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Kritik an Anschlag-Berichterstattung © APA/AFP/Alex Halada

Dienstagvormittag in der Rotenturmstraße nahe dem Schwedenplatz in Wien.

© APA/AFP/Alex Halada

Dienstagvormittag in der Rotenturmstraße nahe dem Schwedenplatz in Wien.

Redaktion 03.11.2020

Kritik an Anschlag-Berichterstattung

Nach der Veröffentlichung eines Tötungsvideos auf oe24.tv und krone.at reagieren große Anzeigenkunden wie Rewe und Spar.

WIEN. Am Montagabend dieser Woche, am 2. November 2020, wurde die österreichische Bundeshauptstadt von einem schrecklichen Terroranschlag erschüttert. Nur Minuten nach einem Angriff in der Wiener Innenstadt mit mehreren Toten und Verletzten kursierten erste Videos in diversen WhatsApp-Gruppen, online und auf Social Media. Auf einem der Videos war auch zu sehen, wie einer der Terroristen (die Polizei geht von mehreren Angreifern aus, die derzeit noch nicht gefasst sind) auf einen Passanten schießt, der anschließend zusammenbricht.

Dieses Video wurde auch auf den Onlineplattformen von Kronen Zeitung und Österreich publiziert. Die Krone nahm das Video noch in der Nacht wieder offline, auf oe24 blieb es stehen. Nach heftiger Kritik im Netz haben nun wichtige Werbekunden der beiden Medien reagiert und zunächst sämtliche Online-Ads auf krone.at und oe24.at storniert. Bei Rewe schließt man auch medianet-Anfrage auch weitere Stornos von Print-Inseraten nicht aus.

„Überall zu sehen"
Bei oe24.tv, wo das Video ebenfalls zu sehen war, rechtfertigt man das Publizieren des Videos folgendermaßen: „oe24.tv hat nur gebracht, was überall im Internet zu sehen war – unter anderem in genau derselben Form auf krone.at und Bild.de“, so Niki Fellner gegenüber medianet.

Seitens krone.at erreichte uns folgendes Statement von Michael Eder, Geschäftsführer Krone Multimedia: „Nach langen internen Diskussionen in der Nacht hat unsere Redaktion entschieden, die Tatvideos nach technischer Entschärfung zu veröffentlichen, um die Bedrohungslage zu unterstreichen. Nach Entspannung der Situation wurden diese wieder offline genommen.“

Facebook will Video entfernen
Das betreffende Video kursierte aber nicht nur auf diversen Zeitungsportalen, sondern auch auf Social Media. Facebook ließ verlauten, man sei bemüht, den betreffenden Content zu entfernen: „Facebook arbeitet daran, Inhalte in Zusammenhang mit dem Anschlag, die gegen die Richtlinien des Unternehmens verstoßen, von Facebook und Instagram zu entfernen. Das gilt auch für Bilder und Videos im Crisis-Response-Tool", hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber der APA. "Wir sind schockiert über die Ereignisse in Wien und sind in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen", so ein Sprecher.

Neos fordern Konsequenzen
Seitens der Politik gibt es ebenfalls bereits erste Reaktionen. So meinte Neos-Mediensprecherin Henrike Brandstötter gegenüber medianet: "Ich bin sehr betroffen über ein derartig verantwortungsloses Verhalten und das Ignorieren von dringenden Aufforderungen der Polizei im Sinne unserer Sicherheit. Nur um Klicks zu generieren, werden hier jegliche journalistische und ethische Standards missachtet. Wir müssen daher darüber sprechen, ob ein solches Verhalten nicht auch Konsequenzen haben muss. Es dringend notwendig, dass wir eine Debatte darüber starten, dass Inserate und Förderungen der öffentlichen Hand an einen klaren Verhaltenskodex geknüpft werden. Dazu gehört für uns unter anderem die Mitgliedschaft im Presserat."

Drozda: Jetzt geht es um die Opfer
SPÖ-Mediensprecher Thomas Drozda bezeichnete das Verhalten der kritisierten Medien als „inakzeptabel“. Dafür, jetzt schon seitens der Politik über mögliche Konsequenzen nachzudenken, sei es aber zu früh. In diesem Moment gehe es nur "um die Todesopfer und die Verletzten und die Hoffnung, dass diese wieder genesen", so Drozda gegenüber medianet.

Und auch der Verein Medienjournalismus Österreich verurteilt die von einigen Medien – allen voran oe24 und Kronen Zeitung – veröffentlichten Fotos und Videos zum Terroranschlag in der Wiener Innenstadt. „Diese Form von Journalismus ist unverantwortlich und degoutant. Sie gibt den Tätern auch noch eine Bühne und verletzt die Persönlichkeitsrechte ihrer Opfer. Solche Veröffentlichungen widersprechen nicht nur dem Ehrenkodex der Presse, sondern könnten auch juristische Folgen nach sich ziehen, weil die Verbreitung von Aufnahmen, auf denen Opfer eines solchen Anschlags zu erkennen sind, medienrechtlich unzulässig ist. Der Verein Medienjournalismus Österreich appelliert daher an alle Kollegen und Medien, nicht den Voyeurismus mancher zu befriedigen, sondern verantwortungsbewusst und mit Bedacht zu handeln.“

Im Verein Medienjournalismus Österreich (MÖ) sind Redakteure  heimischer Tageszeitungen, Fachmedien und der APA-Austria Presse Agentur sowie freie Journalistinnen und Journalisten vertreten. Der MÖ wurde im Sommer 2003 gegründet. Er setzt sich zum Ziel, eine "kritische Öffentlichkeit gegenüber der Medienlandschaft" herzustellen, heißt es in den Statuten, in denen der Verein auch dezidiert gegen die Missachtung des Ehrenkodex der österreichischen Presse auftritt.

Werbewirtschaft reagiert
Erste Reaktionen gibt es auch seitens der Werbewirtschaft. Nach Spar und der Rewe-Gruppe haben nun auch Lidl und Hofer ihre Online-Werbeaktivitäten bei oe24.at und krone.at gestoppt. So heiß es seitens Hofer gegenüber medianet: „Hofer distanziert sich klar und deutlich von dieser Art der Berichterstattung und hat umgehend sämtliche Werbemaßnahmen bei diesen Onlinemedium gestoppt.“

Lesen Sie dazu eine ausführliche Analyse in der kommenden Printausgabe am Freitag, 6. November – mit Statements seitens der Medienhäuser, der werbetreibenden Wirtschaft und der heimischen Medien und Agenturen. (fej)

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