geschäftsklima in heimischen Unternehmen – Bewertungen von Entscheidern zur aktuellen wie zur zukünftig erwarteten Geschäfts- und Konjunkturlage des eigenen Unternehmens, der jeweiligen Branche und der Gesamtwirtschaft”). Sie ergeben folgendes Bild: Die wirtschaftliche Situation für das eigene Unternehmen wird von zwei Drittel der Befragten (66,4%) als zumindest „eher gut” eingeschätzt (Dezember 2015: 61,5%). Dementsprechend fiel auch das andere Ende der Skala aus: Für „eher schlecht” bzw. „sehr schlecht” votierten diesmal nur 14,5% (18,5%).

Dazu kommt: 43,9% glauben an eine wirtschaftliche Verbesserung für ihr Unternehmen in den nächsten fünf Jahren (40,4%); 21,9% sagen: Es wird eher schlechter werden. Allerdings fällt auf, dass – obwohl sich prozentuell betrachtet mehr Befragte für eine positive Einschätzung entscheiden –, die Bewertung nach dem Schulnotensystem etwas gesunken ist (siehe Tabellen unten). Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang auch, dass 35,1% der Befragten in den nächsten sechs Monaten Investitionen im Bereich „Marketing & Werbung” tätigen wollen; Geld in neue Niederlassungen/Standorte stecken wollen wiederum nur 8,8%.

Große und Kleine urteilen anders

Die größten Stolpersteine für ein Prosperieren des eigenen Unternehmens ortet man nach wie vor in den Bereichen „Hohe Steuern/Lohnnebenkosten” (58,2%), wobei sich hier eine Kluft zwischen großen und kleinen Firmen auftut: Bei EPU und KMU (1–4 Mitarbeiter) sind es 68,1%, die sich damit schwertun, bei den Großen (50–250 MA) sind es ‚nur' 46,8%. Auf den Plätzen 2 und 3: bürokratische Hürden (46,5%) und die Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden (39,4%). Eine ähnlich gelagerte Beobachtung hebt auch Thomas Schwabl, Geschäftsführer von Marketagent.com, hervor: „Interessant in diesem Zusammenhang ist die Größenstruktur; hier sehen wir eine Korrelation zwischen der Mitarbeiteranzahl und der Stimmungswahrnehmung. So bewerten lediglich 11,5% der Unternehmen mit weniger als fünf Mitarbeitern die gegenwärtige Situation in ihrem Unternehmen als „sehr gut”, bei den Betrieben mit mehr als 50 Mit­arbeitern sind es 27,8%. Kurzum: Mit steigender Mitarbeiterzahl nimmt auch die positive Klimaeinschätzung zu” (siehe Kommentar).

Der eigenen Firma gehts besser

Gefragt nach der Einschätzung der Lage innerhalb der eigenen Branche, urteilen 38,2% mit „sehr” bzw. „eher gut” (2015: 33,1%). Für sehr bzw. eher schlecht optieren 31,4% (38,4%).

In der Zukunftsprognose für die nächsten fünf Jahre zeichnet sich kein klares Bild ab: Jeder vierte glaubt an eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation für seine Branche, jeder Dritte an eine Verschlechterung; 41,4% geben sich bedeckt („Wird gleich bleiben”).
Im Vergleich der Werte aus beiden Befragungswellen ist deutlich abzulesen, dass sich auch die Berichterstattung über die ökonomische Schieflage der Alpenrepublik auf die Gemüter schlägt: Die Perspektive für das eigene Unternehmen, das man sehr gut einschätzen kann, wird deutlich besser beurteilt als die Lage in der Branche, deren Beurteilung auch auf anderen Quellen beruht (siehe Grafiken).

Thema Nr. 1: Flüchtlinge

Ähnlich stellt sich auch die Einschätzung der Folgen des derzeitigen Themas Nummer eins in der heimischen Publizistik dar, der Flüchtlingskrise. Je allgemeiner die Prognose, desto negativer fällt sie aus: 42% der Befragten befürchten negative Auswirkungen für die österreichische Wirtschaft aufgrund der Integration von Flüchtlingen, nur mehr 22% tun dies hinsichtlich der eigenen Branche.

Drei von vier Respondenten befürworten übrigens die Öffnung des Arbeitsmarkts für Asylwerber – hingegen nimmt nur jeder Zweite an, dass dem Fachkräftemangel durch eine Ausweitung des Arbeitsmarktzugangs für Asylwerber entgegengewirkt werden kann.

Arbeitsmarktintegration

Arbeitsmarktexperte Helmut ­Hofer vom Institut für Höhere Studien (IHS) plädierte am Dienstag in einem Radio-Interview für eine möglichst frühe Integration von Asylwerbern bzw. Asylberechtigten am heimischen Arbeitsmarkt. Integration funktioniere am besten, wenn man möglichst rasch am Arbeitsmarkt auftreten kann; auch der IWF habe einen freieren Zugang zum Austro-Arbeitsmarkt für Asylwerber gefordert, so Hofer. Allerdings würden sich die tatsächlichen Effekte für den Arbeitsmarkt in Grenzen halten, so der Experte. Dafür sprächen auch die Erfahrungen in Deutschland, wo man schon nach drei Monaten unter gewissen Bedingungen einen Arbeitsplatz erhalten könne. Hofer plädiert – wenn auch in vorsich­tigen Worten – für eine weitergehende Lösung für die gesamte EU, in die man noch andere große Einwanderungsländer mit einbezieht, „damit man klare Regeln schafft: Ab dann darfst du arbeiten”.

Ganz gegen eine Öffnung des Arbeitsmarkts für Asylwerber – „Nein, auf keinen Fall” – votieren auch in der aktuellen ­medianet-Umfrage nur 8,4%. Immerhin 73% der Respondenten stimmen dafür.

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