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„Achtsamkeit schließt Verantwortung mit ein” © Ja! Natürlich/Christian Dusek
© Ja! Natürlich/Christian Dusek

Redaktion 14.10.2022

„Achtsamkeit schließt Verantwortung mit ein”

Klaudia Atzmüller, Geschäftsführerin von Ja! Natürlich, über Geothermie, Artenvielfalt und Regionalität.

••• Von Georg Sander

Lebensmittel heißen nicht umsonst so. Einerseits ist „Du bist, was du isst” nicht ganz so falsch. Jeder kennt wohl Produkte, auf die der eigene Körper besser reagiert als auf andere. Andererseits ist Essen mittlerweile zum Politikum geworden: In Zeiten der Klimakrise muss jedem Menschen klar sein, dass auch Konsumentscheidungen zu einem besseren Klima beitragen können.

2021 hat Ja! Natürlich gemeinsam mit Greenpeace eine Studie beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) in Auftrag gegeben, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Lebensmittelkonsum und Klima beschäftigt
„Die Studie hat klar gezeigt, dass Bio-Produkte durchschnittlich eine um 25 Prozent geringere Treibhausgas-Emission verursachen als konventionelle Produkte. Wenn die Bio-Produkte dann auch noch aus der Region stammen, können bis zu 31 Prozent der THG-Emissionen eingespart werden”, erklärt Geschäftsführerin Klaudia Atzmüller im exklusiven Gespräch mit medianet und spricht darüber hinaus über die aktuelle Lage beim Unternehmen.

Klarer Zusammenhang

Die Formel sei einfach: Mehr Bio ist immer auch mehr Klimaschutz, und regionale Bio-Produkte sind für das Klima noch besser: „Wir haben auch schon einige Produkte auf Basis der Studienergebnisse verbessert. Unser neuester Zuwachs im Sortiment in diese Richtung ist unser Ja! Natürlich Bio-Haferdrink in der Mehrweg-Glasflasche.”

Nicht nur die Mehrwegflasche ist nachhaltiger, sondern der für das Produkt gewonnene Bio-Hafer stammt aus Bio-Anbau in Niederösterreich und dem Burgenland. „Mit solch nachhaltigen Produktlösungen schaffen wir einfache und praktikable Lösungen, um den Klimaschutz in den Alltag zu integrieren.”

Widerstandsfähigkeit

Regionalität, das zeigt die geopolitische Krise rund um den russischen Angriff auf die Ukraine, ist auch ein Schlüssel zur Versorgungssicherheit. „Über 80 Prozent unserer Produkte stammen aus Österreich”, stellt sie klar. Hier treffen sich die Interessen von Klimaschutz und der Versorgung mit Lebensmitteln. Ein Beispiel: Das Ja! Natürlich-Sonnenblumenöl aus Österreich ist durchgängig in allen Filialen verfügbar, während es bei ausländischen Produkten in dieser Produktkategorie häufiger zu Lieferausfällen kommt.

Österreichische Lieferanten hätten bei dem Unternehmen schon immer den Vorrang bei der Beschaffung von Rohstoffen, somit sei man etwas unabhängiger vom Weltmarkt. „Das sieht man auch direkt im Regal”, betont Atzmüller.
Zusätzlich sind Bio-Produkte von den aktuellen Preiserhöhungen weniger stark betroffen: Während konventionelle Produkte im Durchschnitt um 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr teurer wurden, schlägt die Teuerung bei Bio-Produkte nur mit 3,5 Prozent zu Buche. Woran das liegt? Man sei weder auf Kunstdünger, noch auf Futtermittel­importe aus der ganzen Welt angewiesen, da die Tiere fast ausschließlich regionale Bio-Futtermittel bekommen.

„Für mich und die Welt”

Neben Regionalität spielt auch Saisonalität eine Rolle – nicht nur für Bioproduzenten, sondern auch für die Menschen. Gerade am Anfang der Pandemie haben viele Menschen häufiger zu Hause gekocht und sich so auch mehr mit Lebensmitteln beschäftigt. „,Gut für mich' reicht aber nicht mehr aus”, so Atzmüller, „,Gut für mich und die Welt' – das ist heute entscheidend. Die Achtsamkeit bei der Lebensmittelwahl kommt längst nicht mehr nur aus der Verantwortung gegenüber der eigenen Gesundheit, sondern schließt auch die Verantwortung für die Zukunft unseres Planeten mit ein.”

Im Moment liege der Fokus bei den sogenannten Ernährungstrends stark auf der pflanzenbasierten Ernährung. Der Anteil der Flexitarier, die weniger Fleisch essen, steige und da rücken viele Gemüsesorten wieder in den Fokus: „Besonders beliebt bei unseren Kundinnen und Kunden sind unter anderem klassische Wintergemüse wie Rote Rüben, aber auch weniger bekannte Sorten wie Chiogga-Rüben oder Goldrüben erfreuen sich wachsender Beliebtheit.” Und der Kürbis sei aus der herbstlichen Küche nicht mehr wegzudenken – egal ob Delicata-, Spaghetti-, Eichel-, Baby Bear- oder Blue Ballet-Kürbis, die Auswahl ist groß. Andere Sorten könne man dank neuester Entwicklungen klimaschonend und länger anbieten (Details siehe Kasten).

Das Wie ist entscheidend

Pflanzlich und flexitarisch liegt also im Trend, und Menschen essen doch weiterhin zu viel Fleisch. Laut WWF macht Fleisch zwar nur neun Prozent unserer gesamten Ernährung aus, verursacht aber 43% der ernährungsbedingten Treibhausgas-Emissionen und heizt somit die Erderwärmung weiter an. „‚It’s not the cow. It’s the how', heißt es in den USA”, erklärt die Geschäftsführerin dazu. Nicht die Kuh an sich sei das Problem, sondern ihre „völlig falsche Haltung und Fütterung. Mit Kraftfutter wie Getreide, Soja oder Mais wachsen die Rinder zwar schneller, und die Kühe geben mehr Milch, aber diese Fütterung ist wider die Natur.”

Außerdem ließe sich das verfütterte Getreide besser gleich direkt als Lebensmittel nutzen. Daher stellt Ja! Natürlich sicher, dass die Hauptfutterbasis für alle Rinder Gras ist – nur zehn bis 15% des Futters dürfen von Ackerflächen stammen. Das ist wichtig, sind doch Rinder die einzigen Lebewesen, die Gras effizient in Lebensmittel umwandeln können. Insofern müsse man die Sache mit gar kein Fleisch/keine Milch differenziert sehen: „Rund 40 Prozent der Landfläche in Österreich sind nicht für den Ackerbau nutzbar, somit ist es durchaus sinnvoll, diese für Milch und Fleisch von artgemäß gehaltenen Weidetieren zu nutzen.” Die Weidehaltung von Rindern habe zudem auch positive Effekte auf den Klimaschutz, etwa durch einen höheren Erosionsschutz der Böden, Erhalt der Artenvielfalt, Speicherung von Kohlenstoff, um nur einige zu nennen.

Klar kommunizieren

Lebensmittel in Bioqualität haben also einige Vorteile gegenüber der konventionellen Produktion. Ein weiterer Aspekt, für den sich Ja! Natürlich einsetzt, ist zudem der Boden, auf dem die Pflanzen angebaut werden oder die Tiere leben. Denn die Erhaltung von gesunden Böden sei im Kampf gegen den Klimawandel von immenser Wichtigkeit. „Darauf setzen wir aktuell in der Kommunikation einen starken Fokus, um hier mehr Bewusstsein zu schaffen”, sagt Atzmüller. Biodiversität und Humuserhalt sind essenziell für einen intakten Boden, den man dringend benötigt, wenn die aktuelle und künftige Generationen noch wertvolle Lebensmittel ernten können wollen.

Das Insektensterben und der Verlust der Artenvielfalt stellen eine größere Bedrohung dar, als viele wissen. „Ein Löffel gesunder Boden hat mehr Organismen als Menschen auf der Erde”, erklärt sie. „Und diese kleinen Helferlein müssen wir beschützen, da sie uns und der Erde so viel zurückgeben. Wichtig ist uns, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die biologische Landwirtschaft dazu beiträgt, unsere Böden gesund zu erhalten und die Artenvielfalt zu stärken.”
Deshalb verzichtet man in der biologischen Landwirtschaft auf chemisch-synthetische Spritzmittel und sorgt so für einen gesünderen und fruchtbareren Boden. Dieser sei nicht nur natürlicher Lebensraum für Nützlinge, sondern diese humusreiche Erde speichert besonders viel CO2 und schützt so unser Klima.
Ein gesunder Boden sei auch robuster bei Extremwetterlagen wie Trockenzeiten und Starkregen. Atzmüller: „Unsere Bio-Bäuerinnen und -Bauern leisten Tag für Tag mit dem Erhalt gesunder Böden in Österreich einen wichtigen Beitrag für den Klimaschutz.” So sorgen Lebensmittel dafür, dass wir auch in Zukunft gut leben können.

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