HEALTH ECONOMY
„8 Millionen Virologen” © Gregor Schweinester

Michael Leitner ist Geschäftsführer der Public Health PR GmbH in Wien, einer PR-Agentur spezialisiert auf Pharma- und Gesundheitskommunikation, sowie Lektor am Institut für Publizistik der Universität Wien.

© Gregor Schweinester

Michael Leitner ist Geschäftsführer der Public Health PR GmbH in Wien, einer PR-Agentur spezialisiert auf Pharma- und Gesundheitskommunikation, sowie Lektor am Institut für Publizistik der Universität Wien.

Redaktion 13.11.2020

„8 Millionen Virologen”

Die Coronakrise ist auch eine enorme Herausforderung für die Gesundheitskommunikation, sagt Michael Leitner (Public Health PR).

••• Von Chris Radda und Martin Rümmele

WIEN. medianet sprach mit Pub­lic Health PR-Geschäftsführer Michael Leitner darüber, wie die Coronakrise die Gesundheits-PR verändert.

medianet: Wie sind in Coronazeiten PR-Aktivitäten der Unternehmen? Gibt es Rückgänge?
Michael Leitner: In 25 Jahren PR habe ich immer wieder gesehen, dass schwierige Zeiten einen Bedeutungsgewinn für die PR bringen. Es ist also eher umgekehrt: Bestehende Kunden suchen mehr Erfahrung und Beratung als in normalen Jahren, aber es ist schwerer, neue Kunden zu gewinnen. Es geht ja darum, Vertrauen für das jeweilige Unternehmen zu schaffen, anstatt das einzelne Produkt zu bewerben. Hier gilt die alte Weisheit: Werbung dient dem Verkauf, PR erzählt die Geschichte und stärkt Vertrauen. Nicht das einzelne Produkt, sondern das Unternehmen als Ganzes ist darzustellen. Man muss nicht viele Aussendungen machen, sondern fragen, was gerade jetzt Sinn macht zu kommunizieren, und zeigen, welche Kraft und Bedeutung ein Unternehmen hat. Da geht es auch um Themen wie Nachhaltigkeit und CSR.

medianet: Fördert Corona in Sozialen Medien Verschwörungstheoretiker?
Leitner: Das hat zwei Seiten: Die Positive ist, dass das Gesundheitsbewusstsein gestärkt wurde. Wir haben etwa immer versucht, zu erklären, wie Medikamente entwickelt werden und was die Qualitätskriterien sind. Jetzt weiß jeder, was eine Phase-3-Studie ist. Die Krise hat aus acht Millionen Fußballtrainern acht Millionen Virologen gemacht. Und das ist schon spannend für die gesamte Gesundheitskommunikation. Es wird niemand mehr ein Virus mit einem Bakterium verwechseln, es wird niemand eine Grippe mit einer Erkältung verwechseln.

medianet: Die negativen Seiten?
Leitner: Natürlich haben wir die Schwierigkeit des Algorithmus und dass die Medien darauf anspringen, was in Sozialen Medien diskutiert wird. Und das läuft dann wieder in den Sozialen Medien – wir haben hier also einen gegenseitigen Aufschaukelungsprozess, der Hand in Hand mit einer geringen Medienkompetenz der Bevölkerung geht. Algorithmen verstärken die eigene Meinung und damit die Meinungsblase, in der man lebt. Deshalb wäre es wichtig, dass man bereits in der Schule Medienkompetenz vermittelt.

medianet: Wie profitiert die Pharmabranche von der Krise?
Leitner: Viele Unternehmen haben nie erzählt, was sie insgesamt tun. Sie haben ihre Kommunikation auf Produkte fokussiert. Niemand weiß aber, welches Unternehmen für welche Forschungsbereiche und welche Produktbereiche steht. Dadurch haben Menschen und Medien oft keine Idee davon, dass nicht jedes Unternehmen gerade an einem Coronaimpfstoff arbeitet oder ein Covid-19-Medikament entwickelt. Dazu kommt, dass derzeit Gesundheitsberichterstattung primär Covid-19-Berichterstattung ist. Man kommt also mit einem anderen Thema – etwa einem Vorsorgethema – nur durch, wenn man es mit einem Covid-19-Ansatz verbindet.

medianet: Was brauchen Unternehmen aktuell noch?
Leitner: Gerade in Krisenzeiten ist auch interne Kommunikation wichtig – wenn wir etwa an Coronaregeln denken. Es macht einen riesigen Unterschied, ob ein Coronabeauftragter Verhaltensmaßnahmen kommuniziert oder die Kommunikationsabteilung. Es geht auch darum, im Homeoffice Wege zu suchen, um die interne Verbundenheit der Mitarbeiter zu stärken. Wichtig ist, alle neuen technischen Möglichkeiten zu nützen, aber auch kritisch zu hinterfragen und nicht unreflektiert einzusetzen. Hybridkonferenzen sind etwa besser: Ein Podium, wo zumindest zwei Menschen reden, ist besser als lauter Einzelbilder von Menschen im Homeoffice.

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