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Der Schwarzfahrer im mobilen Datenverkehrsnetz © APA/AFP/Lluis Gene
© APA/AFP/Lluis Gene

04.03.2016

Der Schwarzfahrer im mobilen Datenverkehrsnetz

Zuckerbergs Auftritt war das Highlight am Mobile World Congress. Im Dreikampf mit Google & Apple gehts um Dominanz im Digital-Oligopol.

••• Von Peter A. Bruck

BARCELONA. Sein Auftritt war zweifelsohne das Highlight auf der weltgrößten Hightech-Schau, dem Mobile World Congress (MWC) in der katalanischen Hauptstadt Barcelona. Die über 100.000 Besucher kamen allerdings nicht nur wegen Telefonie und Handys. Vielmehr ging es unter dem Titel „Mobile is Everything” um die gesamte Digitale Transformation – und hier war Mark Zuckerberg, der junge Mann in T-Shirt und Jeans, eindeutig der Star. Die Mobilfunkbranche bietet ihm eine Bühne, wiewohl sie kommerziell massiv unter dem Erfolg von Zuckerberg und Facebook leidet. Die Mobilfunkprovider errichten die Hardware, die Dienste wie Facebook benutzen, ohne für diese Investitionen auch nur einen Cent zurückzubekommen. Denn Zuckerberg und seine Firma fahren schwarz, wo jeder andere Nutzer in den mobilen Netzen für sein Datenvolumen zahlen muss.

Facebook + Samsung

Zuckerberg, bescheiden, witzig, präsent, kümmert dies nicht – und er weiß die digitale Transformation der modernen Welt autobiografisch auch nett zu erzählen. Seine Mutter hätte – als er selbst ein Baby war –, ein Buch mit Aufzeichnungen über seine ersten Schritte angelegt. Seine Tante habe zehn Jahre später zu diesem Zweck für ihre Kinder schon ein Album von Fotografien erstellt, während seine Schwester – weitere zehn Jahre später – primär Video einsetze, um die ­Familiengeschichte aufzuzeichnen. Zuckerberg selbst, nun seit knapp einem Jahr Vater des Töchterchens Maxima, würde einen 360-Grad-Virtual-Reality-Movie drehen. Das ist schon Realität.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Zuckerberg zwei Mal seinen großen Auftritt am MWC hatte: Erst war er am Vortag des Kongresses Überraschungsgast bei der großen Samsung-Show zum Thema „Virtuelle Realität” (VR). Während Hunderte Reporter und Geeks sich mit Augenmasken fasziniert in ihren Sesseln wiegten, schlenderte der Facebook-Gründer und CEO durch den Mittelgang und stahl damit der neuesten Hochtechnologie die Show. Nur, um dieser – ganz „Business Boy” – gleich wieder eine strahlende Zukunft vorherzusagen.
Denn der Auftritt Zuckerbergs und der Samsung-Executives legte einen Plan offen, der völlig Neues verheißt: Facebook will sich zur größten Sharing-Plattform für VR-Content entwickeln und somit auch Google mit YouTube überflügeln. Da passt die Kooperation mit dem Gerätehersteller ins Konzept. Facebook wird zur weltweit führenden Plattform, weil es vom weltweit führenden Gerätehersteller mitvertrieben wird – und umgekehrt.
Dass dies nicht immer funktioniert, muss Zuckerberg in Indien erleben. Denn ein ähnlicher Deal wie mit Samsung steckt hinter der seit gut drei Jahren vorangetriebenen Initiative „Internet.org”. ­Gewandet als CSR-Projekt, versucht Facebook, Telekomunternehmen in Schwellen- und Entwicklungsländern dazu zu veranlassen, die Zielgruppe derer ohne Internetzugang ans Netz anzuschließen.
Der Trick birgt für Facebook nur Vorteile: Die Kosten für den Infra­strukturaufbau und Antennen-Roll-out muss der Telekompartner tragen. Facebook macht das Marketing, und die Nutzung ist für eine Einstiegszeit von ein bis drei Jahren, je nach Markt, kostenlos. Wenig überraschend gibt es ohne Zahlung nur eine eingeschränkte Nutzung des Internets, und zwar primär und teilweise ausschließlich Facebook.

Indien leistet Widerstand

In manchen Ländern haben kleinere Telekomfirmen, geehrt durch Zuckerbergs Aufmerksamkeit, auch eine Partnerschaft unterschrieben. In Indien wurde der Deal jedoch wegen unlauteren Wettbewerbs gestoppt. Damit kann sich Facebook zumindest am Subkontinent seine Marktausweitung nicht mehr durch die Telcos finanzieren lassen.

Auch in Sachen VR baut Facebook zügig eine Marktdominanz auf und lässt die Telekombranche für die Infrastruktur zahlen. Denn die Datenvolumina für VR sind noch ungleich größer als jene für HD-Video. Facebook wird global die Werbekunden lukrieren und das Eintreiben von Nutzergebühren und Kosten den Telcos überlassen. Somit wird Facebook zum größten Schwarzfahrer aller Zeiten: Der Konzern nutzt die globalen Datenverkehrsverbünde, um mit seiner neuen Technologie mitzufahren – gratis.
Zuckerberg sieht dies als vollkommen natürlich an. So erklärte er bei einem Interview mit Jessi Hempel, der stv. Chefredakteurin des Magazins Wired, er verstehe die andauernde Frustration der Telekombetreiber, die Milliarden in schnellere Netze für Facebook investieren müssen, nicht. Es liege an ihnen, sich neue Businessmodelle einfallen zu lassen. Facebook und er selbst seien jederzeit zu Partnerschaften bereit.

Visionen von Drohnen

Zuckerberg nutzte daher den WMC auch, um ein neues „Telco Infrastructure Project” aus der Taufe zu heben, um, wie er sagte, „die Kosten aus der Telekominfrastruktur herauszunehmen”. Einige Operatoren fanden die Idee einer „Infrastruktur light” interessant genug, um zu unterschreiben. Zwischenzeitlich unterhielt er die Zuhörer mit Geschichten vom Aquila-Projekt (Internet aus der Stratosphäre per Drohne, Anm.) und den Solarflugzeugen von Facebook, die, wie Drohnen am Firmament kreisend, von Sonnenenergie endlos bestromt, Internetverkehr auch in fernen Zonen und Gebieten anbieten sollen. Unter den Zuhörern gab es nur wenige, die an sonnenlose Nächte dachten; der Großteil dachte nur an die mikromillimetergenaue Lasertechnologie, die der ­Facebookchef beschrieb – ein Wunder an Präzision und Novität …

Und damit noch nicht genug: Facebook lade auch zu einer OpenCompute-Initiative ein. Ziel sei es, Open Source Server-Software zu entwickeln – gemeinschaftlich, rund um den Globus. Dies würde der Telekomindustrie mindestens zwei Mrd. USD pro Jahr ersparen, und – oder nur jedoch – lediglich die Serverhersteller ruinieren. Damit nimmt er auch die Data Center-Betreiber Google und Amazon ins Fadenkreuz. Außerdem will er vor allem in Europa in F&E investieren und entsprechende Zentren schaffen. Denn VR schaffe eine in der Menschheitsgeschichte bis dato unbekannte immersive Kommunikation (Immersion: der Eindruck, dass sich die Wahrnehmung der eigenen Person in der realen Welt vermindert und in der virtuellen vergrößert, Anm.); VR, verbunden mit artifizieller Intelligenz, sei die nächste technologische Herausforderung für Facebook.
Als Schwarzfahrer mit VR-Blick in den Netzen der Telekomindus­trie und befeuert von mobilen Werbeumsätzen, will Facebook im direkten Dreikampf mit Google und Apple um die Dominanz im digitalen Oligopol kämpfen. Auf dem MWC gelang die Demonstration dieser Dominanz, da Apple prinzipiell nicht teilnimmt und Google außer der Android-Plattform wenig Präsenz zeigte. Die kombinierte Marktbeherrschung dieser Drei markiert den Weg in die Zukunft stärker als alle neuen Geräte und Apps an den mehr als 8.000 Ständen von Ausstellung und Kongress.

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