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Die Medienbetriebe sind massiv bedroht © APA/Georg Hochmuth
© APA/Georg Hochmuth

Redaktion 10.04.2020

Die Medienbetriebe sind massiv bedroht

Gerald Grünberger, Geschäftsführer des VÖZ, über die weitreichenden Folgen der aktuellen Coronakrise.

••• Von Dinko Fejzuli

Wie jede größere Krise trifft auch diese vor allem die Medien hart. Die Rückgänge bei den Buchungen schwanken zwischen 30% bis mitunter 70%. medianet bat VÖZ-Geschäftsführer Gerald Grünberger zum Interview über die aktuelle Lage.


medianet:
Herr Grünberger, die Bundesregierung hat aufgrund der derzeitigen Krisensituation ein nachgebessertes Medienpaket präsentiert; ein Digitalpaket steht noch nicht. Wie beurteilen Sie die Gesamtsituation bzw. die Kritik, die an den Maßnahmen geäußert wurden?
Gerald Grünberger: Man muss in dieser etwas aufgeregten Situation mehrere Dinge auseinanderhalten und die verschiedenen Bausteine betrachten, die ein Gesamtbild ergeben. Zum einen sind alle Medienbetriebe aufgrund der Coronakrise massiv bedroht, wie man anhand der rückläufigen Werbeerlöse sieht. Das ist einerseits in den Focus-Daten ablesbar, und andererseits führen wir laufend eigene Erhebungen unter unseren Mitgliedern durch, die allesamt dramatisch ausgefallen sind. Im März waren wir, was Anzeigen-Storni betrifft, bei knapp 50% jetzt sind wir bereits bei 70%. Auflagenstärkere Medien, mit einem höheren Werbepreis, sind da natürlich summenmäßig stärker betroffen, aber es trifft alle Medien verlegerischer Herkunft gleich hart.

medianet:
Wie stehen Sie zum Hilfspaket der Regierung?
Grünberger: Die Maßnahmen, die die Bundesregierung gesetzt hat, sind grundsätzlich zu begrüßen, wie etwa das 30 Mio. Euro- Paket, das 15 Mio. für Print und 15 Mio. für elektronische Medien beinhaltet. Selbstverständlich gibt es auch Kritik an der Fördermaßnahme, wie zum Beispiel am Verteilungsmechanismus. Bei der Verteilung des erwähnten Pakets gebe ich weiters zu bedenken, dass die Reichweiten zwischen Printmedien und elektronischen Medien sehr unterschiedlich sind; daher ist auch die Aufteilung zwischen den Gattungen zu hinterfragen. Aber – und dies ist positiv – es wurde seitens der Bundesregierung erkannt, dass redaktionelle Medien zur kritischen Infrastruktur einer Demokratie gehören. Das ist auch in allen Nutzungsdaten der letzten Wochen erkennbar: Die Onlineangebote der Zeitungen und Magazine verzeichneten erhebliche Zugriffszahlen – teilweise mit einem Plus zwischen 300 und 400 Prozent.

medianet:
Nur monetarisieren kann man es derzeit nicht …
Grünberger: Das ist leider richtig, besonders betroffen ist das Trägermedium Print, aber auch Online kann aufgrund des Werbeumfelds ‚Coronakrise' nur bedingt performen.

medianet:
Konkret nochmals zur Kritik an der neuen Förderung, wie etwa, dass der Boulevard übermäßig gefördert werde; und wenn man sich die Zahlen ansieht, fällt auf, dass bei Wochenzeitungen vor allem partei- oder kirchennahe Titel profitieren; dafür war Digital zunächst überhaupt vollends ausgelassen, und Regionalmedien bekommen im Verhältnis weniger zugesprochen. Und auch der Verteilungsschlüssel, dem die Druckauflage, ein wenig aussagekräftiger Parameter, zugrundeliegt, wird dabei kritisiert.
Grünberger: Die beschlossene Förderung wird auf Basis des Presseförderungsgesetzes in zwei Töpfen verteilt: Einerseits für die durchschnittliche Druckauflage von Tageszeitungen aus dem Jahr 2019 und andererseits wurde die bestehende Vertriebsförderung für Tages- und Wochenzeitungen erhöht. Dieses Faktum hat zur Konsequenz, dass einzelne Titel gefördert werden, die in der Phase der Krise naturgemäß eine andere Druckauflage haben als im Jahr 2019, weil zum Beispiel derzeit deutlich weniger Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Die Mittelverteilung nach der Druckauflage 2019 ist daher aus unserer Sicht wenig geeignet. Das ist aber auch der Kurzfristigkeit der Maßnahme geschuldet gewesen. Wäre mehr Zeit gewesen, hätte man mit Sicherheit auch treffsichere Parameter heranziehen können. 

medianet:
Wurde der VÖZ bei der Erstellung des Medien-Hilfspakets überhaupt konsultiert?
Grünberger: Wir wurden in der letzten Phase hinzugezogen. Aufgrund dessen haben sich auch noch einige Parameter verschoben, etwa dass der Vertriebsaspekt in der Aufteilung berücksichtigt wurde. Die wahre Infrastrukturleistung für die Leserin bzw. den Leser ist die Hauszustellung, vor allem in einer Zeit mit Ausgangsbeschränkungen und vermindertem Sozialkontakt. Speziell die besonders gefährdete Altersgruppe schätzt diesen Service, der einen beträchtlichen Kostenblock im Zeitungsgeschäft darstellt. Der größte Kostenblock ist aber zweifelsohne das Personal. Zeitungen und Magazine werden von Menschen gestaltet. Der Produktkern Journalismus ist besonders personalintensiv, egal ob die Journalistinnen und Journalisten in der Redaktion, im Homeoffice oder in Kurzarbeit sind. Das wäre zum Beispiel ein Ansatz, der die Realität besser einfängt.

medianet:
Welche Kriterien zur Bemessung der Hilfe hätten Sie sich gewünscht? Manche meinen, besser wäre die verkaufte Auflage, eine Mitgliedschaft beim Presserat beziehungsweise die Anzahl der dortigen Verurteilungen gewesen …
Grünberger: Wir reden bei dieser Fördermaßnahme von einer zeitlich befristeten Krisenmaßnahme, daher halte ich die Mitgliedschaft beim Presserat für ein wenig geeignetes Kriterium. Ich meine, das Wesentliche ist, dass die Leistung der Menschen, die in Beschäftigung gehalten werden oder in Kurzarbeit sind, und derzeit nicht refinanzierbar ist, abgegolten wird. Dänemark etwa hat das anders als Österreich gemacht. Dort wurden den Medien die Verluste am Werbemarkt kompensiert und auch dort gilt dieses System für alle. Die österreichische Bundesregierung hat wie bereits erwähnt schnell agiert, und man muss auch die restlichen Maßnahmen anerkennen. Wie zum Beispiel das Krisen-Kommunikationspaket von rund 15 Mio.; hier wurden – weil Sie es zuvor erwähnt haben – die Regionalmedien genauso berücksichtigt.

medianet:
Gerade dieser Verteilungsmechanismus, dem ja quasi als Blaupause die Presseförderung zugrundeliegt, wird jetzt kritisiert, weil die seit Jahren monierten und bisher nicht behobenen Schwächen der Presseförderung jetzt fortgeschrieben werden. Wäre das nicht ein guter Anlass, jetzt auch über die Presseförderung zu reden? 
Grünberger: Der Verband Österreichischer Zeitungen hat sich nie einer Neugestaltung der Presseförderung verschlossen. Die derzeitige Presseförderung stammt aus dem Jahr 2004 und war zum damaligen Zeitpunkt eine Momentaufnahme. Mittlerweile sind 16 Jahre ins Land gezogen, und wir sprechen uns ganz klar für eine Neugestaltung und eine deutlich höhere Dotierung aus. Die Reform kann aus unserer Sicht jederzeit diskutiert werden. Die Systematik der bestehenden Presseförderung entspricht der Logik aus den Jahren 2003/04, denn damals gab es noch einige kleinere Zeitungstitel mehr, die man im Interesse der Medienvielfalt erhalten wollte. Eine spätere Reform der Presseförderung im Jahr 2014 hat dies im Übrigen konterkariert, und einige Zeitungstitel mussten daraufhin ihren Betrieb einstellen. Das vergessen manche Kritiker allzu gern, ist aber eine Tatsache.

medianet:
Glauben Sie, die momentan getroffenen Maßnahmen reichen, um die Krise durchzustehen? Niemand weiß, was noch kommt …
Grünberger: Wir wünschen uns auf jeden Fall, dass die Digitalförderung von 15 Mio. aufgrund der Ausweitung der Werbeabgabe noch im ersten Halbjahr umgesetzt wird, sodass man ein wenig Druck, der aktuell gegeben ist, herausnehmen kann. Darüber hinaus wünschen sich alle, selbstverständlich nicht nur die Printmedien, einen möglichst raschen Übergang in eine Normalsituation, damit der Konjunkturmotor wieder anspringen kann. Viele der Werbebuchungen sind verloren, manche sind auf Zeitraum nach der Krise verschoben – wann immer der ist.

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