•• Von Georg Sohler
Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Wien. Dort passiert alles zehn Jahre später“, soll Karl Kraus gesagt haben. Der Schriftsteller hatte natürlich keine Ahnung, was Skimpflation ist, hätte sie aber wohl kritisiert. Ob das „Knausern“ (to skimp), eine Qualitätsminderung durch weniger hochwertige Zutaten, tatsächlich auch in Österreich relevant wird, weiß man heutzutage nicht. Doch international wird das Thema schon diskutiert. Darum ist eine Vorbereitung sinnvoll – zumal die Politik mit dem seit 1. April geltenden Shrinkflation-Gesetz Handlungsbereitschaft beweist.
Der „neue“ Begriff lehnt sich nämlich daran an – also, dass bei gleichem Preis eine geringere Menge enthalten ist. Wer also so nicht mehr tricksen kann, könnte dies durch Inhaltsknauserei tun. Davor warnte die deutsche Verbraucherzentrale Hamburg bereits im vergangenen Sommer. Eine derartige Täuschung durch Qualitätsminderung muss nicht einmal aufgrund niederer Beweggründe, dem Streben nach mehr Gewinn, entstehen. Rohstoffe sind teuer, vielleicht kann so das Produkt ja zum gleichen Preis erhalten werden, mit etwas weniger der teuren Inhaltsstoffe. Allerdings gibt es laut Medienberichten Unternehmen, die dies stillschweigend tun. Halb so viel Butter in der Sauce, mehr Öl statt Pistazien in der Creme; das sind zwei reale Beispiele, wie Konsumenten bei gleichem Preis weniger Qualität bekommen. Damit wird klar, dass Skimpflation mehr als nur eine theoretische Gefahr ist – sie kann bereits im Alltag spürbar werden. Es ist eben ein Konflikt zwischen legitimer Kostenanpassung und möglicher Konsumententäuschung. medianet bringt Licht ins Dunkel eines Problems, das auch in Österreich prominenter werden könnte.
Stichwort „wertbestimmend“
Zunächst stellt sich die Frage, wie groß das Problem aktuell ist. Antworten liefert dazu der Verein für Konsumenteninformation (VKI). Der Anteil an Meldungen, die zum Thema Skimpflation bei Lebensmitteln eingehen, liegt im laufenden Jahr sowie 2025 unter fünf Prozent. Das berichtet Teresa Bauer, zuständig für die Projektleitung der Untersuchung, im Gespräch mit medianet. Insgesamt gehen rund 800 lebensmittelbezogene Hinweise pro Jahr ein. Den deutlich größeren Anteil nehmen Shrinkflationfälle (beziehungsweise vermutete Fälle) ein. Bauer sagt trotz dieser geringen Zahlen aber: „Wir vermuten eine hohe Dunkelziffer, weil Rezepturänderungen für Konsumenten oft schwer nachvollziehbar sind.“
Tauscht ein Produzent in der erwähnten Pistaziencreme Raps- gegen Sonnenblumenöl, wird das kaum auffallen und das Produkt nicht wirklich verändern. Wären nach einer Rezeptänderung aber mehr Öl und weniger Pistazien bei gleicher Menge enthalten, würde sich der Kunde getäuscht fühlen.
Was ist erlaubt?
Denn hierbei betrifft die Rezepturanpassung sogenannte „wertbestimmende“ Zutaten. Diese sind von Produkt zu Produkt unterschiedlich, wie Bauer mit Hinweis auf laufende Verfahren meint. Neben dem VKI sieht sich die Arbeiterkammer für Fairness gegenüber Endkunden zuständig. Senior Expert Food & Health Petra Lehner erklärt gegenüber medianet, dass Skimpflation aus AK-Sicht derzeit kein großes Thema ist. Hierzulande gilt grundsätzlich: „Für nicht normierte Produkte herrscht Rezepturfreiheit.“ Es gibt etliche Lebensmittel, deren Zusammensetzung im Österreichischen Lebensmittelbuch (Codex Alimentarius Austriacus, Anm.) niedergeschrieben ist. Bei allen anderen Produkten gibt es keine Vorgaben zur Zusammensetzung der Inhaltsstoffe. Und selbst wenn Zucker oder Salz wertbestimmende Zutaten sind und diese reduziert werden, kann das im Lichte von Ernährungsempfehlungen und gesunder Ernährung begrüßenswert sein.
Oder es ändern sich die Zeiten, so die Expertin. Was als „Analogkäse“ in den Nullerjahren noch ein Skandal war, sei heute ein trendiges pflanzliches Ersatzprodukt. Während beim Inhalt viel möglich ist, gilt dies nicht für die Kommunikation.
Die Hersteller dürfen also beim Knausern nicht flunkern. Allerdings, so Bauer vom VKI, muss der Fall erst vor Gericht landen: „Ob eine Rezepturänderung irreführend ist, ist vor Gericht immer eine Einzelfallentscheidung. In Sachen Skimpflation sind derzeit Verfahren anhängig, und letztlich wird das Gericht entscheiden, wie solche Fälle zu bewerten sind.“ Vor Ort beurteilen dies die Konsumenten, und das Angebot stellen die Lebensmittelhändler bereit.
Im Auge des Betrachters
medianet hat dazu alle österreichweiten Player kontaktiert; Antworten liefern wollten aber nicht alle. Qualität sei eine subjektive Angelegenheit, lässt in dem Zusammenhang Spar-Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann wissen. Sie erklärt: „Für die einen bedeutet dies, dass der Rohstoff aus Österreich kommt, für die anderen, dass er Bio ist. Für die einen, dass ein Produkt nur nach Vanille schmeckt, für die anderen, dass echte Bourbon-Vanille enthalten ist.“ Jeder Produzent müsse selbst entscheiden, wer angesprochen werden soll und in welcher Preisklasse man sich damit bewegen will.
Qualitätsfrage Eigenmarken
Allerdings sind Produzent und Händler hierzulande oft dasselbe Unternehmen. Der Anteil an Eigenmarken am Gesamtumsatz liegt bei 40%. Bei Hofer beträgt dieser Wert 90%, wie das Unternehmen mitteilen lässt. Für den Diskonter ist Qualität zu einem guten Preis wichtig: „Um diesen Anspruch bei gestiegenen Rohstoff- und Energiepreisen zu gewährleisten, müssen wir in seltenen Fällen eine Anpassung der Rezeptur durchführen.“ Durch diese Rezepturänderungen könne der Kundschaft auch weiterhin ein qualitatives Produkt mit sorgfältig ausgewählten Zutaten zum leistbaren Preis ermöglicht werden, heißt es weiter. In anderen Worten: Die Grenze zwischen notwendiger Kostenanpassung und tatsächlichem Knausern ist fließend.
Chance oder nicht?
Ein besonderes Qualitätsversprechen geben in dem Zusammenhang Markenartikler ab. Ein heimisches Aushängeschild ist beispielsweise Manner. CEO David Messner erklärt: „Steigende Rohstoffpreise, Energiekosten sowie geopolitische Entwicklungen belasten die gesamte Branche spürbar. Diese massiven Kostensteigerungen konnten wir nur zum Teil durch Preisanpassungen abfedern, den Rest haben wir selbst getragen.“ Rezepturänderungen erfolgen bei Manner, betont er, nicht aus „Knauserei“, sondern vor allem aufgrund technologischer Entwicklungen oder im Rahmen der Zuckerreduktionsstrategie. Diese Anpassungen würden mit Sorgfalt und Transparenz vorgenommen. Wiesbauer-Geschäftsführer Thomas Schmiedbauer sieht die Wurzel des Problems weniger bei den Herstellern als bei den Rahmenbedingungen. Die Regierung soll sich „um wesentliche Themen kümmern, um die Branche zu entlasten und zu unterstützen. Dann müssten Hersteller weder am Packungsinhalt noch an den Inhaltsstoffen schrauben.“ Sein Unternehmen spart bei den Inhaltsstoffen nicht, sagt er und verweist auf den stabilen Absatz der Wiesbauer-Produkte.
Offenheit als Chance
Aber gerade weil Konsumenten durch viele Themen verunsichert sind, liegt für heimische Markenartikelhersteller eine Chance in der Offenheit. Das meint Zwettler-Eigentümer Karl Schwarz, der sagt: „Viele Menschen interessieren sich dafür, wo Lebensmittel herkommen und wer dahintersteht. Für eine regionale Privatbrauerei wie die unsere ist das eine gute Gelegenheit zu zeigen, wofür sie steht: verlässliche Qualität und nachvollziehbare Zutaten.“ Messner teilt diese Zuversicht, während Schmiedbauer meint, dass er wenig Chancen für positive Kommunikation sieht: „Das führt nur zu noch mehr Verunsicherung.“ Daraus wird deutlich: Ein klares Bild hat sich bei den Markenartiklern ebenfalls nicht zeichnen lassen.
Nicht regulieren, bitte!
Wenn Hersteller auf all die bereits dargelegten möglichen Gründe für die Veränderung von Inhaltsstoffen setzen, muss das noch lange kein Knausern im Wortsinne sein. Das betont wiederum Handelsverbands-Geschäftsführer Rainer Will: „Konsumenten achten sehr genau auf Preis und Qualität. Produkte, die im Verhältnis nicht überzeugen, verlieren schnell an Attraktivität.“ Am Ende entscheidet der Markt, was passiert – und dieser muss sich nun ohnehin mit einer weiteren Regulierung hinsichtlich Shrinkflation beschäftigen. Diese ist aus seiner Sicht nicht notwendig. Ein hohes Ausmaß an Transparenz begrüßt er allerdings. Er sieht zudem eher die Produzenten in der Pflicht, weniger den Handel. Der Wettbewerb im österreichischen Lebensmittelhandel sei laut seiner Auffassung dabei sehr intensiv; und „die Produkte sind so hochwertig wie in kaum einem anderen Land auf der Welt.“
Doch ein Vorteil
Sollte das Skimpflation-Thema in der breiten Masse ankommen, sieht Will Möglichkeiten für die Lebensmittelszene: „Österreichische Hersteller haben durchaus einen Vorteil. Viele setzen auf klare Herkunft, regionale Rohstoffe und hohe Qualitätsstandards, die durch Gütesiegel oder Herkunftskennzeichnungen sichtbar gemacht werden.“ Und: Wenn hier eine enge Kooperation zwischen Produzenten und Handel entsteht, profitieren sowohl die Qualität als auch die regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze.
Inwiefern es in der aktuellen weltpolitischen Lage zu einer Verschärfung hinsichtlich der Knauserei kommt, bleibt abzuwarten. Und egal, ob der eine oder andere in Sachen Skimpflation ein Problem sieht oder nicht: Wenn es ein internationales Thema wird, wird es in Österreich ankommen – vielleicht nicht mit zehn Jahren, aber doch mit Verzögerung. Kraus hätte das Knausern dann mit spitzer Feder kommentiert – und die Branche täte gut daran, nicht auf seine Nachfolger zu warten.
