•• Von Alexander Haide
Die österreichische Luftfahrtexpertin Karin Puleo-Leodolter übernahm als erste Frau das Amt der Präsidentin im Eurocontrol Provisional Council. Diese Position bekleidet Puleo-Leodolter zusätzlich zu ihrer bisherigen Aufgabe als Leiterin der Gruppe Luft in der Österreichischen Zivilluftfahrtbehörde im Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur. Weshalb der Durchbruch der „gläsernen Decke“ für Frauen in der Zivilluftfahrt so wichtig ist und wie mehr Damen ins Aviation Business gebracht werden können, erklärt die Neo-Präsidentin im **media**net-Interview.
medianet: Mit welchen Aufgaben ist dieses Gremium beschäftigt?
Karin Puleo-Leodolter: Das Provisional Council ist das wichtigste Lenkungsgremium bei Eurocontrol, in dem alle Mitgliedsstaaten vertreten sind. Von den Vertretern der 42 Mitgliedsstaaten wurde ich gewählt. Dieses Gremium legt die gesamte strategische Ausrichtung der Eurocontrol fest und sorgt für die effiziente und nachhaltige Erfüllung der Aufgaben der Eurocontrol. Die Eurocontrol selbst ist für das europäische Luftverkehrsmanagement zuständig, damit der Verkehr im europäischen Luftraum reibungslos funktioniert und arbeitet mit den nationalen Air Navigation Service Providers, wie in Österreich mit der Austrocontrol, zusammen.
medianet: Weshalb, denken Sie, wurden Sie dazu auserkoren, dieses Gremium zu leiten?
Puleo-Leodolter: Für mich war die Wahl eine positive Überraschung und es hat niemand damit gerechnet. Weshalb ich es wurde, ist darauf zurückzuführen, dass ich seit sehr vielen Jahren in der Luftfahrt tätig bin, Österreich in vielen internationalen Luftfahrtgremien vertrete und mir ein internationales Netzwerk und Vertrauen bei den Vertretern aufgebaut habe.
medianet: Warum ist es so außergewöhnlich, dass diese Funktion mit einer Frau besetzt wurde?
Puleo-Leodolter: Seit der Gründung der Eurocontrol im Jahr 1960 hat noch nie eine Frau diese Funktion bekleidet. Für mich war das Sichtbarmachen wichtig, dass es möglich ist, als Frau eine solche Position zu erreichen.
medianet: Gibt es in der Luftfahrt zu wenige Damen?
Puleo-Leodolter: Absolut! Ich muss aber feststellen, dass Österreich hier eine Vorreiterrolle einnimmt und ich bin eine der wenigen Frauen im europäischen Umfeld, die eine Luftfahrtbehörde leitet. Bei allen 42 Eurocontrol-Staaten finden sich nur acht Frauen in dieser leitenden Position. Wir sind nach wie vor stark unterrepräsentiert und deshalb ist es so wichtig, dass man Role Models vor den Vorhang holt.
medianet: Woran liegt es, dass die Frauenquote so niedrig ist?
Puleo-Leodolter: Historisch gesehen ist die Luftfahrt eine Männerdomäne und das ist weiterhin so. Natürlich spielen in diesem Bereich sehr viele technische Berufe eine Rolle, in denen Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind. Meiner Meinung nach haben eben Role Models gefehlt, es gab früher kaum Pilotinnen oder weibliche Air Traffic Controller. Was nicht sichtbar ist, wird auch nur von wenigen angestrebt. Deshalb ist es wichtig jungen Frauen zu zeigen, dass es Chancen gibt und sie sich solche Berufe zutrauen sollen.
Natürlich gibt es in dieser Branche sehr viele männerdominierte Netzwerke, was für uns Frauen ein Nachteil ist und Karrierechancen ziemlich einschränkt.
Hinzu kommen die Arbeitsbedingungen. Ich selbst habe lange Zeit Teilzeit gearbeitet, um zwei Kinder großzuziehen. Dadurch habe ich einige Aufstiegschancen verpasst, deren Erfüllung für mich nicht realisierbar waren. Es wäre deshalb wichtig ein Umfeld für Frauen zu schaffen, damit diese die Chance haben, sich im Beruf ebenfalls weiterzuentwickeln. Das ist sicher hier, im Ministerium, einfacher als in privaten Firmen.
Als ich begonnen habe, waren alle Führungspositionen im Luftfahrtbereich mit Männern besetzt, heute werden zwei von vier Abteilungen von Frauen geleitet. Das ist bereits ein großer Erfolg.
medianet: Ist die Luftfahrtbranche ‚frauenfeindlich‘?
Puleo-Leodolter:: Es hat sich sehr viel getan und es gibt in vielen Firmen und Institutionen mittlerweile spezifische Frauenförderungsprogramme. Auch bei der Eurocontrol sind etliche Führungspositionen mittlerweile mit Frauen besetzt. Es gibt konkrete Karrierepläne und spezifische Frauenförderungsmaßnahmen. Große Herausforderungen entstehen aber durch den fehlenden Nachwuchs in vielen Berufsfeldern der Branche. Das muss für Frauen und Mädchen viel attraktiver gestaltet werden.
medianet: Ist es realistisch, in der Luftfahrt Bedingungen zu schaffen, die Beruf und Kinder gleichzeitig ermöglichen?
Puleo-Leodolter: Das liegt natürlich sehr am Unternehmensumfeld, ob etwa Betreuungseinrichtungen vorhanden sind. Air Traffic Controller beispielsweise arbeiten im Schichtbetrieb und das funktioniert nur, wenn der Partner mitspielt und die Kinderbetreuung ebenfalls übernimmt. Ohne ein gutes familiäres Netz ist es schwierig, so einen Beruf auszuüben.
medianet: Was hat Sie eigentlich so an der Luftfahrt fasziniert?
Puleo-Leodolter: Ich bin Juristin und vor mehr als 30 Jahren, nach meiner Tätigkeit im Landwirtschaftsministerium, in diesem Bereich gelandet. Ich hatte es bei der Luftfahrt von Beginn an mit sehr interessanten Themen zu tun, wie Luftverkehrsverhandlungen und Luftverkehrsrecht. Das ist so ein spannender Tätigkeitsbereich, in dem es immer große Weiterentwicklungen gibt, sowohl technisch wie auch regulatorisch.
Meine größte Triebfeder ist die internationale Zusammenarbeit und der Austausch in internationalen Gremien. Auch andere Sichtweisen kennenzulernen, ist extrem spannend.
medianet: Was muss passieren, damit junge Frauen sich wie Sie für die Luftfahrt begeistern?
Puleo-Leodolter: Wir haben etwa den Girls Day, der bei uns im Ministerium stattfindet, bei dem wir auch Luftfahrtberufe vorstellen. Auch die Austrocontrol versucht gezielt durch Öffentlichkeitsarbeit junge Mädchen für den Beruf zu begeistern. Das ist wichtig, um jungen Frauen diese Berufswelt zu eröffnen.
medianet: Wie bekommt man mehr Frauen in die Luftfahrt?
Puleo-Leodolter: Es braucht sichtbare Role Models in allen Berufsfeldern, die zeigen, dass es möglich ist, in dieser Branche Karriere zu machen. Wünschenswert sind eine frühzeitige Förderung von Mädchen in MINT-Fächern sowie familienfreundliche Arbeitsbedingungen.
medianet: Was sind derzeit die größten Herausforderungen in der Luftfahrt?
Puleo-Leodolter: Eine davon ist sicher die Dekarbonisierung, wobei die Sustainable Aviation Fuels der größte Faktor sind. Derzeit spielt die geopolitische Situation eine große Rolle und die vielen Gefahrenzonen, die es gibt. Hinzu kommen Sanktionen, die Überflüge wie durch Russland verhindern, und für europäische Airlines ein großer Wettbewerbsnachteil sind. Besonders herausfordernd ist der Umgang mit dem rasanten technologischen Wandel, wie etwa die sichere Integration unbemannter Flugobjekte in den bestehenden Luftraum. In Österreich stellt sich die Herausforderung, als Standort wettbewerbsfähig zu bleiben.
medianet: Welche Karriereziele streben Sie noch an?
Puleo-Leodolter: Ich bin sehr glücklich in meiner Position und freue mich auf die spannenden Aufgaben, die noch auf mich warten.
