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Pitchen, umgekehrt © kraftwerk/Natascha Unkart
© kraftwerk/Natascha Unkart

Dinko Fejzuli 20.04.2018

Pitchen, umgekehrt

Bei der Agentur kraftwerk blickt man in die Zukunft des Pitchens und lässt nun die Kunden schwitzen.

••• Von Dinko Fejzuli

WIEN. Kürzlich fanden sich mehr als 150 Kunden, Freunde und Partner aus dem In- und Ausland im Wiener Looshaus ein, um auf Einladung der Agentur kraftwerk unter dem Motto #HelloTomorrow einen Blick auf aktuelle und vor allem kommende Entwicklungen in den Bereichen Creative Communication, International Customer Communication und Digital Innovations zu werfen.

medianet fragte bei Angelika und Heimo Hammer und Jürgen Oberguggenberger zum Konzept der Veranstaltung und der Idee dahinter nach.


medianet:
Kürzlich lud kraftwerk unter dem Motto #HelloTomorrow zu seinem ersten Event dieser Art. Was steckt dahinter?
Heimo Hammer: Der normale Weg sind Pitches, wo sich Agenturen um bestimmte Kampagnen oder Websites matchen. Wir möchten neue Wege gehen: Kunden sollen innovative Projekte oder neue Ideen als Pilotprojekt ohne Kosten an kraftwerk vergeben. Damit teilt der Kunde das Risiko mit der Agentur. Und wir können unser Potenzial ausschöpfen. Geht es gut, haben beide etwas davon. Nämlich ein Pilotprojekt, das normalerweise nicht gemacht worden wäre. Scheitert es, dann hat der Kunde kein ‚stranded investment'.

medianet:
Gerade beim Thema Pitch gibt es auch viel Kritik, da meist ohne auch nur ein kleines Abstandshonorar viele leere Kilometer gearbeitet werden. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob Sie überhaupt mitpitchen wollen?
Angelika Hammer: Pitches produzieren eigentlich fast nur Verlierer. Vier von fünf Agenturen investieren 300 bis 500 Stunden und erhalten als Dankeschön nichts oder, falls man unter die letzten drei kommt, ein paar Euro, die das ‚Investment' der Agentur bei Weitem nicht decken. Pitches vernichten Kreativität und Energie. Wir entscheiden uns nach drei Kriterien: 1. Ist der Kunde und die Aufgabe interessant? 2. Ist das Briefing bzw. der Kunde und die Art des Pitches professionell bzw. ist ein angemessenes Abstandshonorar vorgesehen? 3. Sind wir als Agentur der richtige Partner oder nicht? Meistens offenbart sich das schon bei einem Chemistry Meeting, ob sich’s Kunde und Agentur miteinander vorstellen können.

medianet:
Nun haben Sie das Thema um 180 Grad gedreht und lassen quasi Kunden pitchen.
Jürgen Oberguggenberger: Viele Pitches sind zwar interessant, aber nicht immer innovativ oder was komplett Neues. Wir wollen die Kunden einladen, neue Wege zu gehen und tragen das Risiko mit. Wir wollen Kunden die Scheu vor innovativen Zugängen nehmen. Kreativität und Technologie sind kein Widerspruch, im Gegenteil: Kreativität und Innovation werden oft erst durch moderne Technologie ermöglicht. Das matcht mit unserem USP, die Verbindung von Technologie und Kreation. Es wird auf jedem Fall interessant, welche Projekte ‚gepicht' werden. Die Partnerwahl umzudrehen, war nicht unsere Absicht. Wir wollen nur sehen, was passiert, wenn wir neue Impulse setzen, denn neue Zugänge und neue Märkte entdeckt man an unbekannten Ufern. Und das geht leichter, wenn der Einkauf und die Rechtsabteilung mal außen vor sind.

medianet:
Wie war die Response auf den Aufruf bisher?
Oberguggenberger: Wir haben bisher über 20 Anfragen und sechs Einreichungen – das ist gar nicht mal so schlecht für zwei Wochen …

medianet: Ein Grund, diesen neuen Zugang zu verfolgen, ist, damit auch neuen Dingen die Möglichkeit und Ideen zu geben, nach oben zu kommen. Ist der Umkehrschluss, dass es derzeit eher ‚more of the same' gibt?
Oberguggenberger: Yepp. Wenn man das Vergabegesetz liest, gibt es einen wichtigen Punkt: Vergleichbarkeit der Angebote, was in Anbetracht der Kreativität so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was wir wollen.

medianet:
Mit Ihrer neuen Idee wollen Sie fünf bis sechs Kunden mit je 1.000 Arbeitsstunden unterstützten. Das ergibt 6.000 Stunden, die Ihnen woanders fehlen könnten, oder sind das jene, die man bisher quasi leer gelaufen ist und nun anders nutzen möchte?
Heimo Hammer: Im Grunde genommen wollen wir versuchen, statt leere Kilometer zu fahren innovative Kilometer mit den Kunden zu machen. Wir wissen natürlich, dass manche glauben, es sei nur ein billiger PR-Gag. Es erfordert sicher auch etwas Mut und Eigenengagement, innovative Ideen wirklich in Angriff zu nehmen. Und uns ist die ‚Hands-on-Mentalität' im Sinne von ‚Just do it' in jedem Fall lieber, als von den Kunden zu hören, wie interessant sie die Ideen finden, aber heuer leider kein Budget dafür vorhanden ist. Wir werden diese Sache jetzt zwölf Monate durchziehen und danach berichten, wie es gelaufen ist.

medianet:
Vorausschauend auf heute in einem Jahr: Was muss passiert sein, dass die Idee, so wie Sie sich diese heute auch vorstellen, aufgegangen ist?
Oberguggenberger: Wir bzw. die Branche hat gewonnen, wenn sich mehr Kunden getrauen, innovative Kampagnen bzw. Projekte umzusetzen bzw. diese vorziehen anstatt diese hintanzustellen. Wir haben auch gewonnen, wenn sich Kunden früher und konkreter mit neuen Dingen beschäftigen und nicht nur auf Konferenzen Projekte bestaunen, die wir in Österreich nicht oder noch nicht machen können.

medianet:
Wie hat die Branche auf Ihre Idee reagiert?
Heimo Hammer: Die ersten Reaktionen waren natürlich humorvoll und gemischt. Humorvoll: habt’s ihr nix zu tun bis guter Schmäh. Aber es kamen auch Dinge wie, aha das ist so eine Art Start up Kampagnen­idee für Kunden.

medianet:
Eine Frage zum Schluss: Die Weltwirtschaft ist im Umbruch; Krypowährungen, Internet der Dinge, Artificial Intelligence, selbstfahrende Autos und Smart Homes. Wie bereitet sich kraftwerk auf die zukünftigen Entwicklungen vor?
Angelika Hammer: Einerseits geht es uns mit unserer Initiative #HelloTomorrow um die konkrete Umsetzung von Projekten mit Innovationskraft. Andererseits soll unsere Eventserie die Möglichkeit bieten, mal über den Tellerrand hinauszuschauen, wo sich Kunden und Freunde in einer entspannten Atmosphäre mit hochkarätigen, internationalen Speakern austauschen können. Im März war Jon Burkhart mit dem Thema Blockchain und Cryptocurrency zu Gast, zum Sommerfest im Juni wird der internationale Bestseller-Autor Dave Birss (‚Iconic Advantage') erwartet, der von einer Werbezukunft, geprägt von echtem crossmedialen Denken, abseits vom herkömmlichen Kanaldenken träumt.

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