HEALTH ECONOMY
Gesundheitsakte wächst: Start für E-Medikation
Martin Rümmele 25.05.2016

Gesundheitsakte wächst: Start für E-Medikation

Am Mittwoch ist der Startschuss für die nächste Stufe von ELGA erfolgt: Die E-Medikation soll Wechselwirkungen verhindern.

••• Von Martin Rümmele

Die E-Medikation ist gestartet – im steirischen Bezirk Deutschlandsberg. Es ist ein Echtbetrieb, die Daten werden nach Ende des Probebetriebes nicht gelöscht. „Der Bezirk Deutschlandsberg wurde ausgewählt, weil es sich dabei um eine abgeschlossene Region mit einem Krankenhaus handelt, noch dazu in einem Bundesland, in dem ELGA bereits gestartet hat“, sagt die Vorstandsvorsitzende im Hauptverband der Sozialversicherungsträger, Ulrike Rabmer-Koller.

Breiter Probebetrieb
Niedergelassene Vertragsärzte sind künftig verpflichtet, verordnete Medikamente zu speichern. Der Patient bekommt aber zumindest vorerst weiterhin ein auf Papier ausgestelltes Rezept, mit dem er zur Apotheke geht. Durch Scannen des Codes auf dem Rezept kann die Apotheke die Abgabe der verordneten Arzneimittel in der E-Medikationsliste speichern. Nach einem Jahr werden die Daten automatisch gelöscht. Rabmer-Koller: „Bisher haben sich rund 30 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, acht Apotheken, das Landeskrankenhaus und das Pflegeheim der Volkshilfe in Deutschlandsberg zur Teilnahme am Probebetrieb bereit erklärt.“
Mit dem voranschreitenden flächendeckenden Ausbau von ELGA werde auch der Nutzen der Elektronischen Gesundheitsakte für die Patientin beziehungsweise den Patienten mehr und mehr spürbar, vor allem dann, wenn die Hausärzte und -ärztinnen und die Apotheken beteiligt sind, ist Susanne Herbek, Geschäftsführerin der ELGA GmbH, überzeugt. Ein wesentlicher Vorteil von E-Medikation sei die Verbesserung des Informationsflusses zum Nutzen der Patientinnen und Patienten, sagt Rabmer-Koller. „Die Sozialversicherung erwartet sich von der E-Medikation eine Qualitätssteigerung im Gesundheitswesen und mehr Patientensicherheit bei der Einnahme von Medikamenten. E-Medikation hilft, Gesundheitsschäden durch gefährliche Wechselwirkungen und Mehrfachverordnungen zu vermeiden. Besonders für ältere oder chronisch kranke Menschen, die oft viele unterschiedliche Medikamente einnehmen müssen, ist das ein entscheidender Vorteil“, sagt die Hauptverbandsvorsitzende.
Der stellvertretende Hauptverbands-Generaldirektor und Projektleiter, Volker Schörghofer, hat bereits vor Kurzem im medianet-Interview betont, dass angedacht ist, das Papierrezept in einigen Jahren durch ein E-Rezept zu ersetzen. „Das wird auch die Abrechnung erleichtern, weil Rezepte nicht mehr gesammelt und an die Krankenkassen geschickt werden müssen. Es wird direkt abgerechnet, das erleichtert die Prozesse.“ Parallel arbeite man auch an einem elektronischen Bewilligungsservice; Schörghofer: „Das wird mit den Ärzten gerade im Detail diskutiert. Damit soll sich der Patient den Gang zum Chefarzt ersparen.“

Hilfe für chronisch Kranke
Mit Start der E-Medikation können Patienten und Bürger nachvollziehen, welcher Arzt ihnen wann welches Medikament verschrieben hat und  wann und in welcher Apotheke es abgeholt wurde. Vor allem für chronisch Erkrankte bringt ELGA damit Erleichterung und Unterstützung, weil ihre behandelnden Ärzte auf ihre Befunde oder ihre Medikamentenliste direkt zugreifen können. Auch die bereits an ELGA teilnehmenden Krankenhäuser werden die E-Medikationsdaten ihrer Patienten abrufen können. „Das ist eine wertvolle Unterstützung bei Diagnostik und Therapie“, sagt Herbek.
Ärzte mit Kassenvertrag sind verpflichtet, alle Medikamente, die sie verordnen, in die E-Medikationsliste einzutragen. Über die am Rezept aufgedruckte eMED-ID (ein von Scannern lesbarer 2-D-Matrixcode) können in der Apotheke die Verordnungen am Rezept abgerufen werden. Das bis dahin noch „offene Rezept“ wird als „abgeholtes Arzneimittel“ in der Liste gekennzeichnet. Auch nicht rezeptpflichtige Medikamente, die eventuell Wechselwirkungen hervorrufen, können durch die Apotheke in die Liste eingetragen werden; dazu ist allerdings das Stecken der E-Card in der Apotheke nötig.
Patienten können über das ELGA-Portal auf www.gesundheit.gv.at ihre E-Medikationsliste selbst einsehen, speichern oder ausdrucken; Voraussetzung dafür ist allerdings die Handysignatur oder die Bürgerkarte, um sich eindeutig zu identifizieren. Möglich ist dabei auch, die gesamt Liste zu löschen, nicht aber nur einzelne Einträge. Wer keinen Internet-Zugang hat, kann sich an die ELGA-Ombudsstelle wenden.
Einsehen können die Liste nur die behandelnden Ärzte – 28 Tage ab Beginn der Behandlung beziehungsweise Stecken der E-Card. Sie können damit unerwünschte Wechselwirkungen und unnötige Doppelverschreibungen verhindern. Damit auch die Apotheke die gesamte Liste einsehen darf, ist das Stecken der E-Card des Patienten nötig; die Apotheke hat dann zwei Stunden lang Zugriff auf die Daten. Damit kann sie auch rezeptfreie Medikamente eintragen. Nur mit dem Einlesen des Rezepts hat die Apotheke ausschließlich Zugriff auf jene Arzneimittel, die auch am Rezept angeführt sind. Arzt und Apotheker können mit der Einsicht in die ­E-Medikationsliste unerwünschte Wechselwirkungen mit ihrer eigenen Software dezentral überprüfen und unnötige Doppelverschreibungen verhindern. Eine zentrale Prüfung von möglichen Wechselwirkungen wurde nach dem Pilotprojekt 2011 fallen gelassen.

Vollbetrieb ab Oktober
Mit 1. Oktober soll der Probebetrieb nahtlos in den Vollbetrieb übergehen und auf alle Ärzte und Apotheken ausgeweitet werden. Zunächst soll dann die E-Medikation auf die Steiermark und danach schrittweise ELGA folgend auf ganz Österreich ausgedehnt werden. Zug um Zug soll sie in allen Bundesländern bei Apotheken, niedergelassenen Kassenordinationen und öffentlichen Krankenhäusern in Betrieb gehen. Seit der Inbetriebnahme von ELGA sind von der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft (KAGes) und dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) rund 900.000 E-Befunde für ELGA zur Verfügung gestellt worden. „Technisch läuft der Betrieb problemlos; alle Systeme sind nach wie vor auf grün“, sagt der technische Geschäftsführer der ELGA GmbH, Hubert Eisl.
Schon Mitte Mai war auch das AKH Wien mit ELGA in Betrieb gegangen. Die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) startet mit Ende Juni 2016 die schrittweise Anbindung der Unfallkrankenhäuser und Rehabilitationszentren. Mitte Juli 2016 geht das Landeskrankenhaus Villach mit ELGA in Betrieb, weitere Kärntner Spitäler folgen schrittweise. Die ELGA-Ombudsstelle wird zeitgleich mit dem Start in Kärnten an ihrem dortigen Standort den Betrieb aufnehmen und die ELGA-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer bei der Wahrnehmung und Durchsetzung ihrer Rechte unterstützen. Die Patientinnen und Patienten der AUVA werden von den bereits bestehenden Standorten der ELGA-Ombudsstelle mitbetreut.
Zu den ELGA-Gesundheitsdaten zählen ärztliche und pflegerische Entlassungsbriefe aus Krankenhäusern, Laborbefunde, Radiologiebefunde sowie Medikationsdaten, die seit dem Start von ELGA entstanden sind. Die ELGA-Gesundheitsdaten stehen den behandelnden und betreuenden ELGA-Gesundheitsdienstanbietern (GDA) für die weitere Diagnostik und Therapie ihrer Patientinnen und Patienten zur Verfügung. Ziel ist die Unterstützung der medizinischen Behandlung und Betreuung durch einen besseren Informationsfluss, vor allem dann, wenn mehrere ELGA-GDA eingebunden sind.

ELGA GmbH macht Koordination
Zu den Aufgaben der ELGA GmbH gehören unter anderem die Weiterentwicklung der IT-Architektur der elektronischen Gesundheitsakte, die Weiterentwicklung von eingesetzten Standards inklusive der internationalen Abstimmung, die übergreifende Programmsteuerung über alle dafür notwendigen Projekte, das Management und die Durchführung erforderlicher Integrationstests, die Öffentlichkeitsarbeit, die übergreifende Koordination des Betriebs sowie die Weiterentwicklung und Kontrolle der Informationssicherheit in ELGA.

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