HEALTH ECONOMY
Pflege bietet Chancen und enorme Risiken © PantherMedia/Arne Trautmann
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Martin Rümmele 03.11.2017

Pflege bietet Chancen und enorme Risiken

Zur größten Herausforderung im Sozialbereich entwickelt sich die personelle und finanzielle Organisation der Pflege.

••• Von Martin Rümmele

Soziales, Fairness und neue Gerechtigkeit”, lautet jener „Cluster” für die Koalitionsverhandlungen von ÖVP und FPÖ, der eines der zentralsten Probleme im Sozialbereich vermissen lässt: jenes der Pflege. Die Fachgruppen für den Cluster sind Gesundheit, Arbeit, Pensionen, Frauen, Familie und Jugend sowie Soziales und Konsumentenschutz. „Österreich steuert auf einen veritablen Personalnotstand im Pflegebereich zu”, mahnt Othmar Karas, Präsident des Hilfswerk Österreich, und ÖVP-EU-Parlamentarier, seine eigene Partei. Er fordert von der künftigen Regierung rasches und beherztes Handeln, „um diesen fatalen Trend zu stoppen”.

Moderater Pensionsanstieg

Konkret geht es allerdings weniger um die Finanzierung, sondern vor allem um die Frage, wie die Versorgung künftig organisiert werden soll. Nach Angaben des Finanzministeriums steigen die gesamten öffentlichen Pensionsausgaben von 13,9% des BIP im Jahr 2013 auf den Höchststand von 14,7% des BIP im Jahr 2037 – aufgrund der Baby-Boom-Generation im Ruhestand – und gehen dann wieder leicht auf 14,4% des BIP im Jahr 2060 zurück. Die Pflegeausgaben wiederum steigen von 1,4% des BIP auf 2,6% des BIP 2060.

Eine neue Studie des Forschungszentrums in Laxenburg, die dieser Tage im Fachblatt BMJ Open veröffentlicht worden ist, kommt allerdings zum Ergebnis, dass auf europäische Gesundheits- und Sozialsysteme große Belastungen zukommen: Bis 2047 werde voraussichtlich mehr als ein Fünftel der Frauen über 65 unter schweren körperlichen Einschränkungen leiden, heißt es. Auch jeder sechste Mann in der Altersgruppe werde betroffen sein.

Herausforderung Pflege

Die Autoren der Studie erwarten dadurch wachsende Herausforderungen für Pflegepersonal und Privathaushalte: „Wir rechnen in den nächsten dreißig Jahren mit mehr Menschen über 65 mit schweren, langfristigen gesundheitlichen Einschränkungen”, erklärte Daniela Weber, Forscherin des Wittgenstein-Zentrums und eine der Autorinnen der Studie. Durch die gestiegene Lebenserwartung der Europäer werde der Anteil der älteren Bevölkerung – mit oder ohne Behinderung – ohnehin rasant zunehmen. Die von dem Forschungszentrum in Laxenburg vorhergesagten Entwicklungen könnten erhebliche Auswirkungen auf Sozialsysteme haben. Sie erwarte „beträchtliche Auswirkungen auf Pflegeeinrichtungen und die Ausbildung von Pflegefachpersonal”, sagte Weber. Auch Privathaushalte, die sich um die Pflege Älterer kümmern, könnten betroffen sein.

Weber und ihr Kollege Sergei Scherbov werteten für die Studie Daten aus insgesamt 26 europäischen Staaten aus. In Deutschland lebten demnach im Jahr 2012 bereits 27% der über 65-jährigen Frauen mit schweren gesundheitlichen Problemen, in Österreich waren es 23,3%. Die Herausforderung für die Versorgung: Auch in der Slowakei klagte bereits jede dritte Frau über 65 über sehr schlechte Gesundheit. Experten gehen deshalb davon aus, dass Pflegekräfte aus zentral- und osteuropäischen Ländern künftig ihre Angehörigen zu Hause versorgen und nicht mehr ins Ausland gehen werden.

Arbeitsbedingungen

Man müsse dringend in bessere Arbeitsbedingungen investieren; Österreich liege hier im internationalen Vergleich lediglich im schwachen Mittelfeld, kritisiert Hilfswerk-Obmann Karas. Außerdem brauche es eine gezielte, breit angelegte Ausbildungsoffensive auf Basis einer seriösen und konsolidierten Personalbedarfsstudie. Und schließlich müsse die Bezahlung des Personals im Pflegebereich fairer gestaltet werden – die Herausforderungen der Langzeitpflege und ihre Leistung müssten stärker anerkannt werden. Zur Frage der Kompetenzen meint Karas: „Es ist mir bewusst, dass Pflege in Österreich Landessache ist, aber die Bundesregierung muss – wenn sie nicht auf einen Pflegenotstand in Österreich zusteuern möchte – ihre Verantwortung im Zusammenhang wahrnehmen und entsprechende Maßnahmen anstoßen.”

Personal fehlt

Hohe Betreuungsschlüssel und ein enges Zeitkorsett – beides dem Kostendruck geschuldet – führen zu Betreuungssituationen, die viele Menschen in der Pflege als frustrierend empfinden. Betreuung und Pflege laufen Gefahr, zum reinen Abarbeiten von Arbeitsschritten zu werden, Empathie und Qualität kommen unter Druck, ein ganzheitliches und befriedigendes Arbeiten wird schwieriger. Die Attraktivität des Berufs leidet, die Flucht aus dem Beruf und Burnout sind weitere Konsequenzen, ist Karas überzeugt. „Österreich wird nicht umhinkommen, in attraktivere Arbeitsbedingungen in der Langzeitpflege zu investieren. Wir liegen international – anders als gern behauptet – leider nur im Mittelfeld. So widmen wir dem Bereich der Langzeitpflege rund 1,3 Prozent des BIP, die Niederlande beispielsweise liegen bei 3,6 Prozent. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Arbeitsbedingungen im Sektor.”

Hoffnung setzen Experten auf den Ausbau der ambulanten Versorgung. „Die 24h-Betreuung hat sich zu einem wesentlichen Pfeiler des heimischen Pflegesystems entwickelt und wird sehr gut angenommen”, betonte vergangene Woche der Obmann des Fachverbands der Personenbetreuer, Andreas Herz. Auch er ortet aber einen stark steigenden Bedarf. Das zeige das Anwachsen der Förderung für die 24-Stunden-Betreuung: Während es im Jahr 2008 durchschnittlich 3.200 Bezieher pro Monat gab, lag dieser Wert 2015 bereits bei 21.900. Das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 31,6%. 87,7% jener, die Pflegegeld beziehen, befinden sich in den Pflegegeldstufen 3 bis 5, also in Pflegestufen, in denen Betreuung gut koordinierbar ist. Der Anteil der Förderfälle in Pflegegeldstufe 6 und 7, die einen besonderen Pflegebedarf voraussetzt, liegt bei 9,2 und 3,1%.

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