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Karriere im Nobel-Biz © Jugend am Werk

Uhrmacherlehrling, Jugend am Werk

© Jugend am Werk

Uhrmacherlehrling, Jugend am Werk

britta biron 20.03.2020

Karriere im Nobel-Biz

Wien/Karlstein/Völkermarkt. Wertvolle Uhren und Schmuckstücke gehören zu den besonders begehrten Luxusartikeln, aber offenbar interessieren sich hierzulande immer weniger Menschen, sich beruflich deren Herstellung, Wartung oder Reparatur zu widmen. Das legt zumindest die aktuelle Lehrlings-Statistik der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) nahe, nach der die Zahl der Auszubildenden bei den Gold- und Silberschmieden sowie Juwelieren von 51 im Jahr 2010 auf 28 und bei den Uhrmachern von 43 auf 29 gesunken ist.

Deckt das noch den Bedarf oder droht à la longue auch hier ein Fachkräftemangel? Liegt der Rückgang am mangelnden Interesse der Jugendlichen an diesen speziellen Berufen oder ist es eher die fehlende Bereitschaft der Unternehmen, in den Nachwuchs zu inves­tieren? Und wie sehen die beruflichen Chancen für den Nachwuchs aus? Dazu hat medianet eine Reihe von Experten um eine Einschätzung der derzeitigen Lage gebeten.

Über den Grund dafür oder ob auch der Uhren- und Schmuckbranche à la longue ein Fachkräftemangel droht, geben die nackten Zahlen natürlich keine Auskunft, medianet hat daher bei Experten nachgefragt.

Dass sich deren Einschätzungen in manchen Bereichen gleichen, in anderen aber sehr unterschiedlich ausfallen, zeigt, wie komplex die Thematik ist und es einfache Lösungen gibt.

Finanzielle Belastung …

„Während bei der Matura und dem anschließenden Hochschulstudium fast die gesamten Ausbildungskosten von der öffentlichen Hand getragen werden, ist es bei Lehre der Ausbildungsbetrieb, der im Wesentlichen für alles aufkommt”, sieht Johannes Barotanyi, Uhrmachermeister, Inhaber eines Wiener Juwelierbetriebs und Fachgruppenobmann der Wiener Uhrmacher, schon eine generelle Benachteiligung der Lehre. „Gerade in Berufen wie dem des Uhrmachers ist der Lehrling erst nach zwei bis drei Jahren auch wirklich handwerklich so weit, dass man ihn mit Arbeiten an teuren Zeitmessern betrauen kann”, weist er noch auf eine zusätzliche Belastung hin, die im diffizilen Handwerk selbst liegt.

Erschwerend komme noch dazu, dass der Großteil der Werkstätten Kleinstunternehmen sind – nur wenige beschäftigen zwei oder mehr Uhrmacher – und ihnen neben den finanziellen auch die personellen Ressourcen für die Lehrlingsausbildung fehlen.

„In den letzten Jahrzehnten erlebte die mechanische Armbanduhr eine unglaubliche Renaissance, die bis heute ungebrochen anhält. Diese Entwicklung lässt es nur logisch erscheinen, dass es in Zukunft auch viele fähige Uhrmacher braucht, die all diese Uhren warten und servicieren und somit den Wert der edlen Zeitmesser erhalten”, so Barotanyi weiter.

… für Kleinbetriebe

Ein wesentliche Rolle spielt dabei die überbetriebliche Institutionen Jugend am Werk: Pro Jahr werden in der Wiener Lehrwerkstätte zwischen 20 und 25 Lehrlinge ausgebildet; aktuell sind es allerdings nur 15. Nicht, weil es an Bewerbern mangelt, sondern weil das Arbeitsmarktservice Wien im Vorjahr die Förderung für weitere Lehranfänger gestrichen hatte. „Allerdings stehen die Vorzeichen hinsichtlich einer neuerlichen Aufnahme von sechs Lehrlingen im September 2020 ausgesprochen gut”, sagt Jugend am Werk-Sprecher Wolfgang Bamberg .

Mangelnde Sichtbarkeit …

Seit Jahren ziemlich konstant sind die Schülerzahlen in der Höheren technische Bundeslehranstalt Karlstein an der Thaya. Die vierjährige Fachschule für Präzisions- und Uhrentechnik hat pro Jahr insgesamt rund 40 Schüler, in der Bundesberufsschule sind es im Schnitt 20. Damit liegt der jährliche Output an fertigen Uhrmachern bei rund 15. „Das entspricht auch in etwa dem momentanen Bedarf in Österreich zur Abdeckung der Pensionsabgänge”, sagt Direktor Wolfgang Hörman. Allerdings nehmen viele Absolventen die gut dotierten Jobangebote der Uhrenbranche in der Schweiz, in Deutschland oder in Fernost an.

Dass nicht mehr Jugendliche den Beruf des Uhrmachers erlernen wollen, liegt nach Hörmanns Ansicht vor allem daran, dass diese Profession wie viele andere der insgesamt rund 250 Lehrberufe in der medialen Berichterstattung und damit auch in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommt. Und das, obwohl die Karrieremöglichkeiten sowohl in Österreich als auch international sehr gut seien.

„Bereits jetzt ist absehbar, dass sich der Arbeitsmarkt unserer Absolventen zukünftig stärker in Richtung Osten, zum Beispiel Hongkong, Shanghai, Dubai oder Moskau, ausrichten wird – dorthin eben, wo das Geld und der Luxus zu Hause ist. Der klassische Uhrmacher vor Ort ist aber ebenso immer noch gefragt, insbesondere in touristischen Zentren, wo der Uhrenverkauf und damit auch das Uhrenservice ein Hoch aufweist. Aber auch in den Speckgürteln größerer Städte finden sich ausreichend selbstständige Heimuhrmacherbetriebe als Vertragspartner der Ladengeschäfte in den Fußgängerzonen”, erläutert Hörmann und verweist noch darauf, dass die Ausbildung an kein Alterslimit gebunden ist: „Es gibt Freaks, die erfüllen sich ihren Lebenstraum kommen an unsere Schule, nachdem sie einen anderen Beruf erlernt haben oder auch erst im reiferen Erwachsenenalter.” Und auch das Vorurteil, dass Uhrmacher ein Männerberuf sei, stimme mittlerweile längst nicht mehr. „Der Anteil der Mädchen und Frauen ist in dieser technischen Berufsausbildung sehr hoch, oftmals liegt es bei nahe 50% und darüber.”

… in den Medien

Für den Karlstein-Absolventen Bernhard Wagner, der sich 2011 mit einer eigenen Werkstatt, in der Uhren nicht nur repariert und serviciert, sondern auch komplett neu gebaut werden (eine Seltenheit in Österreich), selbstständig gemacht hat, ist vor allem das generelle Imageproblem der Lehre der Grund für wenig Nachwuchs: „Leider hält sich der Irrglaube, nur ein Studium wäre eine vernünftige Ausbildung, äußerst hartnäckig. Durch die Kombination aus Kunst, Geschichte und Technik ist die Uhrmacherei ein einzigartigen Beruf, der in unendlich viele weitere Gebiete ausstrahlt. So entdeckte ich darüber zum Beispiel auch die Liebe zu englischen Autos sowie allgemein zur Kunst.”

Seiner einstigen Ausbildungsstätte stellt er ein generell gutes Zeugnis aus, sieht aber durchaus noch Verbesserungspotenzial: „Die Schule ist hervorragend ausgestattet, aber das Problem ist, dass die beste Werkstattausrüstung wertlos ist, wenn keine Zeit vorhanden ist, diese auch zu nutzen. Eine Werkstattstunde ist leider etwas teurer und deshalb sind sie bei Weitem nicht in dem Ausmaß vorhanden, das der extrem umfangreiche und vielseitige Beruf des Uhrmachers erfordern würde. Dadurch sind auch die Spitzenleistungen der Vergangenheit nicht erreichbar.”

Eine mangelnde Bereitschaft, Lehrlinge auszubilden, sieht er bei seinen Berufskollegen nicht.  „Doch es ist nicht leicht, passende Kandidaten zu finden, bei denen das spezielle Interesse für diesen Beruf sowie Leistungswille, aber auch Grundvoraussetzungen wie Pünktlichkeit, Höflichkeit und sinnerfassendes Lesen vorhanden sind.”

Einen Lehrling hat er bisher schon ausgebildet und bei einem passenden Kandidaten könnte er sich das durchaus wieder vorstellen.

Fehlende Kapazitäten

Ein echter „Wiederholungstäter” in Sachen Uhrmacherausbildung ist Juwelier Kopf im Vorarlberger Götzis. „Seit mein Großvater den Betrieb 1931 gegründet hat, ist das ein fixer Bestandteil, ob Uhrmacher, Goldschmied oder auch im Handel”, sagt Andreas Kopf. Aktuell hat man einen Uhrmacherlehrling. Dass es nicht mehr sind, liege nicht an fehlenden Bewerbern, sondern an den eigenen Kapazitäten.
Mit den generellen Rahmenbedingungen ist Kopf grundsätzlich zufrieden; dass aufgrund der geringen Schülerzahlen in der Berufsschule verschiedene Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet werden, sei aber nicht optimal. Die beruflichen Perspektiven beurteilt er sehr positiv. Dem stimmt auch Wagner zu: „Durch die schon erwähnte fatale Bildungspolitik wird ein gewaltiger Mangel an guten Handwerkern jeder Art entstehen. Der Bedarf bleibt jedoch vorhanden, und so können die wenigen, die es noch gibt, mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Ist man fleißig und voller Tatendrang, stehen einem als Uhrmacher alle Türen offen, ob als Angestellter, Selbstständiger oder außerhalb der Uhrmacherei in anderen technischen Bereichen. Sorge um einen Arbeitsplatz braucht man sich nicht zu machen.”

Gute Jobchancen …

Maria Habring, die mit ihrem Ehemann Richard Österreichs einzige Uhrenmanufaktur mit internationaler Bedeutung leitet, beurteilt die Ausbildungssituation deutlich kritischer: „Sie ist nicht mehr zeitgemäß und somit auch nicht attraktiv. Wir sind ein produzierendes Unternehmen, aber diese Richtung wird in der Uhrmacherschule in Karlstein nicht gelehrt. Wir müssen einem Schulabgänger das nötige Know-how erst vermitteln. Das tun wir zwar gern, aber es ist für beide Seite manchmal mühsam.”
Drei Lehrlinge hatte man bereits, von denen aber nur einer die Ausbildung beendet hat, aus privaten Gründen dann aber nach Wien zurückgekehrt ist. „Weiters bieten wir auch einen Praktikumsplatz an, der leider nur sporadisch besetzt ist. Da unterstelle ich der Jugend schon etwas Bequemlichkeit”, meint Habring.

Aktuell beschäftigt Habring zwei Uhrmacher, in der Vergangenheit waren es bis zu fünf. Die meisten kamen allerdings aus dem Ausland und sind nach drei bis vier Jahren wieder in ihre Heimat zurückgekehrt – ein organisatorisches Problem für ein kleines Unternehmen. Gelöst hat man das durch Auslagerung einiger Produktionsschritte an Partner in Österreich und Deutschland. Was allerdings kein Nachteil war: „Weniger Köpfe bedeutet auch weniger Fragen und Probleme und schlussendlich effektivere Leistung, bessere Konzentration und höhere Qualität.”

… für Uhrmacher …

Die Perspektiven für Uhrmacher sind ihrer Meinung nach gut: „Man muss sich eine Nische suchen. Das haben wir ja auch gemacht und bewiesen, dass wir damit erfolgreich sind. Jeder kann seinen Weg finden, aber es gehört da auch eine große Portion Mut, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen dazu. Wer nur Geld verdienen möchte, der ist gänzlich falsch in der Uhrmacherei. Leidenschaft, Liebe zum Detail und Geduld sind eine wichtige Basis für die Uhrmacherkunst.”
Auch bei Jugend am Werk schätzt man die Berufschancen seiner Absolventen positiv ein. Obwohl große Marken aus der Schweiz und Deutschland den Service zunehmend in eigene Werkstätten verlagern und auch große Onlinehändler wie z.B. chrono24 oder Chronext eigene Service-Zentren eröffnen, bestehe in Österreich weiterhin Bedarf an Fachkräften, die auch aufwendige und komplexe Arbeiten erledigen können.
„Wer international mobil ist, hat natürlich mehr Möglichkeiten. Darüber hinaus gibt es nach wie vor im Uhrenhandel Arbeiten, die vor Ort durchgeführt werden, die das entsprechende fachliche Know-how erfordern. Da der Trend auch eindeutig in Richtung der mechanischen Uhr geht, wird es auch in Zukunft Bedarf an Fachkräften geben”, sagt Bamberg.

… und Goldschmiede

Dass der Nachwuchs bei den Gold- und Silberschieden abnimmt, hat zum Teil die selben Gründe wie bei den Uhrmachern. „Gab es bis in die 1970er-Jahre noch bedeutende Schmuckproduzenten, die den Juwelenhandel belieferten, so wurde die industrielle Produktion spätestens ab den 1980er-Jahren nach Fernost (Thailand, Indien) und in den 2000ern nach China ausgelagert. Zurück blieben die Goldschmiede, die in kleinen Strukturen, also als Ein-Mann-bzw. -Frau-Firma, individuelle Kundenwünsche erfüllen, Spezialisten für Reparatur und andere Detailgebiete wurden und ver­stärkt im künstlerischen Bereich tätig sind”, erläutert Alfred J. Römer, Gründer des Wiener Goldschmiedelehrgang.

„Oft freut man sich schon, die familieneigene, nächste Generation ausbilden zu können”, sagt Anton Heldwein, der neben zwei Meistern seit Kurzem auch eine junge Gesellin beschäftigt. Kapazitäten für einen zusätzlichen Lehrling hat der renommierte Wiener Familienbetrieb derzeit nicht.
Allerdings habe die kleinteilige Struktur seines Handwerks auch durchaus positive Seiten: „Im Gegensatz zu den doch eher standardisierten Angeboten der großen Schmuckmarken können wir den Kunden eine wesentlich größere Flexibilität bieten. Das betrifft Neuanfertigungen als auch Umarbeitungen und Reparaturen.”

Ähnlich sieht das auch Gernot Ableitner, Inhaber eines kleinen Ateliers im Steirischen St. Radegund, das sich auf Unikatschmuck spezialisiert hat. Im Lauf seiner gesamten bisherigen Berufszeit hat der Goldschmiedemeister bereits zwölf Lehrlinge ausgebildet, darunter auch seinen Sohn Jakob, der im Familienbetrieb mitarbeitet. Und es gibt auch schon wieder einen neuen Lehrling. Allerdings hat es gut ein Jahr gedauert, bis die passende Kandidatin gefunden war.

Moderne Alternativen …

Auch wenn der finanzielle und organisatorische Aufwand für einen Kleinbetrieb hoch ist, hält Ableitner es für essenziell. „Wenn wir als einer der letzten Ausbilder des Landes aufhören, unser Wissen weiterzugeben, bedeutet das das Ende unseres Berufsstands. Der Markt wird schon jetzt mit Produkten aus den Billiglohnländern überschwemmt.” Die Zukunftsperspektiven seien dennoch positiv: „Das Handwerk hat einen hohen Stellenwert, vor allem bei Kunden, die etwas Besonderes wünschen. Und genau diese Nische decken wir ab.”
Bei Heldwein sieht das ähnlich aus: „Die Nachfrage nach Einzelanfertigungen aus unserem Atelier ist wirklich sehr positiv. Unsere 1902-Kollektion, eine Hommage an das Gründungsjahr unseres Unternehmens, erfreut sich besonders großer Beliebtheit.”

Seit knapp 20 Jahren sorgen vermehrt alternative Ausbildungsformen für den Nachwuchs in der heimischen Schmuckbranche.  Dazu gehört das sechssemestrige Kolleg für Schmuck-Design an der KunstModeDesign Herbststrasse, das im Vorjahr sein zehnjähriges Bestehen feierte. Neben klassischen Techniken der Schmuckherstellung und der Metallbearbeitung stehen die professionellen Ausbildung der künstlerischen und kreativen Fähigkeiten, Kunstgeschichte, Theorie des zeitgenössischen Schmucks, analoge und digitale Designtechniken, aber auch Grundkenntnisse in betriebswirtschaftlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen am Lehrplan. Bisher haben etwa 50 Schmuckdesigner das Kolleg absolviert, von denen etliche schon Preise bei wichtigen internationalen Wettbewerben gewonnen und sich mit eigenen Ateliers bereits einen Namen gemacht haben.

… zur klassischen Lehre

Seit 2005 erlernen die Schüler des Evangelischen Gymnasium und Werkschulheims parallel zur AHS-Ausbildung mit Matura auch ein Handwerk – Goldschmied, Tischler oder EDV-Technik.
Eine der wenigen Adressen für angehende Schmuckdesigner, aber auch fertige, die sich in unterschiedlichen Bereichen, wie z.B. Edelsteinkunde, Gusstechnik, Emaillieren, Stricken mit Metall oder auch Marketing und Schmuckfotografie weiterbilden wollen, ist der 2002 von Römer gegründete Wiener Goldschmiedelehrgang.

Mittlerweile sorgen diese drei Einrichtungen zusammen für mehr Nachwuchs als die klassische Goldschmiedelehre. Von einer alternativen Ausbildung könne man, so Römer, also nicht mehr sprechen.  „Österreich betoniert das im Grunde hervorragende Ausbildungskonzept der dualen Ausbildung auch in Berufsbildern, in denen es nicht mehr umgesetzt werden kann, und ignoriert bis behindert im Gegensatz zum internationalen Umfeld zeitgenössische Ausbildungsstrategien”, kritisiert er das zu starre und nicht mehr zeitgemäße System.
Es bleibt also abzuwarten, ob die Bildungsoffensive der neuen Regierung sich auch diesem Problemfeld widmen wird. Die Gleichstellung des Handwerksmeisters mit dem akademischen Master-Grad wird die strukturellen Probleme, ob in der Goldschmiede- und Uhrmacherbranche oder einem der vielen anderen traditionellen Handwerke, wohl kaum lösen.

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