FINANCENET
Rohstoffpreise setzen an zum Superzyklus © PantherMedia / LeleMezzadri
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Redaktion 01.04.2022

Rohstoffpreise setzen an zum Superzyklus

Konsumenten stehen teure Zeiten ins Haus – die Preise am Rohstoffsektor ziehen weiter deutlich an.

••• Von Reinhard Krémer

WIEN. Tanken war während der letzten Monate eine schmerzvolle Erfahrung – dabei und beim Einkaufen merkte man die Preisexplosion bei Rohstoffen. „Rohstoffe haben zuletzt mit einer satten Outperformance auf den Märkten überzeugt”, sagt Benjamin Feingold von Feingold Research. „Für den Umstieg auf erneuerbare Energien werden viele Rohstoffe benötigt. Die dadurch gestiegene Nachfrage hat die Preise beflügelt, die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine wirken als zusätzlicher Inflationstreiber.”

Beim Blick auf die einzelnen Assetklassen zeigen sich die Anstiege insbesondere bei Industriemetallen, bei Gold und bei der Erdölsorte Brent. Die Aktienmärkte sind hingegen stark zurückgegangen – vor allem Emerging Markets-Titel. Bemerkenswert ist die Preisentwicklung bei Weizen. „Die Ukraine und Russland zählen zu den weltweit größten Exporteuren von Weizen”, so Feingold.
„Die Preise haben hier deutlich angezogen, denn für die Weizenproduktion wird Kunstdünger benötigt. Düngemittel erfordern einen hohen Gaseinsatz, und Gas ist aufgrund der Befürchtungen einer Gasverknappung durch den Russland-Ukraine-Konflikt empfindlich teurer geworden. Insgesamt haben sich die Düngemittelpreise innerhalb der letzten zwölf Monate mehr als verdreifacht”, sagt der Experte.
Einen ähnlich hohen Preisanstieg verzeichnete Nickel, „wenngleich wir es hier mit einer Sondersituation zu tun haben”, so Feingold.
„Viele Nickelproduzenten, darunter China, nutzen schon seit einiger Zeit die Finanzmärkte, um ihre Produktion gegen zu starke Kursschwankungen abzusichern. Der Russland-Ukraine-Konflikt hat jetzt zu zusätzlichen Verwerfungen geführt, zumal Russland ein wichtiger Nickelproduzent ist. Nickel ist seit Jahresbeginn um fast 140 Prozent teurer geworden.”

Der Superzyklus ist da

Nicht ganz so stark, aber doch spürbar haben die Preise bei Palladium, einem Katalysator für die Beschleunigung chemischer Prozesse, angezogen. Weniger stark fielen bislang die Preisanstiege bei Kupfer und Silber aus.

„Insgesamt können wir von einem Superzyklus bei den Rohstoffen sprechen. Inwieweit er anhalten wird, hängt vom weiteren Verlauf des Russland-Ukraine-Konflikts ab. Definitiv muss im Moment auch bei Rohstoffen mit starken Schwankungen gerechnet werden, wenngleich sie weniger intensiv sein werden als bei Aktien”, so Feingold.

Frieren für den Frieden?

In Sachen Konjunktur und Inflation ist für Unternehmen und Haushalte mit einer weiteren Anspannung zu rechnen.

Feingold: „In Deutschland hat die Energiewende bereits zu einer spürbaren Belastung geführt. Dort haben wir schon 2021 relativ hohe Strompreise gesehen. Die CO2-Bepreisung hat sich als zusätzliche Challenge erwiesen. Jetzt kommt noch der Russland-Ukraine-Krieg dazu. Die Formel ,Frieren für den Frieden', die schon mancherorts kursiert, kann nur für einen kurzen Zeitraum funktionieren. Danach wird es eng für den weiteren Konjunkturverlauf.” Unter Ökonomen mache bereits das Szenario einer Stagflation die Runde, wobei auch eine neuerliche Rezession nicht auszuschließen sei.
Von beiden Szenarien wären die USA im Vergleich zu Europa weniger stark betroffen, da sie die Möglichkeit zur Binnenproduktion von Fracking-Produkten und Flüssiggas haben. „Beim Öl wollen die USA künftig auf Russland als Lieferant verzichten; der Iran und Venezuela sind bereits als Ersatzlieferanten im Gespräch”, sagt Feingold.

US-Zinsen eingepreist

Etwas positiver sieht es in den USA auch bei der Zinsstruktur aus. „In den USA sind die Erwartungen, dass die Zinsen steigen und dies zu einer Belastung der Wirtschaft führt, schon großteils eingepreist. Das sehen wir an einer relativ flachen Zinskurve. Im Laufe dieses Jahres wird es weitere Zinsanhebungen in den USA geben – ganz im Unterschied zu Europa. Hier ist die Gewinnentwicklung der Unternehmen noch fragil. Das Risiko ist zu hoch, leichte Konjunkturimpulse durch eine Zinsanhebung abzuwürgen. Die EZB wird daher vorerst nur ihre Anleihenkäufe reduzieren, um Liquidität aus dem Markt zu nehmen. Ab Juni könnte mit leichten Zinserhöhungen gerechnet werden”, so Benjamin Feingold. Währenddessen dürften High Yields durch hohe Risikoaufschläge weiter auf sich aufmerksam machen. Feingold: „Die bisherigen Aufschläge sind durch den Russland-Ukraine-Krieg getriggert, fallen aber interessanterweise nicht so stark aus wie beim Ausbruch der Coronapandemie im Jahr 2020. Dennoch verlangen Investoren deutlich höhere Zinsen für ihr Investment, wobei auch hier schon ein Teil eingepreist ist und sich eine Konsolidierung auf hohem Niveau abzeichnet. Die Aktienmärkte reagieren dabei einen Tick schneller, während die Anleihenmärkte noch keine Entspannung anzeigen.”

Gold als Inflationsschutz

Vor diesem Hintergrund bleiben Rohstoffe weiterhin eine spannende Beimischung im Depot. „Vor allem Gold ist jetzt als Inflationsschutz gefragt, und auch Metalle für die Energiewende sind interessant. Aluminium spielt etwa für die Errichtung von Photovoltaikanlagen eine große Rolle. Eisen wird für den Bau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen benötigt. Die E-Mobilität braucht Platin, Palladium und Silber. Diese Metalle sollten aufgrund der starken Nachfrage besonders profitieren”, so der Experte.

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