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„Landwirtschaft war lang eine Art Black Box” © Berger Schinken
© Berger Schinken

Redaktion 19.03.2021

„Landwirtschaft war lang eine Art Black Box”

Geschäftsführer Rudolf Berger über die Branche, das Handwerk und die Berger-Qualitätsoffensive.

••• Von Daniela Prugger

WIEN. Zumindest eine positive Seite hatten die vergangenen Skandale in der Fleischbranche: Die Konsumenten fragen verstärkt nach der Herkunft der Produkte. Berger Schinken spielt genau dieser Trend in die Hände, denn der heimische Produzent schreibt sich das Tierwohl groß auf die Fahne. Geschäftsführer Rudolf Berger dazu: Nur wenn Konsumenten die Unterschiede in der Tierhaltung wahrnehmen, sind sie bereit, den Aufpreis zu bezahlen.


medianet: Wie geht es dem Unternehmen in diesem zweiten Pandemie-Jahr?
Rudolf Berger: Als Familienunternehmen kann man potenziell rascher auf sich verändernde Umstände reagieren. Bedingt durch die Coronakrise, haben wir im Vorjahr einen Boom im Selbstbedienungs-Regal erlebt. Der Trend geht zu vorverpackten Produkten – auch, weil diese länger haltbar sind. Dem begegnen wir als verantwortungsbewusstes Familienunternehmen mit neuen, ökologischen Verpackungen, die ab Ende März im Handel sein werden.

medianet: Vor welchen Herausforderungen steht Ihre Branche?
Berger: Die Fleischbranche steht vor einem Umbruch: Immer öfter wird aktiv Tierwohl gefordert – aber nicht immer gekauft. Auf der einen Seite ist der Tierwohl-Rohstoff stark begrenzt, auf der anderen Seite ist die Nachfrage noch nicht entsprechend hoch, die den Ausbau der Programme rechtfertigen würde. Wir als Berger Schinken würden gern wollen, brauchen aber die eine Seite, die produziert, und die andere Seite, die regelmäßig und wiederholt kauft. Wir sind einer der größten Bio-Produzenten in Österreich. Bio im Fleischbereich hat aus meiner Sicht auch begrenzte Wachstumsmöglichkeiten, da der gesamte bäuerlichen Betrieb umgestellt werden muss. Tierwohl lässt sich wesentlich einfacher für Mäster umsetzen, und daher sehen wir hier das größere Potenzial.

medianet: Zuletzt gab es in Deutschland einige Skandale in der Fleischbranche. Welche Auswirkungen hatten diese Fälle?
Berger: Als Reaktion auf die Skandale in Deutschland fragen Konsumenten sowie der Handel verstärkt die Produktherkunft nach. Wir sehen diesen Trend sehr positiv – da wir bei unseren qualitativ hochwertigen Schinken seit jeher auf heimisches Schweinefleisch setzen. Um heimische Qualität bewusst greifbar zu machen, ist auch Transparenz gefragt, die – zuRecht, wie wir finden – nun zunehmend eingefordert wird: Die Landwirtschaft war viele Jahre lang eine Art Black-Box – die Konsumenten konnten die dort herrschenden Produktionsprozesse nur schwer durchschauen.

medianet: Sehen Sie, dass sich seither etwas an den Arbeits­bedingungen osteuropäischer Arbeiter in Deutschland verbessert hat?
Berger: Wir können und wollen die Arbeitsbedingungen in Deutschland nicht beurteilen. Was wir tun können, ist, unseren eigenen Mitarbeitern das bestmögliche Umfeld zu bieten, und das tun wir. Auch wir in Österreich sind davon abhängig, Arbeitskräfte aus den Nachbarländern zu beschäftigen.

medianet: Seit November sind Berger-Produkte auch unter dem neuen Tierwohl-Label erhältlich. Was hat sich an den Produkten verändert ?
Berger: Die Tiere für unser Berger Tierwohl-Programm wachsen bei bäuerlichen Zulieferbetrieben rund um die Produktionsstätte in Niederösterreich auf. Die Tiere haben im Vergleich zum gesetzlichen Standard doppelt so viel Platz, Auslauf ins Freie und weiche Stroheinstreu. Damit kommen wir auch den langjährigen Forderung von Tierschutzorganisationen nach.

medianet: Wie steht es um das Image der Fleischverarbeitungsberufe?
Berger: Die Mehrheit der Österreicher konsumiert im Rahmen ausgewogener Ernährung auch tierische Produkte. Aber immer weniger Menschen können sich für den Beruf des Fleischverarbeiters begeistern. Was wir brauchen, ist ein Revival des Handwerks – ähnlich wie es Bäckern gelungen ist, den Beruf wieder attraktiv zu machen oder junge Köche zu Influencern werden, so muss uns das als Branche auch wieder gelingen. Den Schlüssel zum Erfolg sehe ich im Netzwerk und durchaus auch in Gemeinschaftsprojekten und dem intensiven Kontakt und Austausch mit allen Beteiligten der Wertschöpfungskette.

medianet:
Was ist für Sie persönlich das Schönste an Ihrem Beruf?
Berger: Das Schöne an meinem Beruf ist einfach die Herstellung eines Lebensmittels; aus guten Rohstoffen entsteht durch mein handwerkliches Geschick beispielsweise ein goldbraun geräucherter, angenehm riechender, würzig schmeckender Schinken. Ein gut gelungenes Endprodukt zu sehen und zu verkosten, ist für mich immer wieder Grund zur Freude, weil ich weiß, wie viele Faktoren richtig zusammenpassen müssen, damit ein Qualitätsprodukt entstehen kann. Fleischverarbeiter ist einer der vielseitigsten Berufe, die ich kenne. Man ist neben der Kernkompetenz in der Fleischverarbeitung teilweise Bauer, Tierarzt, Koch, Techniker, IT-Spezialist, Marketingexperte, Logistiker und natürlich auch Kaufmann.

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