Der Handel wächst, aber nicht am Land
© APA/Georg Hochmuth
RETAIL Redaktion 09.10.2026

Der Handel wächst, aber nicht am Land

Studie der KMU Forschung Austria zeigt: Die Nahversorgung bleibt gesamt stabil, doch kleine Gemeinden verlieren.

•• Von Christian Novacek

Die gute Nachricht: Nahversorgung mit Lebensmitteln ist in Österreich insgesamt stabil. Und gleich die weniger gute dazu: Der Druck auf kleine und periphere Gemeinden wächst. Je kleiner, desto stärker.
Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Nahversorgerstudie 2026 der KMU Forschung Austria, die im Auftrag des Bundesgremiums Lebensmittelhandel in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) erstellt wurde. Grundlage sind Daten der Statistik Austria sowie Standortdaten des Lebensmitteleinzelhandels für die Jahre 2021 bis 2024.

Untersucht wird die Nahversorgung durch den Lebensmitteleinzelhandel, also durch Supermärkte, Verbrauchermärkte, Gemischtwarenhandlungen und kleinere Geschäfte. Österreichweit ist die Zahl der Standorte des Lebensmitteleinzelhandels zwischen 2021 und 2024 um 3,6% gestiegen. Hinter diesem Plus verbirgt sich allerdings die unterschiedliche Entwicklung von Stadt und Land. In dicht besiedelten Gebieten nahm die Zahl der Standorte um rd. 14% zu, in dünn besiedelten ging sie dagegen um rund drei Prozent zurück.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die schon in der vorangegangenen Untersuchung sichtbar war: Wachstum findet vor allem in urbanen und dichter besiedelten Gebieten statt, während der ländliche Raum Standorte verliert.

Dichtes Netz in Österreich
„Der Lebensmittelhandel hat in den vergangenen Jahren seine Widerstandsfähigkeit klar bewiesen. Österreich verfügt weiterhin über ein sehr dichtes Nahversorgungsnetz. Gleichzeitig müssen wir unsere Anstrengungen dort verstärken, wo Standorte in kleinen und peripheren Gemeinden unter Druck geraten“, kommentiert das Christian Prauchner, Obmann des Bundesgremiums Lebensmittelhandel in der WKÖ.
Wie stark die Gemeindegröße über die Versorgungssituation entscheidet, zeigen die aktuellen Daten besonders deutlich. 2024 verfügten 401 von 2.114 untersuchten Gemeinden über keinen eigenen Lebensmittel-Nahversorger. Rund 423.000 Menschen beziehungsweise fünf Prozent der Bevölkerung lebten damit in einer Gemeinde ohne eigenen Standort des Lebensmitteleinzelhandels. Besonders groß ist die Lücke in sehr kleinen Gemeinden: Bei weniger als 500 Einwohnern haben 72% keinen eigenen Nahversorger. In Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern liegt dieser Anteil dagegen bei 0%. Schon die Daten für 2023 hatten ein ausgeprägtes Stadt-Land-Gefälle gezeigt. Damals verfügten 389 Gemeinden über keinen örtlichen Lebensmitteleinzelhändler, rund 411.000 Menschen beziehungsweise 4,5% der Bevölkerung waren davon betroffen.

Im peripheren ländlichen Raum hatte mehr als ein Viertel der Gemeinden keinen lokalen Nahversorger. Auch die Gemeindegröße war bereits entscheidend: Bei weniger als 500 Einwohnern lag der Anteil 2023 bei 69%, zwischen 501 und 1.000 Einwohnern bei 43%. Ab rd. 2.000 Einwohnern verbesserte sich die Versorgung deutlich, ab 5.000 Einwohnern verfügten sämtliche Gemeinden der untersuchten Größenklasse über einen Standort.

Lebensmittel im Fokus
Die Studie versteht Nahversorgung bewusst enger als der allgemeine Sprachgebrauch. Im Mittelpunkt stehen Geschäfte mit einem breit gefächerten Sortiment und Schwerpunkt auf Nahrungs- und Genussmitteln sowie Getränken. Damit reicht das Spektrum vom kleinen örtlichen Lebensmittelgeschäft bis zu Super- und Verbrauchermärkten. Nicht erfasst werden u.a. Bäckereien, Fleischereien, Drogerien, Tankstellenshops, Containershops und der landwirtschaftliche Direktverkauf. Eine Gemeinde ohne erfassten LEH-Nahversorger kann daher weiterhin über andere Versorgungsangebote verfügen. Ebenso sagt die reine Zahl der Standorte nicht in jedem Fall aus, wie weit der nächste Markt tatsächlich entfernt ist. Gemeinden im Umland größerer Zentren können trotz fehlenden eigenen Standorts über kurze Wege zu einem Geschäft in der Nachbargemeinde verfügen.

Für die Wirtschaftskammer steht die Sicherung jener Standorte im Vordergrund, deren wirtschaftlicher Betrieb aufgrund geringer Bevölkerungsdichte und kleiner Einzugsgebiete schwierig ist. Neben der Einwohnerzahl spielen Kaufkraft, Verkehrsanbindung, Kostenstrukturen, Raumplanung und Veränderungen des Konsumverhaltens eine Rolle. Im ländlichen Raum können Nahversorger zudem Funktionen übernehmen, die über den reinen Verkauf von Lebensmitteln hinausgehen.

Der Puls der Gemeinde
„Nahversorgung ist weit mehr als eine Einkaufsmöglichkeit. Sie schafft kurze Wege, regionale Wertschöpfung und ist wichtig für ein lebendiges Gemeindeleben“, betont Prauchner. Um Standorte abzusichern, spricht sich das Bundesgremium für flexiblere Modelle aus, etwa hybride Geschäfte mit bedienten und unbedienten Öffnungszeiten oder einen erleichterten Zugang zum Verkauf von Tabakwaren sowie Lotto und Toto.
Die Daten zeigen, dass sich hinter einer hohen Standortdichte strukturelle Verschiebungen verbergen. Bereits zwischen 2011 und 2021 war die Zahl der LEH-Nahversorgungsstandorte österreichweit um 6,9% gestiegen. In dicht besiedelten Städten betrug das Plus 13,4%, in kleineren Städten und Vororten 9,1%, während der ländliche Raum mit 0,3% stagnierte. Von 2021 bis 2023 kamen österreichweit sogar knapp 300 Standorte hinzu. Der Zuwachs entfällt indes fast ausschließlich auf Städte und Vororte, während der ländliche Raum 93 Standorte verlor. 2023 gab es 9.103 erfasste Standorte.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL