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Was ist heute noch „normal”?
Redaktion 08.05.2020

Was ist heute noch „normal”?

Denken sollte man mit dem Kopf, nicht mit dem Bauch. Schwierig, wenn einem die Luft ausgeht.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

AUSWÜCHSE. In der Wiener Zeitung war zu lesen, dass der Autor Daniel Kehlmann ein Stück über die Corona-Pandemie schreiben werde: „In ‚Furcht und Elend des Virus' beschreibt der in New York lebende Autor „die Groteske des Lockdowns und wirft einen ganz besonderen Blick auf unsere ‚neue Normalität' und deren oft sonderbare Auswüchse”. Die neue Normalität könnte das Unwort des Jahres werden. Wetten werden angenommen!

Wer hat’s erfunden? Der Begriff des neuen Normalen sei 2018 durch den österreichischen Sprachphilosophen und Politikwissenschaftler Paul Sailer-Wlasits geprägt worden, verrät eine kluge Online-Enzyklopädie. „The New Normal: Woran wir uns gewöhnen müssen”, betitelte Sailer-Wlasits einen Gastbeitrag im Standard. „Angeblich hat es niemand gewollt, vermeintlich sah es kaum einer kommen, doch nun ist es da: das neue Normale. Müssen wir uns wirklich damit abfinden?” Klingt brandaktuell, nicht wahr? Erscheinungsdatum war allerdings der 7. September 2018.
Hauptdarsteller dieser neuen Normalität mit seiner „outstanding performance in a leading role”, wie es bei den Academy Awards so schön heißt, war (und ist) Donald Trump. Zitat Sailer-Wlasits: „Die USA sind das neue Testlabor, in dem die Zugfestigkeit, Elastizität und das Überdehnen demokratischer Strukturen live und am lebenden Organismus erprobt werden.”

Falls Sie also massive Probleme entwickeln, sobald als Belohnung die neue Normalität in den Raum gestellt wird, wissen Sie jetzt, dass weder Ihr Bauchgefühl noch Ihre tatsächlich anderswo verorteten Denkprozesse trügen. Dass wir diese neue Normalität mit Masken vorm Gesicht und in panischer Angst vor Körperkontakt verbringen, macht die Sache übrigens nicht leichter.

Selbst das Denken fällt schwerer, sobald vermummungsbedingter Sauerstoffmangel auftritt. Das wiederum könnte, schneller als uns lieb ist, zu einem gewissen Gewöhnungseffekt führen. An die neue Normalität.

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