FINANCENET
„Fahren Sie jetzt lieber auf Sicht!” © 3Banken

Expert ViewMartin Rupp ist mehrfach ausgezeichneter Fondsmanager bei 3Banken-Generali.

© 3Banken

Expert ViewMartin Rupp ist mehrfach ausgezeichneter Fondsmanager bei 3Banken-Generali.

13.11.2015

„Fahren Sie jetzt lieber auf Sicht!”

Die Börsenampel steht bereits auf Gelb, Qualitätsaktien mit guter Dividende sind ab sofort „Investors Liebling”.

••• Gastkommentar von Martin Rupp

LINZ. Die jüngste Erholungsrallye an den internationalen Aktienmärkten wurde einmal mehr von Kommentaren führender Notenbanker ausgelöst. Die seit 2013 vom Markt immer wieder erwartete Zinserhöhung in den USA lässt weiterhin auf sich warten und wurde nun wieder einmal verschoben. EZB und BoJ bereiten den Markt sogar auf weitere monetäre Lockerungsmaßnahmen vor, da die schwache Konjunktur, trotz nunmehr sieben Jahre währender de facto Nullzinspolitik, einfach nicht ins Laufen kommen will. Dank dieser extremen Geldpolitik, die es selbst hoch verschuldeten Staaten wie Italien nun ermöglicht, sich kurzfristig zu Negativzinsen zu refinanzieren, entkoppeln sich die Märkte zusehends immer mehr von der Realität. Risiken werden in einer Welt, in der Notenbanken als größter Käufer am Markt auftreten, nicht mehr korrekt gepreist.

Marktteilnehmer konditioniert

Die Notenbanken haben es damit erfolgreich geschafft, aus „bad news” „good news” zu machen, da jede konjunkturelle Eintrübung die Marktteilnehmer auf weitere monetäre Lockerungsmaßnahmen hoffen lässt. Die klassische Konditionierung der Marktteilnehmer ist nach mehr als sieben Jahren „quantitativer Lockerung” schon so weit fortgeschritten und perfektioniert, dass konjunkturelle Fakten nur mehr insofern Relevanz haben, sofern sie geeignet scheinen, das Tempo der Druckerpressen noch mehr zu beschleunigen. Die verzweifelte Suche nach Rendite lässt Investoren immer weiter die „Risikoleiter” hinaufklettern, ohne dafür ausreichend Kompensation zu verlangen. Aufgrund des künstlichen Nullzinsniveaus wurde nun de facto jeder Bewertungsmaßstab ad absurdum geführt.

Company-Bonds abstrus billig

Da mittlerweile die Emission von Unternehmensanleihen, selbst für Unternehmen mit relativ schwacher Bonität, abstrus billig ist, scheint es für manchen rational denkenden Konzernlenker attraktiver, eigene Aktien zurückzukaufen, und damit den Gewinn pro Aktie zu steigern, anstatt in wirtschaftlich unsicheren Zeiten Investitionen voranzutreiben. Gesund ist diese Entwicklung freilich nicht und langfristig wurde durch dieses „financial engineering” auch kein Perpetuum Mobile der Gewinnsteigerung geschaffen, aber trotzdem können derartige Zyklen viele Jahre andauern und viele Crash-Propheten damit zur Verzweiflung treiben, sofern sie einen realen Track Record bei der Verwaltung von Kundengeldern vorweisen müssen. Die stärkste Akzeleration nach oben kommt zudem häufig am Schluss eines Zyklus.

Börsenampel steht auf Gelb

Stellt sich also abschließend die Frage: Wie lange läuft dieser Bullenmarkt noch? Mit Sicherheit kann dies wohl niemand sagen. Wir bleiben daher, in Ermangelung einer wirklichen Alternative, in soliden Qualitätsdividendenaktien wie z.B. Johnson&Johnson, Medtronic (hat sich seit unserem Erstinvestment mehr als verdoppelt, ist eigentlich immer noch nicht wirklich teuer) oder Nestlé investiert; aber „fahren Sie auf Sicht”, denn die Börsenampel steht bereits auf Gelb. Auf Rot würde sie allerdings erst umspringen, wenn der Aktienmarkt nicht mehr die gewohnte Reaktion auf neue monetäre Maßnahmen der Notenbanken zeigt und der in den letzten sieben Jahren antrainierte „Pawlowsche Reflex” vieler Marktteilnehmer schließlich von der Realität überlagert wird.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL

Ihr Kommentar zum Thema