Die Renaissance des Bauwesens
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GroßprojektEin besonders wichtiges Beispiel für die aktuelle rege Bautätigkeit in Wien: das Quartier Belvedere Central, kurz QBC genannt.
FINANCENET REAL:ESTATE 04.12.2015

Die Renaissance des Bauwesens

Mehr als 30 Mrd. € hat die Bauwirtschaft in Österreich an ­Produktionswert erwirtschaftet – 2016 könnte es mehr werden.

••• Von Paul Christian Jezek

Das internationale Umfeld passt bestens: Der europäische Bauindex von Bloomberg verzeichnet seit Anfang des Jahres inklusive Dividenden eine Rendite von rund 24%. Der „breite Markt“ – dargestellt durch den Stoxx 600 – hat in der Zwischenzeit immerhin 16% geschafft: durchaus beachtlich, aber doch deutlich weniger als der Bau.
Das liegt vor allem an den wieder erstarkten Märkten Großbritannien und Vereinigte Staaten. In den USA legten die Bauausgaben im Oktober um 1,0 Prozent auf einen auf das Jahr hochgerechneten Wert von 1,11 Billionen Dollar (1,05 Bill. Euro) zu, geht aus den aktuellsten Daten des dortigen Handelsministeriums hervor – das ist der höchste Wert seit immerhin acht Jahren.
Auch in der EU besinnen sich jetzt wieder zahlreiche Länder, dass es – Krise hin, dieselbe her – so etwas wie Infrastruktur gibt und dass in eben diese auch ab und zu investiert werden muss. Dazu kommen günstige Finanzierungsmöglichkeiten und konjunkturelle Impulse

Die „Großen“ zeigen’s vor
Österreichs bei Weitem größter Bauriese Strabag hat diese Woche Zahlen vorgelegt – und die habens sich: Die Gewinne wurden in den ersten drei Quartalen massiv ausgebaut. Unter dem Strich blieb ein Konzernergebnis von 58,3 Mio. – nach „nur“ 14,4 Mio. € im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Der Gewinn je Aktie (EPS) stieg von 14 auf 57 Cent, die Bauleistung erhöhte sich um 6% auf 10,26 Mrd., der Konzernumsatz stieg um 7% auf 9,48 Mrd. €.
Kleiner Wermutstropfen: Der Auftragsbestand war stark rückläufig – er ging um 11% von 15,4 auf 13,76 Mrd. € zurück. Besonders deutlich hat sich der Orderbestand in Russland und – von einem hohen Niveau ausgehend – in Deutschland reduziert. „Selbstverständlich haben wir ein Augenmerk darauf, für einen konstanten Fluss neuer Aufträge zu sorgen“, sagt dazu Vorstandschef Thomas Birtel. „Allerdings liegt unser Hauptziel darin, die Rentabilität zu steigern. Ein stärkeres Risikomanagement bedeutet auch, dass wir uns bei dem einen oder anderen Projekt aus ­Risikoüberlegungen eben nicht engagieren.“
Für die Strabag seien jedenfalls „die Weichen gestellt“, damit sich die Rentabilität mittelfristig weiter erhöht. „Im Gesamtjahr 2015 wirken sich diese Bemühungen erneut sichtbar positiv auf das Ergebnis aus“, so Birtel. Die Bauleistung soll gegenüber dem Vorjahr von 13,6 auf 14 Mrd. € steigen und das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) „zumindest 300 Mio. Euro“ erreichen – nach 282 Mio. 2014. Birtel: „Die Ergebnisse der ersten neun Monate stimmen zuversichtlich, dass wir dem Ziel, unsere EBIT-Marge (EBIT zu Umsatz) nachhaltig auf 3% anzuheben, einen weiteren Schritt näher kommen werden.“ 2016 soll dieser Wert dann erreicht werden.
Ähnlich positiv stellt sich die aktuelle Situation für die klare Nummer 2 in Österreich dar, denn auch die Porr-Gewinne wurden in den ersten drei Quartalen massiv aufgestockt. Hier verdoppelte sich das Ergebnis vor Steuern (EBT) um 116% (!) auf 32,6 Mio. €. Unter dem Strich blieb ein Periodengewinn von 24 Mio. € – ein Plus von 90% gegenüber der Vergleichsperiode des Vorjahres.

Porr-Chef Karl-Heinz Strauss begründete die Gewinnsteigerung mit der „soliden Produktionsleistung“, die sich mit 2,54 Mrd. € (+1,4%) auf Vorjahresniveau stabilisierte, und „verbesserter Kostenstruktur“: „Die Heimmärkte, ergänzt um punktuelles Engagement in den Projektmärkten und ausgesuchte ­Infrastrukturprojekte in Katar, bilden das stabile Fundament.“ (­medianet berichtete zuletzt ausführlich über besonders heraus­ragende Projekte.)
Im Unterschied zur Strabag erhöhte sich der Auftragsbestand im Neunmonatszeitraum im Vergleich zur Vorjahresperiode um 514 Mio. (+12%) auf 4,647 Mrd. €; der Auftragseingang legte um fast 40% oder 887 Mio. auf 3,128 Mrd. € zu. Dieser Schub war laut Strauss außerdem nicht Einmaleffekten wie einzelnen Großprojekten geschuldet, sondern „verteilte sich gleichmäßig auf die einzelnen Business Units“: Porr profitiert ihrem Chef zufolge weiterhin von ihrer „­Strategie des intelligenten Wachstums“.
Nach dem Gewinnplus in den ersten drei Quartalen ist auch im Gesamtjahr ein Zuwachs zu erwarten: „Vor dem Hintergrund der bisherigen Unternehmensentwicklung rechnen wir für das Geschäftsjahr 2015 mit einem positiven, steigenden Gesamtergebnis“, so Strauss.
Der Auftragspolster reiche weit über 2016 hinaus und erlaube daher in vielen Bereichen eine „ertragsorientierte, margengetriebene Auftragsakquisition“.

Wie sehr hilft die Offensive?

Auf dem Heimatmarkt soll die – endlich – fixierte Wohnbauoffensive erbaulich für die Baubranche wirken. „Wir schaffen damit mehr leistbaren Wohnraum, stützen die Konjunktur und sichern Arbeitsplätze“, hofft Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. „Insgesamt können dadurch rund 30.000 zusätzliche Miet- und Eigentumswohnungen gebaut werden.“
Der vom Bund garantierte Teil der Gesamtfinanzierung beträgt 500 Mio. €. Der neuen Wohnbauinvestitionsbank (WBIB) wird es damit ermöglicht, Kredite der Europäischen Investitionsbank (EIB) von bis zu 700 Mio. € abzurufen, womit eine zusätzliche Investitionstätigkeit von bis zu 5,75 Mrd. € angeregt werden soll – davon rund fünf Mrd. für die Wohnraumschaffung und rund 750 Mio. € für die siedlungsbezogene Wohn­infrastruktur. Experten der Nationalbank schätzen, dass durch die direkten Investitionseffekte und indirekten Nachfrageeffekte der Wohnbauoffensive eine Erhöhung des jährlichen BIP um 1,316 Mrd. € oder 0,4 Prozentpunkte zu erwarten ist.

Auch die Bahn baut auf und aus

Am 30.11. haben ÖBB und die Europäische Investitionsbank (EIB) einen Vertrag über ein Darlehen von 1,8 Mrd. € abgeschlossen, um damit drei Bauprojekte am Baltisch-Adriatischen Korridor des Europäischen TEN-V-Kernnetzes zu finanzieren:
• Der Semmering-Basistunnel zwischen Gloggnitz und Mürz­zuschlag ist etwa 27,3 km lang und wird mit zwei parallel geführten Tunnelröhren realisiert.
• Der neue Güterterminal Wien Süd an der Stadtgrenze Wiens umfasst in der ersten Phase etwa 55 ha und ist für den intermodalen Güterverkehr das, was der Wiener Hauptbahnhof für die Menschen ist: Eine zentrale Drehscheibe für alle Fahrten nach Nord, Ost, Süd und West. Die maximale Umschlagkapazität beträgt 145.000 intermodale Transporteinheiten pro Jahr.
• Der zweigleisige Ausbau der etwa 24 km langen Pottendorfer Linie über Hennersdorf, Münchendorf und Wampersdorf wird die ­Kapazität der Südstrecke im Einzugsbereich von Wien deutlich erhöhen. Nach Fertigstellung des Gesamtprojekts stehen vier Gleise zwischen Wien und Wiener Neustadt zur Verfügung. Insgesamt werden in österreich jährlich rund zwei Mrd. €
für Bahninfrastruktur aufgewendet.

Vorsichtiger Optimismus

Bei den leidgeprüften KMU der Baubranche ist die große Euphorie durch Wohnbauoffensive und ÖBB-Aktivitäten zwar noch nicht ausgebrochen, zu vorsichtigem Optimismus reicht es aber immerhin.
Laut einer topaktuellen Umfrage der Baudatenbank www.ausschreibung.at unter mehr als 800 Firmen des Bauhaupt- und Baunebengewerbes hofft die Branche neben dem Konjunkturpaket der Bundesregierung auch auf die Änderungen im Vergaberecht.
40,1% der Firmen beurteilen die aktuelle Geschäftslage positiver als noch zu Jahresbeginn, knapp ein Drittel musste die Erwartungen herunterschrauben. Die Aussagen zu den Auftragseingängen stützen dieses Bild: Die Konjunktur hat angezogen, fast 70% der Betriebe sprechen von einer positiven Auftragslage im zweiten Halbjahr.
Vom Wohnpaket selbst erwarten knapp unter 50% keine oder eher keine verbesserten Auftragschancen, mit positiven Auswirkungen rechnen immerhin rund 34%. Etwa die Hälfte sieht positive Auswirkungen auf ihre Auftragschancen durch das Bestbieterprinzip – hier vermuten 40%, dass sich die Situation für sie nicht ändert.
Breite Zustimmung findet in der Branche weiters die geplante Verpflichtung zur Bekanntgabe aller Subunternehmer bereits im Angebot: 48% der Bauunternehmen befürworten diese Maßnahmen ganz klar, nur 27,6% sprechen sich dagegen aus.
Dasselbe gilt bei der sogenannten Kleinlosregelung, durch die Klein- und Mittelbetriebe künftig bessere Berücksichtigung bei der Vergabe von Großaufträgen finden sollen; hier rechnen 58,8% der Umfrage-Teilnehmer mit positiven Auswirkungen für ihre Firma.

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