INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Aufstrebende Märkte und Lieferkettenstress © APA / AFP / Apu Gomes
© APA / AFP / Apu Gomes

Redaktion 18.02.2022

Aufstrebende Märkte und Lieferkettenstress

In der Logistik- und Transportwelt kommt man nicht ­umhin, einen Blick auf die Schwellenländer zu werfen.

••• Von Helga Krémer

WIEN. Die meisten Führungskräfte der Logistikbranche sehen für 2022 ein moderates bis starkes Wirtschaftswachstum und nur eine geringe oder gar keine ­Chance auf eine Rezession – selbst wenn es keine unmittelbare Entlastung von den festgefahrenen Lieferketten und den himmelschreiend hohen See- und Luftfrachtraten gibt, die durch die Covid-19-Pandemie ausgelöst wurden.

Ungefähr zwei Drittel der 756 Branchenexperten, die für den 2022 Agility Logistik-Index für Schwellenländer vom Analyse- und Forschungsunternehmen für die Logistikbranche, Transport Intelligence, Ti, befragt wurden, glauben, dass die Frachtraten bis Ende des Jahres sinken werden. 80% gehen davon aus, dass sich die Engpässe in den Häfen, bei den Flugkapazitäten und beim Lkw-Verkehr bis zum Jahresende verringern werden.

Expertenmeinungen

„Der Optimismus der Branche spiegelt die Tatsache wider, dass die aufstrebenden Volkswirtschaften immer widerstandsfähiger werden und Wege finden, um Störungen in der Lieferkette zu überstehen”, so Agility-CEO Tarek Sultan. „Wenn die Schwellenländer einen besseren Zugang zu Impfstoffen erhalten und kleine Unternehmen ankurbeln, können sie zu einer breiten, dynamischen globalen Erholung beitragen.”

Ins gleiche Horn stößt John Manners-Bell, Geschäftsführer von Ti: „Wie schnell sich die Schwellenländer von der Krise der letzten zwei Jahre erholen, hängt stark davon ab, wie schnell die Impfstoffe eingeführt werden, nicht zuletzt aus der Perspektive des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhalts. Gleichzeitig müssen die Verbindungen zwischen diesen Volkswirtschaften und den westlichen Märkten wiederhergestellt werden, wenn die Verlader wieder in das globale Handelssystem integriert werden sollen.”

Momentaufnahme

Die Umfrage ist Teil des Agility Emerging Markets Logistics Index 2022, der mittlerweile 13. jährlichen Momentaufnahme der Branchenstimmung und des Rankings der 50 weltweit führenden Schwellenländer. Der Index bewertet die allgemeine Wettbewerbsfähigkeit der Länder anhand ihrer logistischen Stärken, ihres Geschäftsklimas und erstmals auch ihrer digitalen Bereitschaft – Faktoren, die sie für Logistikanbieter, Spediteure, Luft- und Seefrachtunternehmen, Händler und Investoren attraktiv machen.

China und Indien behaupten ihre Plätze 1 respektive 2 der Gesamtwertung. Die VAE, Malaysia, Indonesien, Saudi-Arabien, Katar, Thailand, Mexiko und die Türkei vervollständigen die Top 10.

Digitales Aufholen

Zum ersten Mal bewertet der Index die digitale Bereitschaft der Länder: digitale Fähigkeiten, Ausbildung, Internetzugang, Wachstum des elektronischen Handels, Investitionsklima und die Fähigkeit, Start-ups zu fördern, sowie Nachhaltigkeitsfaktoren wie erneuerbare Energien, geringere Emissionsintensität und grüne Initiativen. Spitzenreiter bei der digitalen Bereitschaft: VAE, Malaysia, China, Saudi-Arabien, Indien, Thailand, Katar, Indonesien, Chile und die Philippinen.

„Der Zusammenhang zwischen den digitalen Fähigkeiten eines Landes und seinen Wachstumsaussichten ist unbestreitbar”, sagte Sultan. „Die Wettbewerbsfähigkeit der Schwellenländer wird davon abhängen, inwieweit sie in der Lage sind, digital qualifizierte Unternehmen und Talentpools zu entwickeln und die Entschlossenheit aufzubringen, ihre Emissionen so zu senken, dass sie das Wachstum fördern, anstatt es zu beeinträchtigen.”

Die Bedeutung der digitalen Bereitschaft wurde in der Umfrage deutlich. Führungskräfte aus der Logistikbranche bezeichneten die Einführung von Technologien als den wichtigsten Motor für das Wirtschafts- und Geschäftswachstum in den Schwellenländern. Nachhaltigkeit hat es gerade noch unter die zehn wichtigsten Wachstumstreiber in den Schwellenländern geschafft.

Widerstandskraft gefragt

„Covid hat dazu geführt, dass der Versand noch teurer, komplizierter und langsamer geworden ist, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen. Die Digitalisierung wird eine wichtige Rolle bei der Erleichterung reibungsloser, grenzüberschreitender Transporte spielen, aber langfristig werden die Schwellenländer nur dann von den Vorteilen der Globalisierung profitieren, wenn die Liefer­ketten und die Logistik angesichts künftiger Krisen widerstands­fähiger gemacht werden können”, erklärt Manners-Bell.

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