HEALTH ECONOMY
© APA/Helmut Fohringer

Redaktion 12.04.2024

Warum Gesundheit teurer wird und Sicherheit kostet

Peter Lehner, Obmann der Selbstständigenkasse SVS, im Interview über die Absicherung von Unternehmern.

••• Von Martin Rümmele

WIEN. Vor fünf Jahren startete die Kassenreform. Die SVA der gewerblichen Wirtschaft wurde mit der Bauernkasse zur SV der Selbständigen (SVS) fusioniert. Im medianet-Interview zieht der Obmann Peter Lehner Bilanz.

medianet:
Wie entwickelt sich die Versorgung?
Peter Lehner: Die Inanspruchnahme der Leistungen ist explodiert. Gleichzeitig ist das Wissen um Gesundheit größer geworden. Das erzeugt dann höhere Frequenzen. Das ist grundsätzlich positiv für die Menschen, es bereitet mir aber auch Sorgen.

medianet:
Inwiefern?
Lehner: Wenn wir die Erwartungshaltungen erhöhen, ist das ein Fass ohne Boden. Die Demografie lügt nicht, und der medizinische Fortschritt ist Realität. Das bedeutet aber auch, dass es teurer wird. Wir haben ja ein solidarisches Prinzip, und das System muss finanzierbar bleiben. Es gibt einen Unterschied zur Vollkaskoversicherung beim Auto: Man kann ein Auto zu Schrott fahren und bekommt dann ein neues. Ich bekomme von der Krankenversicherung aber nicht – ohne eigenes Zutun – meine Gesundheit zurück. Deshalb braucht es eine Stärkung der Gesundheitskompetenz.

medianet:
Sie haben einen neuen Ärzte-Gesamtvertrag abgeschlossen. Was ist der Inhalt?
Lehner: Der Anspruch war, zu steuern – etwa vom Spital in den niedergelassenen Bereich. Es geht darum, Behandlungen zu verschieben. Das Ziel ist auch, die Versorgung zu verbessern. Ärzte wollen Zeit honoriert bekommen – und das tun wir für Patienten ab 70 jetzt –, weil dort auch der Bedarf groß ist. Auch Gespräche für einen Follow-up-Check werden Ärzten künftig bezahlt. Prävention, Vorsorge, Eigenverantwortung ist wichtig, und das wollen wir zeigen. Wir wollten nicht einfach eine Inflationsanpassung rechnen, sondern schauen, was innovative Leistungen sind.

medianet:
Österreich hat vor allem Kleinunternehmen. Viele sagen, dass die SVS im Krankheitsfall nur wenig schützt.
Lehner: Ein-Personen- und Klein-Unternehmer haben ein anderes Bewusstsein: Gesundheit ist die Voraussetzung für den eigenen ökonomischen Erfolg und um meinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Der Großteil der Unternehmer sind ja nicht Millionäre, sondern verdienen auf ASVG-Niveau.

medianet:
Aber reicht die Versorgung im Krankheitsfall?
Lehner: Das ist ein spannendes Feld, weil man an der Gabelung ist. Die Frage ist, wie weit gehört Risiko dazu, um Unternehmer zu sein. Es gibt eben nicht den pragmatisierten Unternehmer. Die Frage ist, was ist wichtiger: Freiheit des Unternehmertums oder höhere Beiträge? Jede Sicherheit, die ich als SVS anbiete, wird letztlich zu einer Erhöhung von Beiträgen führen. Mein Zugang ist, dass wir Elementarrisiken absichern. Das Risiko gehört aber auch zum Unternehmertum.

medianet: Was heißt das genau?
Lehner: Man müsste von Unternehmern etwa sechs Prozent Arbeitslosenversicherung verlangen, um die gleiche Situation zu haben. Das würde aber dann keiner zahlen wollen. Das Gleiche gilt für das Krankengeld. Da müsste ich zuvor ja Beiträge dafür einheben. Und dann braucht es Kontrollsysteme. Aber wie kontrolliere ich Selbstständige, ob sie krank sind? Es gibt auch EPU, die froh sind so wie es ist. Und im internationalen Vergleich stehen wir da sehr gut da.

medianet:
Onlineeinreichungen steigen enorm – warum?
Lehner: Das ist sicher eine große Stärke der SVS – wenn etwas funktioniert, wird es auch angenommen. Wir wollen auch die Mitarbeiter weiterentwickeln, vom Sachbarbeiter zum Kundenbetreuer.

medianet:
Sie geben derzeit viel Geld für neue Standorte aus.
Lehner: Wir fusionierten von zwei Trägern auf einen und hatten damit überall zwei Landesstellen. Wir haben Teams zusammengeführt und wollen jetzt die Landesstellen entsprechend aufstellen – mit guten Kundenzonen und guten Arbeitsplätzen für die Beschäftigten und mit modernen Bürokonzepten. Da bringen wir auf weniger Fläche mehr unter und senken auch noch die Betriebskosten.

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