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Forschung an Kliniken stagniert © panthermedia.net/kasto

Klinische Studien ermöglichen auch Patienten, früher Zugang zu neuen Medikamenten zu erhalten.

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Klinische Studien ermöglichen auch Patienten, früher Zugang zu neuen Medikamenten zu erhalten.

Ina Karin Schriebl 27.05.2016

Forschung an Kliniken stagniert

Pharmaindustrie und Universitätskliniken schlagen Alarm: Die Rahmenbedingungen für Forschung müssen ­besser werden. Zuletzt wuchs die Zahl der klinischen Studien kaum.

••• Von Ina Karin Schriebl

WIEN. Die Betriebsräte des wissenschaftlichen Personals der Medizinischen Universitäten Graz, Wien und Innsbruck schlagen Alarm: Die Umsetzung des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes führe an den Kliniken dazu, dass aufgrund der Patientenversorgung noch weniger Zeit für Forschung bleibt.

Die Auswertungen von operativen Kliniken haben ergeben, dass die Forschungszeiten im vergangenen Jahr unter zehn Prozent gesunken seien. Damit könnten zwar Strafzahlungen wegen Arbeitszeitüberschreitungen vermieden werden, aber mittelfristig werde damit das spitzenmedizinische Niveau der Universitätskliniken Österreichs nicht zu halten sein, warnten die Betriebsräte und forderten: „Die Forschung in den Kliniken darf nicht auf der Strecke bleiben.” Man verlangt die strikte Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben von zumindest 30% Lehre und Forschung in der Kernarbeitszeit. „Wo Universität drauf steht, soll auch Universität drin sein”, meinten die Betriebsräte. Patienten­zentrierte Forschung sei eine wesentliche Stütze des medizinischen Fortschritts in Österreich.

Betriebsvereinbarungen

Zwar seien durch Betriebsvereinbarungen Forschungszeiten an allen Medizinischen Universitäten am Papier erreicht worden, doch würden diese bis dato der klinischen Mehrbelastung geopfert, fuhren die Vertreter des wissenschaftlichen Personals der drei Med-Unis fort. In Wien seien zur Abhilfe wenigstens fixe Forschungstage nach Rufbereitschaften vereinbart worden. Die Stagnation der Förderungen für Grundlagen- und klinische Forschung könne so nicht akzeptiert werden. Gerade die Forschung stelle international einen Wachstums- und Standortfaktor dar; Österreich dürfe diese Chance nicht verpassen.

„Wir fordern eine ausreichende Dotierung der staatlichen Agenturen für die Grundlagenforschung und die klinische Forschung”, so die Betriebsräte. Die Verteidigung der Forschung an Österreichs Medizinischen Universitäten schulde man den Patienten, Medizinstudenten, dem wissenschaftlichen Nachwuchs und den Steuerzahlern.

Forschungsquote schwach

Auch aus der Pharmaindustrie kommt Kritik: „Seit mittlerweile drei Jahren stagniert die österreichische Forschungsquote – es wird höchste Zeit, aktiv zu werden und sich für den Forschungsstandort Österreich einzusetzen”, fordert Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, anlässlich des bevorstehenden internationalen Tages der klinischen Forschung.

Gut ausgestattete Forschungszentren, raschere und unbürokratischere Vertragsabwicklungen sowie ausreichend Zeit und Ressourcen für klinische Forschung seien erforderlich, um den Forschungsstandort Österreich attraktiver zu gestalten und wettbewerbsfähig zu bleiben. „Wir brauchen eine höhere Prozessorientierung zwischen den Stakeholdern, um Vertragsabwicklungen und Genehmigungen unkompliziert zu ermöglichen”, konkretisiert Huber. Denn ohne klinische Prüfungen gäbe es keine Innovation und somit auch keine Verbesserung der medizinischen Versorgung zukünftiger Patienten. Dies müsse allen bewusst sein, so Huber.
Die pharmazeutische Industrie trage mit Forschungsaufträgen maßgeblich zur Wertschöpfung bei und weist im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen eine hohe Innovationsaktivität auf. ­Eine aktuelle Umfrage der Pharmig bei ihren Mitgliedsunternehmen zeigt jedoch, dass die Anzahl der klinischen Prüfungen in Österreich leicht rückläufig ist. Waren es 2013 noch 497 industriegesponserte klinische Prüfungen mit insgesamt 6.682 Studienteilnehmern, so sank die Zahl der Studien im Jahr 2015 auf 469 und die der beteiligten Patienten auf 5.313.
Einen Grund für diese Stagnation beschreibt Huber wie folgt: „Nach wie vor tragen Unternehmen den größten Anteil an Forschungsausgaben in Österreich. Ist aber das Bewusstsein für den Nutzen klinischer Prüfungen in Entscheiderkreisen mangelhaft und damit ebenso die Unterstützung durch den öffentlichen Sektor, überlegen sich Unternehmen zweimal, ob sie sich auf das enorme Risiko einer Arzneimittelentwicklung einlassen können.” Viele Patienten, die an klinischen Prüfungen teilnehmen, profitieren von einem frühzeitigen Zugang zu innovativen, in vielen Fällen lebensrettenden Arzneimitteln – oft Jahre bevor diese am Markt erhältlich sind. Studienteilnehmer werden auch besonders gründlich und engmaschig überwacht und erhalten dadurch eine bestmögliche Betreuung.
Eine Chance, klinische Forschung in Österreich voranzutreiben, wäre die baldige Umsetzung eines Pilotprojekts zur Vorbereitung der in 2018 eintretenden Clinical Trials Regulation und der damit verbundenen Anpassung der Prozesse an diese EU-Verordnung. Länder wie Belgien, Frankreich, Spanien oder Deutschland engagieren sich bereits jetzt aktiv mit solchen Testphasen, um sich auf die bevorstehenden Änderungen frühzeitig einzustellen. Mit der Durchführung einer Pilotphase können Unternehmen somit einen Startvorteil gegenüber Unternehmen anderer Länder gewinnen, die erst mit 2018 die Umstellung ihrer Prozesse vornehmen.

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