FINANCENET
© APA/Barbara Gindl

Redaktion 19.02.2021

Unternehmen stemmen sich gegen die Krise

EY-Mittelstandsbarometer fühlt den Puls unserer Betriebe – mehr als ein Drittel sieht Geschäftslage noch positiv.

••• Von Reinhard Krémer

WIEN. Die österreichischen Unternehmen blicken auf ein heftiges Jahr zurück – und erstmals seit Langem sehen sie die Aussichten gedämpft. Die Einschätzung des eigenen Geschäftsklimas verschlechterte sich als Folge der Pandemie deutlich. Der Anteil jener Unternehmen, die ihre aktuelle Geschäftslage als uneingeschränkt positiv bewerten, ist gegenüber dem Vorjahr von 59 auf 37% gesunken – die Zahl derer, die sie als negativ einstufen, ist hingegen von acht auf 28% gestiegen.

Dennoch schätzen immer noch sieben von zehn (72%) KMU die Geschäftslage derzeit als eher gut oder gut ein, im Vergleich: zu Jahresbeginn 2020 waren es 92%, wie eine Studie der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY zeigt.

Kräfte sammeln

Dass der Optimismus in Bezug auf die eigene Geschäftslage stark eingetrübt ist, wundert Erich Lehner, Managing Partner Markets und Verantwortlicher für den Mittelstand bei EY Österreich, nicht: „Für die kommenden Monate zeigen sich die heimischen Mittelständler so pessimistisch wie zuletzt 2008 am Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise – ein Viertel der Befragten rechnet sogar mit einer weiteren Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation. Doch gerade jetzt ist es wichtig, alle Kräfte zu sammeln und einen mutigen Blick nach vorn zu wagen. Getragen von Digitalisierung und Transformation, ergeben sich für den Mittelstand auch Chancen, die es zu ergreifen gilt.”

Zum ersten Mal seit der Weltwirtschaftskrise vor fast 13 Jahren rechnen mehr Unternehmen eher mit einer Verschlechterung ihrer Geschäftslage als mit einer Verbesserung – jeder vierte Manager (24%) ist skeptisch, nur jeder fünfte (22%) positiv gestimmt.

Pessimisten knapp vorn

Der Anteil derer, die eine Verschlechterung erwarten, ist dabei gegenüber dem Jahresbeginn 2020 von neun auf 24% angestiegen – noch höher war dieser Wert nur im November 2008 (36%).

Im Immobilien- und Bausektor sind immerhin noch fast zwei Drittel der KMU (61%) zufrieden mit der Geschäftslage, gefolgt vom Sektor Energie- und Wasserversorgung (57%). Diese beiden Branchen sind die einzigen, in denen mehr Befragte das Geschäftsklima positiv als negativ einschätzen.
Das Schlusslicht bildet erwartungsgemäß der Tourismus; hier beurteilen nur 14% ihre Geschäftslage aktuell als gut. Im Vorjahr waren es noch 62%.

Wo die Optimisten sind

Der Entwicklung in den kommenden sechs Monaten sehen insbesondere Transport und Verkehr, die Industrie sowie der Handels- und Konsumgüterbereich positiv entgegen – in allen drei Branchen gehen immerhin drei von zehn Betrieben (31% in Transport und Industrie bzw. 30% im Handel) von einer Verbesserung der Geschäftslage aus.

In allen anderen Sparten lassen sich nur 16% bis 23% zu Optimismus in Bezug auf die eigene kurzfristige Geschäftsentwicklung hinreißen. Neben der eigenen Geschäftslage trübt sich auch die Einschätzung der Binnenkonjunktur deutlich ein: Fast zwei Drittel der Mittelständler (63%) gehen derzeit davon aus, dass sich die Wirtschaftslage hierzulande im ersten Halbjahr 2021 (weiter) verschlechtern wird.

Pessimisten werden mehr

Nur jedes fünfte Unternehmen (20%) erwartet eine Verbesserung der Inlandskonjunktur in diesem Zeitraum. Die Konjunkturaussichten sind somit so schlecht wie zuletzt 2009, als sogar 79% mit einer Verschlechterung rechneten.

Der Anteil der Konjunkturpessimisten ist damit das dritte Jahr in Folge stark angewachsen und hat sich gegenüber dem Vorjahr sogar mehr als verdoppelt (63% in 2021, 25% in 2020, 8% in 2019) – mit einer positiven Entwicklung der Wirtschaftslage rechnete der heimische Mittelstand zuletzt zu Jahresbeginn 2019. Die Investitionsbereitschaft bleibt allem Pessimismus zum Trotz relativ stabil: Immerhin jedes dritte Unternehmen in Österreich (33%) möchte in den kommenden Monaten verstärkt investieren, bei der Hälfte (53%) werden die Investitionen voraussichtlich gleichbleiben.

Investitionen bleiben hoch

Nur rund jeder siebte Betrieb (14%) hat vor, die eigenen Investitionen zurückzuschrauben. Summa summarum ist die Zahl der Mittelständler, die ihre Investitionstätigkeit ausbauen will, gegenüber dem Jahresbeginn 2020 leicht gestiegen – bleibt aber dennoch unter dem Niveau der Vorjahre.

Die größte Angst, die nicht nur die Planungsfähigkeit von Unternehmen einschränkt, sondern auch den Optimismus stark bedrückt, ist der neuerliche Ausbruch einer Pandemie – drei Viertel (76%) sehen darin die stärkste Gefahr für die Entwicklung ihres Unternehmens.

Sorge um den Aufschwung

Zum ersten Mal seit Jahren wird somit der Fachkräftemangel vom ersten Platz verdrängt – noch im Vorjahr gaben zwei Drittel (69%) an, dass das fehlende Angebot an qualifizierten Bewerbern das größte Risiko für die Entwicklung des eigenen Unternehmens darstellt; heuer waren es hingegen nur mehr weniger als sechs von zehn (57%).

Die Sorge über einen wirtschaftlichen Abschwung hat sich aber mehr als deutlich erhöht: Während im Vorjahr 43% der KMU eine mögliche Rezession als potenzielles Risiko betrachteten, sind es dieses Jahr bereits fast drei Viertel (71%) der insgesamt 800 Unternehmen mit 30 bis 2.000 Mitarbeitern.

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