INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Die Risikoprävention muss deutlich verbessert werden © Mark Alen/EPA/picturedesk.com
© Mark Alen/EPA/picturedesk.com

18.09.2015

Die Risikoprävention muss deutlich verbessert werden

Schiffs-Havarien sind nicht die einzige Gefahr, vor der ­Unternehmen ihre anfälligen Supply Chains schützen müssen.

••• Von Britta Biron

HAMBURG. 40% der Logistikverantwortlichen gehen laut der aktuellen Umfrage von Hermes von einem steigenden Risikopotenzial im Beschaffungsmanagement aus.

So fürchtet etwa jeder vierte Befragte (26%), dass die zahlreichen innerdeutschen Streiks und Arbeitsniederlegungen negativen Einfluss auf die Produktions- und Lieferketten haben.
Der Konflikt mit Russland sowie die Wirtschaftssanktionen der EU wirken sich nach Meinung jedes Fünften (19%) schon jetzt negativ auf die Logistikprozesse aus, bei Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern ist das sogar noch deutlicher zu bemerken (32%).

Hohe Ansprüche

Gleichzeitig haben Qualität (96%) und Versorgungssicherheit (89%) einen extrem hohen Stellenwert (96%). Ebenso viele wollen Lieferantenausfälle vermeiden. Die lieferantenseitige Einhaltung von Gesetzen ist für 86% der Logistikentscheider ein wichtiges Argument zur Risikoprävention.

Sieben von zehn Unternehmen nutzen die Gelegenheit auch, um damit soziale und ethische Standards zu gewährleisten. 67% der Logistikmanager liegen zudem die ökologischen Standards der Lieferanten am Herzen.
Die Reduktion von Risiken in Verbindung mit den volatilen Rohstoffpreisen spielt für immerhin 60% eine Rolle.
Dennoch verfügen nur 43% der deutschen Logistikunternehmen über ein Frühwarnsystem, um sofort auf mögliche Gefahren innerhalb der Lieferkette reagieren zu können. Diejenigen, die darauf verzichten, führen als Gründe vor allem zu hohe Kosten an (24%) oder einen zu hohen Umstellungsaufwand (18%) an.
„Es ist jedoch häufig nur eine Frage der Zeit, bis sich ein unvorhergesehenes Ereignis negativ auf die eigene Lieferkette auswirkt”, weiß Jan Bierewirtz, Bereichsleiter Sales & Business Development Sea/Air, bei Hermes Transport Logistics.
Angesichts der weltweiten Konflikte, der zunehmenden Digitalisierung in den Prozessen und den wechselhaften Stimmungen am Arbeitsmarkt müssten Logistikmanager künftig aber ganzheitlich denken und vorsorgen.

Viele Problembereiche

Die Mehrheit der Logistikverantwortlichen (86%) ist sich dieser Notwendigkeit durchaus bewusst. Allerdings erschweren bestimmte, in den Unternehmen verankerte Zielvorstellungen bzw. Sparmaßnahmen ein strategisches Supply Chain Management.

In 43% der Unternehmen bereitet die Just-in-Time-Lieferung laut Umfrage Schwierigkeiten. Jedes dritte Unternehmen merkt zudem starke negative Auswirkungen im eigenen Geschäftsbereich, wenn das Bestandslevel reduziert wird.
Für drei von zehn ist die Einzelquellenbeschaffung (Single Sourcing) zusätzlich eine große Herausforderung. Gleiches gilt auch für die Zentralisierung der Distribution. Jedes vierte Unternehmen rechnet mit großen Problemen, wenn die Lieferantenbasis verkleinert wird. Und jeder Fünfte gibt an, dass Outsourcing große Schwierigkeiten nach sich zieht.

Wettbewerbsvorteil

All diese Risiken ließen sich, so Bierewirtz, durch ganzheitliches Supply Chain Management in den Griff bekommen. Zudem bringe das für die Betriebe einen klaren Wettbewerbsvorteil, weil sie dadurch die Kundennachfrage trotz Krisen zuverlässig bedienen könnten.

Sichere Versorgung

„Das systematische Erkennen und Vorbeugen möglicher Beschaffungsrisiken hat für jedes Unternehmen eine existenzielle Bedeutung”, so Bierewirtz weiter. „Eine ganzheitliche Betrachtungsweise und fortlaufende Prüfung potentieller Risiken wirkt sich spürbar auf jeden einzelnen Schritt entlang der gesamten Lieferkette aus – und das sichert die Versorgung und damit die eigene Marktposition auch langfristig.”

Allerdings zeigt die Umfrage, auch, dass die Vernetzung der einzelnen Prozessabschnitte, also in der Regel die Vernetzung von internen und externen Abläufen, derzeit als hohe Hürde wahrgenommen wird.
„Doch nur, wenn die unterschiedlichen Beteiligten einer Lieferkette synchronisiert und vernetzt zusammenarbeiten, kann ein unternehmensübergreifendes Supply Chain Management funktionieren”, so Bierewirtz weiter. 10% der Logistikentscheider orten seitens der Kunden und Lieferanten aber noch eine geringe Bereitschaft, Informationen untereinander auszutauschen.

Fachkräfte fehlen

Aber noch in einem weiteren Punkt wird den Unternehmen die Optimierung ihrer Supply Chain schwer gemacht.

Wie eine Studie von Lisa Harrington, Senior Research Fellow im Supply Chain Management Center an der Robert H. Smith School of Business der University of Maryland, diesen Frühling am Beispiel der deutschen Automobilindustrie herausgefunden hat, fehlen die Fachkräfte. Auf jeden Hochschulabsolventen mit Supply-Chain-Kompetenzen kommen derzeit in Deutschland sechs offene Stellen. Und die Lage wird sich weiter verschärfen.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL