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Das ungenutzte Potenzial der KI im Einzelhandel © Morris Mac Matzen/mmacm.com für Horváth & Partners

Die „Angst, Fehler zu machen” und ein „mangelnder Digitalisierungsgrad” sind die zentralen Hemmnise für Händler, meint Michael Buttkus (Bild).

© Morris Mac Matzen/mmacm.com für Horváth & Partners

Die „Angst, Fehler zu machen” und ein „mangelnder Digitalisierungsgrad” sind die zentralen Hemmnise für Händler, meint Michael Buttkus (Bild).

Redaktion 17.01.2020

Das ungenutzte Potenzial der KI im Einzelhandel

Eine Horváth-Studie attestiert dem Handel Nachholbedarf bei der Implementierung Künstlicher Intelligenz.

••• Von Paul Hafner

WIEN. Eine aktuelle Studie des international tätigen Beratungsunternehmens Horváth & Partners attestiert dem Handel Nachholbedarf in puncto Künstlicher Intelligenz: Nur etwas mehr als jedes zweite Handelsunternehmen in Deutschland operiere derzeit mit KI-Anwendungen bzw. versuche Prozesse mittels der Implementierung selbstlernender Algorithmen zu verbessern. Während im Bereich Produktion und Operations KI-Anwendungen bereits von 77% der Unternehmen genutzt werden, sind es im Bereich Organisation & Verwaltung gerade einmal 46%.

Befragt wurden 101 Entscheidungsträger bedeutender deutscher Handelskonzerne.

Wo der Schuh drückt

Hemmnisse sieht Studienautor Michael Buttkus u.a. im „unzureichenden Digitalisierungsgrad”, den 44% der Unternehmen als Hindernis für KI-Bestrebungen nennen. „Analoge Prozesse und Informationsinseln machen es smarten Algorithmen schwer”, erklärt Buttkus.

Die Rechnung gehe dennoch auf: „Investitionen in einen höheren Digitalisierungsgrad amortisieren sich durch eine KI-basierte, optimierte Sortiments-, Preis-, Lager- und Personalplanung und Einsparungen durch das Einstellen von Massenmarketing.” Die Handelsbranche stehe in diesem Zusammenhang „vor der großen Herausforderung des Fachkräftemangels”.
Um die Zukunft des Handels zu gestalten, brauche es „neue, komplementäre Kompetenzprofile in der eigenen Mannschaft”. Dies sei „eine teure Mammut-aufgabe, insbesondere für traditionelle Handelsunternehmen” – aber eine, die zu bewältigen sich definitiv lohnen würde.
„Der deutsche Handel ist eher evolutionär, weniger disruptiv unterwegs; automatisierte Distribution und intelligente Routenplanung sind hier jeweils noch immer nicht flächendeckend verankert”, führt Buttkus aus.

Best Practices im LEH

Im Bereich Convenience sieht Buttkus vor allem Amazon Go als großen Vorreiter, doch auch die holländische Supermarktkette Albert Heijn – „mit digitalen Einkaufslisten, Smart Shelfs, TaptoGo und Pricing” – sei den Händlern im deutschsprachigen Raum weit voraus.

Sehr gut dabei sei der Schweizer Marktführer Migros mit seinem personalisierten Onlineshop myMigros, dem App-basierten Zustellservice Miacar und der Peer-to-Peer-Einkaufsplattform Amigos.

Lobend hebt Buttkus zudem das Geschäftsmodell Edeka/Picnic mit der Erschaffung des „datengetriebenen Milchmanns” hervor, sieht aber sowohl bei Deutschland als auch bei Österreich „deutlichen Aufholbedarf”; die Nase vorn in puncto Innovationen hätten Großbritannien und die Niederlande, die Schweiz sei mit Migros und Coop („hier hilft die bessere Margensituation”) auf einem guten Weg.

Mut ist gefragt

Für den deutschsprachigen Handel gehe es darum, „aus seiner Beobachterrolle herauszutreten” – Potenziale zur KI-Implementierung gebe es in sämtlichen Bereichen: von Einkauf, über Personalwesen, Organisation, Verwaltung und Logistik bis hin zu Kundenservice, Vertrieb und Marketing.

Der stationäre Handel könne besonders profitieren, da durch Kundenkarten schon heute auf einen „riesigen Datenschatz” zugegriffen werden könne. Ist der Schritt der Digitalisierung des Backoffices getan, könne der Start mit Pilot- und kleineren Teilprojekten begonnen werden – wichtig sei hier „gutes Change-Management”, das für eine erfolgreiche Unternehmenstransformation notwendig sei.
Konkrete Potenziale für den Lebensmitteleinzelhandel sieht Buttkus in der Predictive Analysis: „Globale Trends haben für einzelne Standorte unterschiedliche Bedeutung. Auf Basis aktueller und historischer Daten kann KI schneller, effizienter und objektiver entscheiden, wie sich das Sortiment stand­ortspezifisch optimal gestalten lässt.”

Kuratierte Werbung

Ein weiteres Anwendungsbeispiel sieht Buttkus in der Personalisierung des Einkaufserlebnisses: „Die zweiseitige Bewerbung der Fleisch- und Käsetheke im aktuellen Prospekt möchte der vegane Konsument nicht sehen. Das pflanzliche saisonale Rezept und die Verfügbarkeit aller Zutaten im Ladengeschäft locken ihn dagegen an den POS. Möglich machen es ein Mix aus persönlicher und externer Datenanalyse” – personalisierte Angebote seien effektiver und langfristig günstiger (und nachhaltiger) als Massenmarketing mit Prospekt und Handzettel.

Auch für kleinere Unternehmen sei es an der Zeit, tätig zu werden; maßgeschneiderte KI-Lösungen existieren für jede Unternehmensform. Buttkus rät zur Eile, um den Abstand zu Early Adoptern aufzuholen und die KI-Gap möglichst rasch zu schließen – denn: „Die Schonfrist ist bereits vorbei.”

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