RETAIL
© Merkur/Robert Harson

christian novacek 12.10.2018

Merkur holt die Würmer ins Supermarktregal

Merkur-Vorstandsvorsitzende Kerstin Neumayer ist überzeugt: Insekten sind gesund.

••• Von Christian Novacek

Bei der Verbrauchermarktlinie Merkur läuft die Marketingmaschine hochtourig. Die aktuellen Sortimentserweiterungen liegen pointiert zwischen Gag und Aha-Erlebnis: Da gibt es zum einen den ersten frisch aus der burgenländischen Erde gezogenen Ingwer, an dem sich die Konsumenten in Ostösterreich erfreuen.

Und zum anderen erfolgte der Start mit Insekten, die schmecken. „Wir bieten unseren Kundinnen und Kunden täglich eine bunte Vielfalt an Lebensmitteln an und überraschen sie gern mit den neuesten Food-Trends. Ich denke, das ist uns dank der Kooperation mit ‚Zirp Insects' einmal mehr gelungen”, freut sich Merkur-Vorstandsvorsitzende Kerstin Neumayer über die fürs gemütliche Österreich recht hurtige Umsetzung eines speziellen Ernährungstrends. Dabei gibt es an der Sinnhaftigkeit dieser Ernährungsform kaum Zweifel, denn: „Essbare Insekten sind auf den ersten Blick ungewöhnlich, aber sie überzeugen bei näherer Betrachtung nicht nur durch ihren Geschmack und ihre Nährwerte, sondern sind auch gut für unsere Umwelt.”

Mehlwurm made in Austria

Aufzucht und Ernte der angebotenen Insekten erfolgt teils in Österreich, teils in der EU. Das Start up-Unternehmen Zirp Insects verantwortet den Vertrieb – und möchte zur Aufklärung beim Thema „Insekten als Lebensmittel” beitragen.

Denn: Weltweit essen mehr als zwei Mrd. Menschen Insekten – mit gutem Grund: Insekten sind gesundheitlich wertvoll und schmecken besser als man denkt. Sie enthalten hochwertiges Protein (bis zu 69%), ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe. „Sogar die alten Römer und Griechen haben schon Insekten gegessen – durch unsere Erziehung sowie die zunehmende Industrialisierung sind sie jedoch von unserem Speiseplan in Europa verschwunden”, führt Zirp-Gründer Christoph Thomann aus. Er weist darauf hin, dass der mit dem Insektenschmaus verbundene Ekelfaktor unbegründet ist, und folgert: „Wir essen nicht, was uns schmeckt, sondern uns schmeckt, was wir essen.”
Die essbaren Insekten von Zirp Insects sind ab sofort österreichweit in allen Merkur-Märkten sowie in ausgewählten Billa-Filialen erhältlich. Mehlwürmer sowie Buffalo-Würmer gibt es als 18 g-Packung, die Wanderheuschrecken als 8 g-Packung und die Heimchen als 10 g-Packung um jeweils 7,99 €.

Ingwer als Regionalprodukt

Nicht ganz so breit gefächert wie ein Insektenschwarm kommt der Ingwer aus dem Seewinkel daher: Ihn gibt es bei Merkur in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland sowie in ausgewählten Billa- und Adeg Filialen im selben Raum. Josef Peck, Geschäftsführer von Seewinkler Sonnengemüse und Vertriebsleiter von LGV-Frischgemüse Wien, zum gelungenen Transfer der Asien-Wurzel ins Burgenland: „Mit der ersten Ingwer-Ernte können wir unseren Anspruch als Qualitäts- und Innovationsführer unterstreichen.” Letztlich gilt gerade bei Obst und Gemüse: Aufsehen erregen mit dem Unerwarteten stärkt die Marke erheblich.

Ingwer als Frischeerlebnis

Hinzu kommt, dass die frische Ingwerwurzel im Vergleich zur getrockneten (mitunter zwei Jahre alten) mehr Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Beispielsweise bringt sie als frisches Scheibchen eine würzig-pikante Note auf das Gemüseaufstrichbrot. Und: Sie stärkt den Regionalitätsanteil im Merkur-Obst & Gemüse-Regal auf nonchalante Weise. „Obst und Gemüse steht bei Merkur für einen Umsatzanteil von rund zwölf Prozent”, erklärt Merkur-Einkaufschef Herbert Fleischhacker. Die Tendenz dabei ist steigend – neben der Regionalität punktet man mit Vielfalt, die sich derzeit über rd. 600 Artikel erstreckt.

Das Branding der Ingwerwurzel lautet auf Seewinkler Sonnengemüse (im Vertrieb mit de LGV), die Ergänzung auf der Packung mit der Rewe Regionalmarke „Da komm ich her!” ist aber naheliegend. Apropos „Da komm ich her!”: Nachdem im September 2014 die Regionalmarke bei Billa, Merkur und Adeg eingeführt worden war, konnte 2017 der Umsatz bereits auf über 144 Mio. € ausgebaut werden. „Da komm ich her! ist genauso wie Ja! Natürlich oder San Lucar eine Marke, die dem Kunden Orientierung gibt”, sagt dazu Neumayer. Die Orientierung gibt die Verbrauchermarktkette ab und zu auch schon mal gern vor, etwa beim Obst & Gemüsesackerl, wo das Mehrwegsackerl im Kommen ist (gibt es bereits in Deutschland) und das Plastiksackerl nur deshalb nicht verschwindet, weil, so Neumayer, „wir einen nicht sehr erfolgreichen Test mit Maisstärkesackerl absolviert haben”. Diese wurden trotz eines Abgabepreises von lediglich 5 Ct pro Stück (unter dem Einstiegspreis) nicht im erwarteten Ausmaß genutzt.

Hingegen sei der radikale Abschied von der Plastikeinkaufstasche an der Kassa problemlos passiert: „Wir hatten Angst, dass die Kunden grantig werden würden – das war aber nicht der Fall”, blickt Neumayer zurück.
Grundsätzlich läuft das Jahr 2018 für die Rewe-Verbrauchermarktlinie übrigens rund, wenn auch ein wenig unter Plan. „Das liegt aber in erster Linie daran, dass wir unsere Pläne immer sehr ehrgeizig fassen”, relativiert Neumayer.

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL