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Die Programmmacherin © Martina Berger
© Martina Berger

Redaktion 14.09.2021

Die Programmmacherin

Dodo Roscic, Leiterin der Programmentwicklung des ORF und mitverantwortlich für etliche Erfolgsformate im ORF, bewirbt sich um die Führung des Landesstudios Wien.

WIEN. Neben Kathi Zechner und einigen männlichen Mitbewerbern hat auch Dodo Roscic nun für die Führung des Landesstudios Wien ihren Hut in den Ring geworfen. medianet bat die erfolgreiche Programmmacherin um ein paar Antworten.

medianet: Frau Roscic, die Devise des neuen ORF-Generaldirektors, 'Frauen nach vorne‘, scheint Wirkung zu zeigen. Neben Marion Flatz-Mäser für Vorarlberg und einigen anderen Kolleginnen haben nun auch Sie Ihre Bewerbung für das Landesstudio Wien bekannt gegeben. Was sind denn die Eckpunkte Ihrer Bewerbung für das wichtigste Landesstudio des ORF?

Dodo Roscic: Natürlich ermutigt einen dieser Zugang des designierten Generaldirektors! Jede Bewerbung ist ja immer auch ein ganz prinzipielles Aufzeigen als Führungskraft. Frauen haben manchmal die bedauerliche Tendenz, zu warten, bis man sie fragt. Das konnte ich glücklicherweise ablegen. (lacht.)
Ich bin Programmmacherin und als solche habe ich auch meine Bewerbung verfasst, weil ich glaube, dass genau dieser Input in einem so umkämpften disruptiven Markt das Wichtigste ist und eine optimale Ergänzung zu Chefredakteur Oliver Ortner, den ich sehr schätze. Das Landesstudio Wien ist eine der Aufgaben beim ORF, die mich interessieren würde.

medianet: In der ganzen Diskussion um mehr Frauen in ORF-Führungspositionen war im Vorfeld zu hören, Wien hätte jetzt 15 Jahre eine Chefin gehabt, nun seien die anderen Bundesländer dran. Klingt weniger nach Auszeichnung als mehr nach Makel, den jetzt bitteschön jemand anderer tragen soll ... Warum ist das noch immer so?

Roscic: Na seavas, das kann ich gar nicht glauben! Ja, das klänge ja dann wie ein Makel, ein Hinkebein, eine Krot, die man schluckt. Schrecklich eigentlich, im Jahr 2021. Im ORF-Gesetz ist ja nur verankert, dass bei gleicher Qualifikation Frauen vorzuziehen sind, nicht bei schlechterer. Verstehen tue ich diese Aussage daher nicht und kann sie gerade in Wien eigentlich gar nicht glauben.

medianet: Sie haben nicht nur mit Ö3 eine langjährige Hörfunkerfahrung, gehören zu den erfolgreichsten TV-Programmentwicklerinnen des Landes und Sie haben auch im Auftrag des scheidenden Generaldirektors auch neue, digitale Formate und Strategien entwickelt. Was von diesen Dingen würden Sie für das Landesstudio Wien am meisten benötigen?

Roscic: Sicher unabdingbar alle drei. Die Trimedialität ist nicht mehr auseinanderzuflechten. Man bewirbt sich ja immer als Person mit seinen Erfahrungen und auch mit seinen Leidenschaften. Eine meiner vielen Leidenschaften im Bezug auf ORF-Programme ist das Lokale, weil es hier einen sehr großen Spielraum an identitässtiftendem Besonderen gibt. Was einem also im nationalen Programm zu Recht verwehrt bleibt, darf und soll hier wachsen: Das Idiom, das junge Wien, das Goscherte, das ganz Besondere am jeweiligen Ort. Wien ist dahingehend sehr speziell und sehr jung! Hashtag WIENLIEBE!

medianet: Apropos neue, digitale Formate: Sie haben für das derzeit wichtigste Zukunftsprojekt des ORF, den Player, einen Kinderkanal konzipiert. Mit Ihrem kleinen Sohn haben Sie die Zielgruppe quasi zu Hause sitzen: Was brauchen die Kids von heute von einem öffentlich-rechtlichen ORF als Angebot, um nicht gänzlich bei Disney, Netflix & Co zu landen?

Roscic: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir darum kämpfen müssen, dass unsere Kinder bei all den von Ihnen angesprochenen Angeboten den ORF auf der Fernbedienung überhaupt noch finden. Es wurde wissenschaftlich erfasst, dass sich die Seher-Gewohnheiten auch später im Leben nicht ändern. Also: Pünktlich zum 50. Geburtstag wird niemand, der davor die Nachrichten auf Social Media-Kanälen konsumiert hat, ORF2 aufdrehen oder sich ein Zeitungsabo nehmen.
Das gilt in noch einem überwältigenden Ausmaß für die Zielgruppe der ganz Jungen: Also die Gebührenzahler von morgen und übermorgen. Verjüngung ist daher kein sinnentleertes Stichwort von Medienmanagern, sondern eine Notwendigkeit.

Auch hier waren wir beim Grundkonzept inhaltlich der Meinung, das Eigene in den Vordergrund zu stellen, denn die internationalen Bestseller gibt es ohnedies schon überall und teilweise ja über die verschiedenen Streamingdienste verteilt. Aber Übertragungen aus Kindertheatern, Konzerten, der Kinderoper, Hörspiele von Nöstlinger-Büchern auf einer Audio-Spur, das alles gäbe es dann nur bei uns. Ein Teil dieser Notwendigkeit ist ja auch die Wahrung des österreichischen Idioms. Mein Sohn und seine Freunde sagen tschüss, Stuhl statt Sessel, und manchmal ‚gucken' sie sogar.

medianet: Roland Weißmann hat die Bedeutung der Landesstudios besonders hervorgehoben und angekündigt, dass sie in ihrer programmlichen Bedeutung steigen würden. Was wäre hier aus Ihrer Sicht möglich?

Roscic: Ich habe vonseiten der Zentrale für die Unterhaltungsabteilung viel mit den Landesstudios gemacht und sehe, was für ein wunderbares Angebot das ist. Die Erfolge dieser föderalistischen Grundverfasstheit des Landes, auf nationaler Ebene zusammengebracht, stehen außer Zweifel: Von ‚Guten Morgen Österreich', das coronabedingt zwar leider nicht durch das Land reisen darf, bis zu den großen 'Licht ins Dunkel', 'Neun Plätze Schätze', und 'Ein Sommer in Österreich' mit Marcel Hirscher. Das Zusammenspiel aller neun Studios hat uns immer sehr gut getan und Österreich von seinen schönsten Seiten gezeigt. Die Flotte ist als Gesamtbild so wichtig wie stimmig. Wie wichtig das auch bei den jüngeren Zielgruppen ist, zeigt das Hitradio Ö3 mit seinen Korrespondenten aus den Bundesländern.

medianet: Wenn wir kurz zum Radio wechseln und uns die Situation im hart umkämpfen Wiener Radiomarkt ansehen, wo Radio Wien nicht das klassische Ö2-Publikum zu verdienen hat, sondern eine zwar bodenständige, aber doch urbane und tendenziell jüngere Zielgruppe im Auge haben muss: Wo sehen Sie hier Veränderungsbedarf?

Roscic: Ich glaube schon, dass Radio Wien hier noch viel stärker auftreten könnte. Wien ist ein besonderes Bundesland und wegen der Urbanität mit den anderen acht Ö2-Radios nicht vergleichbar – weder thematisch noch musikalisch. Ich bin davon überzeugt, dass hier eine eigenes Storytelling zwischen Ö3 und dem privaten Mitbewerb möglich ist.

medianet: Die ORF-Wahl an sich scheint jedes Mal eine Art politischer Basar zu sein, und auch wenn es im ORF-Gesetz nur ein formales Anhörungsrecht des Landeshauptmanns oder der Landeshauptfrau gibt, geht ohne deren Placet nichts bei der Wahl der Landesdirektoren. Sie gehen, wie es der ‚Standard' ausgedrückt hat, ohne parteipolitische Rückversicherung in die Wahl. Als ausgezeichnete Kennerin des Hauses und der österreichischen Medien- und Politszene: Ist also doch nicht alles vorab ausgemacht?

medianet: Für diese Frage bin ich wahrscheinlich die falsche Adressatin (lacht.) Aus meiner Erfahrung ist eine Bewerbung ja auch einfach eine Ansage über die eigenen Führungsqualitäten und deponiertes Interesse. Ganz prinzipiell. Es kann einem ja niemand anderer abnehmen, sich für Dinge zu Wort zu melden und ins berühmte Gespräch zu bringen, für die man sich auch interessieren würde und auch für geeignet hält.
Ich bin bis jetzt immer sehr gut damit gefahren, auf inhaltlicher Ebene zu argumentieren und mich mit dem, was eh alles schon längst ausgemacht sei, so wenig wie möglich zu beschäftigen. Ich glaube, die Antwort geben wir Medienmacher halt auch am Platz und da steht es jedem zu, für seine Erfahrungen und Qualitäten einzustehen. Garantien gibt es sowieso keine und auch kein Netz und keinen doppelten Boden. Seit meine Bewerbung publik geworden ist, erreichen mich jedenfalls sehr sehr viele derartig nette und ermutigende Nachrichten, dass ich mich darüber schon sehr freue, und das ganz unabhängig vom Resultat.

medianet: Der neue ORF-Generaldirektor will den ORF nicht nur digitaler und jünger, sondern auch diverser machen – ein Aspekt, denn sie als österreichische Programmmacherin mit Balkan-Wurzeln erfüllen dürften. Was wären den nun so die Aspekte, die sie einbringen würden?

Roscic: Für den ORF gilt dasselbe wie für alle Medien: Diversität ist nicht ein Blick ins Aquarium oder aus diesem heraus auf 'die anderen', sondern funktioniert ja letztlich nur, wenn die Redaktionen ein selbstverständlicher Spiegel der Gesellschaft sind. Wenn Sie so wollen, ist in meiner Person der ORF bereits längst divers, da ich im Ausland geboren bin und ‚trotzdem' Hauptabend-Moderatorin, Ö3-Wecker-Sidekick und Formatentwicklerin sein konnte. Dabei war die einzige Herkunft, über die berichtet wurde, meine in Linz verbrachte Kindheit. Das war Kolleginnen und Kollegen, deren Hauptthemen Migration, Diversität und Empowerment sind, dann wieder zu assimiliert. Sie sehen: Man kann es auch nicht allen recht machen ...

Ich hatte beim ORF eine junge Kollegin, die Kopftuch trug. Dass man sie am Gang wohlmeinend und hilfsbereit fragte, ob sie die Redaktion von 'Heimat, fremde Heimat' suchen würde – das ist das Problem. Die Dame hatte mehrere abgeschlossene Studien und war Buchautorin, zu jener Zeit arbeitete sie als high potential eines Programms namens ORF Akademie beim Report.

medianet: Frage zum Schluss und unabhängig von der Situation im ORF: Warum müssen wir aus Ihrer Sicht im Jahr 2021 noch immer darüber diskutieren, warum es nicht mehr Frauen in Führungspositionen gibt.

Roscic: Ich glaube, das Thema beginnt viele Jahre vor dieser Diskussion; also in den Jahren vor einer etwaigen Bewerbung. Hier ist Empowerment ein wichtiges Stichwort, und wir Frauen sind aus meiner Sicht schon auch dringend dazu aufgefordert, uns nicht dauernd vorauseilend selbst ins Eck zu stellen und an uns zu zweifeln. Wo auch immer ich die Gelegenheit habe, mit jungen Kolleginnen zu sprechen, spüre ich Sorge und Angst. Hier muss man ansetzen, damit der Zug zum Tor auch so rüberkommt und die Frauen nicht dauernd das eigene Licht unter den Scheffel stellen, noch bevor es jemand anderer macht. Das halte ich durchaus auch für eine Bringschuld. Unter anderem deswegen habe ich mich zu dieser Bewerbung entschlossen: Es ist ein Einstehen für die eigenen Qualitäten und Ambitionen! (fej)

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