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„Mit zweierlei Maß” © APA/Hans Punz
© APA/Hans Punz

Redaktion 13.11.2020

„Mit zweierlei Maß”

Wolfgang Fellner und die Video-Causa: „­'Österreich' und 'Krone' werden ­geprügelt – und auf Google und Face­book werben ­heimische Kunden weiter ­unmittelbar neben dem ­Terrorvideo.”

WIEN. Die erste Aufregung nach dem Terroranschlag in der Wiener Innenstadt am 2. November beginnt sich zu legen. Besonders im Fokus stand in den Tagen danach die Berichterstattung der österreichischen Boulevardmedien Krone und Österreich, die ein – viel kritisiertes – Video des Anschlags auf krone.tv bzw. oe24.tv veröffentlicht hatten.

Zahlreiche Beschwerden beim Österreichischen Presserat folgten, einige Unternehmen stellten die Werbung auf den Online-Portalen der beiden Medien ein, und auf Social Media wurde zum Boykott aufgerufen.
Dabei habe man, meint Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner, einige Dinge unzulässig vermischt: „In der Tageszeitung und auf der Website oe24.at wurde das Video bzw. Bilder davon nie veröffentlicht. Es wurde ausschließlich auf oe24.tv ausgestrahlt, wofür der Presserat gar nicht zuständig ist. Es ist das Mindeste, das auseinanderzuhalten”, so der Eigentümer. „Wir haben das Video auf oe24.tv vier- oder fünfmal ausgestrahlt und es um 23 Uhr heruntergenommen, als wir die Aufregung bemerkt haben. Es war eine unübersichtliche Situation und uns ist ein Fehler passiert.” Generell müsse man aber die ganze Geschichte – und die einzelnen ­Medien – differenziert betrachten.

Länderspezifische Ethik

Das Video selbst, so Fellner, sei kein Handyvideo – wie kolportiert –, sondern stamme vielmehr von der Überwachungskamera der israelischen Kultusgemeinde. Über einen israelischen Fernsehsender kam es dann zu CNN und anschließend weiter zum Partnersender oe24.tv, wo es ebenfalls veröffentlicht wurde.

Fellner: „In Österreich haben es auch krone.tv und ServusTV gezeigt, während der dortige Moderator Michael Fleischhacker dazu aufruft, aus ethischen Gründen als Gast nicht zu oe24.tv ins Studio zu kommen. Das ist das Pharisäerhafteste überhaupt.”
Einen Grund für die Empörung hierzulande ortet der Herausgeber in den Unterschieden, die es in verschiedenen Ländern bei der ethischen Bewertung dieser Themen gebe: Das Video sei von zumindest 60 TV-Stationen und Online-Portalen übernommen worden, mittlerweile, so Fellner, gehe man von über 100 aus. „Wir haben anschließend mit dem israelischen Chefredakteur des Senders gesprochen, dort hat man die Aufregung überhaupt nicht verstanden, weil es gang und gäbe ist, solche Videos zu zeigen. Auch in Amerika wäre so ein Sturm der Entrüstung unvorstellbar.” Allerdings werde es in Österreich eben anders bewertet. Für die Mediengruppe seien die Geschehnisse jedenfalls eine Lehre gewesen: „Wir lernen aus dem Ganzen und werden es in ähnlichen Situation so nicht mehr machen.” Allerdings, präzisiert Fellner, handle es sich um keinen medienrechtlichen, sondern einen „ethischen Verstoß”.

Über Google spricht man nicht

In den vergangenen Tagen war Fellner nach eigenen Angaben damit beschäftigt, die Wogen zu glätten und Gespräche mit den Werbekunden zu führen, die in einer ersten Reaktion Inserate gestoppt hatten. Inzwischen habe sich die Situation aber beruhigt. „Viele Werbetreibende haben – positiv – erkannt, dass wir uns entschuldigt und auch das Video nach kurzer Zeit gestoppt haben”, so Fellner. Seitens Google und Facebook gebe es diese Einsicht nicht, dort werde weiterhin im Kontext dieser Art von Videos per Programmatic Advertising-Werbung ausgespielt – „auch jene von österreichischen Handelsketten”.

„Boulevard-Bashing”

Dass die Debatte sich auf Österreich und Krone konzentriere, dafür macht der Österreich-Herausgeber auch das „Boulevard-Bashing” verantwortlich. „Was außer Acht gelassen wird, ist die Rolle der Sozialen Medien: Die tatsächliche Verbreitung des Videos hat über YouTube und Google stattgefunden, wo es zigmillionenfach angeklickt worden ist.”

„Das gesamte Who is who der österreichischen Werbelandschaft steht mit Inseraten über Google unter anderem auf der Website der Daily Mail direkt über dem Video – und jetzt wollen sie die Werbung bei oe24 und der Krone überdenken?” Auch wer am Samstagabend nach 22 Uhr den Fernseher aufdrehe, finde dort „Gewaltfernsehen zuhauf”: „Dazwischen läuft Werbung österreichischer Handelshäuser, als ob nichts gewesen wäre.”

Wahrheit oder Opferschutz?

Über die Rolle der Sozialen Medien müsse, sagt Fellner, noch gesondert gesprochen werden. Einer Debatte darüber, was in den Medien gezeigt werden dürfe und was nicht, werde er sicher nicht ausweichen. Fellner: „Was geht vor: Die Pflicht, die Wahrheit zu berichten, oder der Schutz der Opfer und eine besondere Vorsicht bei Berichten über Terrorakte?”

Dichand: „Gratwanderung”

Auch Christoph Dichand habe in einem Kommentar in der Krone geschrieben, dass die Berichterstattung zu dieser Causa „eine Gratwanderung” sei zwischen dem, was wahr sei, und dem, was man den Menschen zumuten könne, so der Österreich-Herausgeber. „Man kann lang und breit darüber diskutieren, insbesondere, wenn es Terrorakte betrifft. Wir haben festgestellt, dass die Österreicher es mehrheitlich nicht wollen, dass solche Dinge gezeigt werden. Die Diskussion darüber muss aber weiterhin zulässig sein.”

Chistoph Dichand selbst schreibt in einem Kommentar in der Samstagskrone u.a.: „Es gilt, zu zeigen, was passiert ist.”
Und zum Video meint Dichand: „Journalismus kann zu einer Gratwanderung werden; zwischen dem Leitspruch ‚Sagen, was ist' und den Grenzen der Zumutbarkeit. Aber wer die Wirklichkeit nicht zeigt, schafft Raum für die Unwahrheit. Die Krone hat entschieden, diese Videos zu zeigen, die Opfer dabei aber zu schützen, nicht identifizierbar zu machen.”
Der österreichische Boulevard, meint Fellner, sei im internationalen Vergleich ohnehin noch sehr reflektiert: „In Deutschland oder vor allem in England wird mit einer ganz anderen Rücksichtslosigkeit vorgegangen.”

„Schwierige Situation”

Insgesamt seien die Fehler in der Berichterstattung nicht zuletzt der Unübersichtlichkeit der Situation geschuldet gewesen.

„Es war eine schwierige Situation”, resümiert Fellner, „auch der ORF hat sich während der laufenden Berichterstattung für die chaotische Situation entschuldigt. Die Presse hat auf Twitter mehrere Meldungen publiziert, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben.”
Fellner verweist im Gespräch mit medianet auch auf Florian Klenk: „Der Falter-Chefredakteur hat über eine Riesengeiselnahme in der Mariahilferstraße berichtet, die es nie gegeben hat. Und wenn man sich die Postings des Standard zum Thema ansieht, dann passiert dort vieles, das weit über die Grenzen der Pietät hinausgeht.”
In dieser Nacht hätten in Wahrheit sehr viele Medienleute überreagiert. oe24 habe daraus gelernt. Das empfiehlt Fellner auch allen anderen. (har/cr)

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