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Vorhofer- und Hochner-Preis im Zeichen der Inseratenaffäre verliehen © APA
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Redaktion 21.10.2021

Vorhofer- und Hochner-Preis im Zeichen der Inseratenaffäre verliehen

Van der Bellen: "Müssen unabhängigen Journalismus stärken"; Hämmerle: "Macht über Medien massiv gestiegen"; Wachter plädierte für mehr Empathie; Ziegler: Wissenschaft "kein Schaukampf".

WIEN. Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat am Dienstag, 19. Oktober 2021, die beiden von der Journalistengewerkschaft ausgeschriebenen Auszeichnungen – den Robert-Hochner-Preis sowie den Kurt-Vorhofer-Preis – verliehen. Dabei nahm die Inseratenaffäre rund um Sebastian Kurz (ÖVP) und dessen Team viel Raum ein. Ausgezeichnet wurden Wiener Zeitung-Chefredakteur Walter Hämmerle, Puls 4-Moderatorin Alexandra Wachter und Elke Ziegler aus der Ö1-Wissenschaftsredaktion.

Van der Bellen wies bei dem Festakt in der Wiener Hofburg auf die Bedeutung der Meinungs- und Pressefreiheit für die liberale Demokratie hin. Diese brauche "verlässliche, faktenbasierte und möglichst objektive Nachrichten". Nur auf dieser Basis könne eine seriöse demokratische Diskussion geführt werden. "Wir müssen daher den unabhängigen, den kritischen und den qualitätsvollen Journalismus stärken", meinte das Staatsoberhaupt.

Die Meinungs- und Pressefreiheit müsse aber auch von den Medien gelebt werden. Dazu brauche es "den Willen zum unabhängigen und qualitätsvollen Journalismus", den "Mut, Interventionen und anderen Beeinflussungsversuchen standzuhalten" sowie die Ausstattung mit ausreichend finanziellen Ressourcen, sagte Van der Bellen wohl in Hinblick auf die derzeitigen Ermittlungen rund um Gefälligkeitsberichterstattung für großzügige Inseratenschaltungen. Aufgabe von Politikerinnen und Politikern sei es wiederum, die Presse- und Meinungsfreiheit zu garantieren und die unabhängige Presse zu stärken, erinnerte der Bundespräsident und bat: "Wenn Sie finden, dass ich etwas gut gemacht habe, sagen Sie das. Wenn Sie finden, dass ich etwas verpfuscht habe, dann werde ich es aushalten, dass Sie es sagen."

Mit dem Kurt-Vorhofer-Preis, der alljährlich Journalisten aus dem Printbereich ehrt, wurde Wiener Zeitung-Chefredakteur Walter Hämmerle ausgezeichnet. Hämmerle habe selbst keine politische Schlagseite, formuliere ausgewogen, unaufgeregt und mit historischem Tiefgang, begründete die Jury ihre Entscheidung. Der Chefredakteur der Wiener Zeitung fand in seiner Rede deutliche Worte – etwa für "das groteske Missverhältnis zwischen einer lächerlichen Medienförderung und einem wahnwitzigen Inseratenvolumen". Nur der Selbstentblößung der türkisen ÖVP in diversen Chats sei zu verdanken, dass diese "Unerträglichkeit" wieder ein großes Thema sei. "Es gibt Journalismus zum Genieren. Trotzdem ist insgesamt betrachtet die Qualität heute besser als noch vor fünf Jahren", meinte Hämmerle. Die finanzielle Macht der öffentlichen Hand über die Medien sei aber gestiegen. "Um es marxistisch zu formulieren: In der prekären ökonomischen Produktionsbasis für Qualitätsjournalismus liegt dessen größte Gefahr."

Auch die Wiener Zeitung stehe vor einer ungewissen Zukunft, erinnerte er. Die Republik als Eigentümerin plant die Abschaffung der Pflichtveröffentlichungen in gedruckter Form im Amtsblatt der ältesten Tageszeitung der Welt. "Die Gefahr einer Einstellung oder jedenfalls eines Umbaus bis zur Unkenntlichkeit ist real", so Hämmerle. Es gebe aber Alternativen. "In diesem Land gibt es von vielem genug und von einigem sogar zu viel – Qualitätsjournalismus gehört nicht dazu", mahnte der Kurt-Vorhofer-Preisträger.

Der heuer zum 17. Mal vergebene Robert-Hochner-Preis ging ausnahmsweise aufgrund der Coronapandemie an zwei Personen, um sowohl politischen Journalismus als auch Wissenschaftsberichterstattung im Bereich Radio und TV zu prämieren. Puls 4-Moderatorin Alexandra Wachter erhielt den Preis, da sie sich akribisch auf schlussendlich herausragend geführte politische Interviews und Moderationen vorbereitet, so die Jury. In ihrer Rede plädierte Wachter für mehr Empathie und dafür als Gesellschaft dorthin zu schauen, wo es Schieflagen gibt – etwa auf fehlende Kindergartenplätze, unterrepräsentierte Frauen in Führungsebenen oder den Umstand, dass Bildung nach wie vor vererbt werde.

"Jeder Eingriff in unsere Freiheit ist der Anfang vom Ende unserer Republik, wie wir sie kennen", hielt Wachter fest. Den Politikerinnen und Politikern richtete sie aus, dass viele Journalistinnen und Journalisten ihren Job sehr ernst nähmen und stets zeigen würden, "was hinter dem Vorhang passiert, wenn vor dem Vorhang eine glanzvolle Aufführung präsentiert wird". "Wir müssen uns dafür stark machen, dass wir wegkommen von einer willkürlichen Inseratenverteilung durch die Politik, die anfällig für Korruption macht und müssen hin zu einer nach Qualitätskriterien verteilten Medienförderung", forderte auch sie politische Taten ein.

Elke Ziegler aus der Ö1-Wissenschaftsredaktion wurde ebenfalls mit dem Robert-Hochner-Preis ausgezeichnet. Sie habe in einem pandemiebedingtem Ausnahmejahr die "mitunter widersprüchliche Fülle von Informationen sachgerecht, verständlich, ausgewogen, besonnen und immer topaktuell in unermüdlicher Tätigkeit für die Radiohörer aufbereitet", so die Begründung der Jury. In ihrer Rede fokussierte Ziegler auf das Verhältnis von Wissenschaft und Politik. "Wissenschaft ist kein Schaukampf, wissenschaftliche Debatte kein Duell, bei dem ein Ranking erstellt wird, wer gewonnen hat. Eine Politik, die abweichende Positionen in der Wissenschaft benutzt, um ihre Glaubwürdigkeit insgesamt zu beschädigen, schadet letztendlich jeder modernen Gesellschaft und beraubt sie ihrer Zukunftsfähigkeit", so die Ö1-Journalistin.

Evidenz solle in einer aufgeklärten Gesellschaft die Basis von Politik sein, während es die Aufgabe von Wissenschaftsjournalismus sei, politische Maßnahmen immer wieder auf diese Evidenz abzuklopfen. "Wo Wissen in Schubladen verschwindet, Daten nicht erhoben werden, wird Politik zum Experiment. In Krisenzeiten, egal ob in Sachen Pandemie oder Klima, ist das untragbar", sagte Ziegler und nutzte ihre Rede ein Informationsfreiheitsgesetz und eine moderne Datenerhebung und -verwaltung durch die öffentliche Hand einzufordern.

Beide am Dienstag verliehenen Auszeichnungen werden von der Journalistengewerkschaft in Kooperation mit dem Verbund vergeben. Sie sind mit je 7.500 € dotiert. Die Entscheidung trifft eine von der Gewerkschaft ernannte Jury. (red)

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