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Alle für einen oder einer für alles oder gar die Nummer 1? © Kastner/Stephan Huger
© Kastner/Stephan Huger

05.02.2016

Alle für einen oder einer für alles oder gar die Nummer 1?

Christof Kastner, Chef der Kastner-Gruppe in Zwettl, spielt das Handelsklavier in allen Tonlagen – zurzeit ohne jeden Misston.

••• Von Christian Novacek

WIEN/ZWETTL. Die Umsatzsprünge, die das Waldviertler Handelshaus Kastner in den letzten Jahren absolvierte, sind mehr als possierlich: Die Jahre 2013 und 2014 punkteten mit jeweils mehr als fünf Prozent Wachstum und von 2014 auf 2015 waren es immer noch 3,4 Prozent Plus. „Das”, so Firmenchef Christof Kastner, „liegt weit über dem Branchenschnitt.” Zuletzt – nach strenger Rechnung, also in der Netto-Großhandelspreis-Perspektive – waren es ­gesamt 206,7 Mio. €.

Wie bei Nah&Frisch-Großhandelshäusern heutzutage üblich, stammt der größere Teil des Erlöses aus der Gastronomie, rekrutiert sich also aus den C&C-Märkten sowie dem Zustelldienst. In beiden Bereichen stehen die Zeichen auf Expansion – einerseits effektiv anhand z.B. drei Mio. € Investition in den Abholmarkt in Eisenstadt, andererseits ebenso anhand eines indirekten Hebels. Denn, so lässt Kastner durchblicken: Inwieweit eine Schweizer Coop (die vor Kurzem bei Pfeiffers C&C-Flotte das Ruder übernahm) mit Transgourmet am heimischen Markt Sympathiepunkte verliert und inwieweit ein Kastner-C&C im Wettbewerb mit Transgourmet ebensolche Sympathiepunkte einzusammeln in der Lage sein wird – das sei mal dahingestellt.

Modern und doch klassisch

Was Christof Kastner auszeichnet: Er zeigt sich modernen Handelsformen gegenüber aufgeschlossen. Aktuell vertreibt er sogar den einzigen 3D-Lebensmitteldrucker hierzulande. Gleichzeitig steht er fest auf Waldviertler Urgrund, sodass ihm Expansionen und Investitionen, die nicht aus dem Cashflow kommen, suspekt dünken. Und, kongenial dazu passend: „Die Nachhaltigkeit ist bei uns ein innovativer Bestandteil des Geschäftsmodells.”

Vielleicht das schönste Aushängeschild hierfür ist die Vertriebsschiene Biogast. Im Gastro-Bio-Katalog stehen als Fachsortiment (Naturkostfachhandel) 12.000 Produkte zur Verfügung, 4.000 davon sind speziell für den Gastrobereich. Neben der Gastronomie ist Biogast derzeit die expansivste Kastner-Schiene.
Bedächtig investieren, nachhaltig agieren – das klang vor zehn Jahren noch nach Klötzchen am Expansionsfuß. Heute ist das anders. Heute ist es das A & O des erfolgreichen Kaufmanns. Es inkludiert ebenso neue Vertriebswege, wie den Onlinehandel. Und es inkludiert ein EDV-Backup, das nicht von einem Fremdanbieter aufgesetzt, sondern homemade maßgeschneidert „so schnurrt, dass die Expansion fast wie von selber läuft”.
Das gilt besonders und nicht zuletzt wegen des strategisch wohldurchdachten Ansatzes für den Onlineshop myProduct.at – wo aktuell in Kooperation mit Herold den Kunden die Auffindbarkeit heimischer Spezialitäten leicht gemacht werden soll. Nach der Bewährung auf B2C-Ebene erfolgt in 2016 der Sprung auf den B2B-Level unter „b2b.myproduct.at”. „Wir wollen Gastronomen und anderen Wiederverkäufern den Zugriff auf ein großes Sortiment österreichischer Spezialitäten und Manufakturprodukte bieten, wo sie mit größtmöglicher Einfachheit bestellen können”, sagt Kastner. Ebenfalls neu: Gemeinsam mit dem Logistikpartner DPD stellt myProduct.at Pakete ab sofort in ganz Deutschland zu – und macht damit österreichische Spezialitäten (5.600 Produkte von 300 Produzenten) für unsere Nachbarn per Mausklick zugänglich. „Ziel der Erweiterung des Liefergebietes ist es, unsere urtypischen und sonst meist nur regional verfügbaren Qualitätsprodukte auch für Liebhaber österreichischer Produktqualität in Deutschland zugänglich zu machen”, sagt ­Rainer Neuwirth, Geschäftsführer der ­myProduct GmbH.

Generationenwechsel

Aber auch die Internetaffinität der Nah&Frisch-Kaufleute – gesamt sind das 153 – erfährt eine Neu-Gewichtung. Innerhalb dieser kann beispielsweise ein Kaufmannn tagtäglich alle neuen Artikel im Web­shop sehen. „Bei unseren Kaufleuten ist der Generationenwechsel angesagt”, erläutert der für Nah&Frisch zuständige Geschäftsführer Andreas Blauensteiner.

Damit wären wir beim Herzstück des Großhandels namens Nah&Frisch angelangt. Zwar mag sich dieser Herzschlag in den letzten Jahren ein wenig verlangsamt haben, während die Gastroschiene etwas stärker pulsiert, aber: Zum einen ist die Ansage Blauensteiners in Sachen Nah&Frisch-Expansion des Jahres 2015 zumindest solide. Neben sechs Übernahmen bestehender Standorte durch Kastner wurden sechs zusätzliche Standorte eröffnet, 22 Kosmetisierungen und 10 Regaloptimierungen durchgeführt. Auch das Qualitätslevel hat sich in mitunter begrenzte Raumverhältnisse (200 m2 Verkaufsfläche im Durchschnitt) kuschelig eingefügt, immer öfters inklusive Gastronomie-Eck. Blauensteiner dazu: „In kleinen Orten, wo das letzte Gasthaus geschlossen hat, übernehmen unsere Kaufleute auch den geselligen Aspekt des Hinsetzens und Kaffeetrinkens.”

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